DER JA-ENGEL…

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CLARA

ein engel
kam geflogen und
rief mir zu
du kannst

eh ichs verstehe
und begreife
ist in allem
was ich heut beginne
dieser klang
du kannst

du kannst
nein
nicht die welt bewegen
doch
sie lieben
wie sie ist
du kannst

du kannst
die menschen
nicht verändern
doch lieben
kannst du sie

du kannst
du

rosadora g. trümper tuschick

WEITE B R Ü C K E N …

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HOHE NACHT DER KLAREN STERNE,
DIE WIE WEITE BRÜCKEN STEH’N
ÜBER EINER WEITEN FERNE
D’RÜBER UNS’RE HERZEN GEH’N

unseren herzen ist die weihnacht am nächsten von allen anderen christlichen festen, auch dann, wenn wir die christliche tradition nicht leben, bedeutet sie uns etwas.

es ist ‚das geborenwerden’, es ist das sich erneuende leben, das uns die zuversicht schenkt, wieder und immer wieder, die zuversicht, dass auch wir neu beginnen können in allem. startblöcke werden uns geschenkt, die uns signalisieren, nun mach mal, es ist (noch) nicht zu spät. das leben immer wieder neu beginnen, es neu sehen, neu gestalten – alles neu, einfach neu. den mut haben, eigene wege zu gehen, manchmal erst spät, nicht ausgetretenen pfaden hinterherwackeln, sonder da gehen, wo noch kein weg ist – meinen eigenen weg finden und eine spur legen.

ich übe das gern im wald, wo ich kreuz und quer laufe und mir damit ein bild mache, wie das in mir drinnen aussehen könnte mit dem eigenen weg. das ist eine schöne und gute erfahrung, immer wieder. und wenn es raschelt und kracht, was mir viel freude bereitet, weiss ich, dass es auch in mir ‚rascheln und krachen’ muss, um einen eigenen weg zu legen.

viele brücken brauchen wir, über die unsere herzen sich wagen zu gehen. unsere herzen wissen um die brücken…

ich nehme die erste strophe des liedes von hans baumann, das ein nationalsozialistisches weihnachtslied war. hier klingt es noch ohne absicht und äussert sich in wunderschönen bildern.

liebe RosaDora…

deinen text zum 21. dieses monats habe ich mir herauskopiert, ich kann ihn jetzt mit mir tragen und lesen wo immer ich bin,

deine stärkenden worte weisen mich über die weihnachtstage hinaus, in die rauhen nächte hinein, bis wir „langsam den tanz wieder aufnehmen“.

du schreibst es viel genauer und inniger, und was mir mut macht zum neuen herangehen an den eigenen lebenstanz, ist der hinweis von „langsam, ganz langsam“.

diese besinnlichkeit tut mir augenblicklich sehr wohl, ich will diesen rhythmus versuchen, indem ich zum beispiel eben dazu deinen text wiederholt hervorhole.

du schenkst mir noch eine andere variante: ich kann in deinem tagebuch nachspüren, dann bin ich gleichzeitig mit dir UND allen verbunden, die sich lesend darin einfinden.

jetzt weisst du, wo meine seele auch sein wird heute am 24., an weihnachten, an meinem geburtstag und bis in das beginnen zum neuen jahr.

zur grossen hoffnung, die du beschreibst in deinem wintergedicht, ist natürlich auch das viele persönlich unmittelbare mitgemeint…

sei lieb umfangen
deine rosmarie

ÜBER DIE SCHWELLE DER DUNKELHEIT GEHEN – INS LICHT…

WINTERSONNENWENDE

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heute ist ein besonderer tag. ohne es im bewusstsein zu haben, so früh am morgen, treibt es mich aus dem bett. erst als ich wach und wacher werde, erinnere ich das datum – 21. dezember – wintersonnenwende.

bis zum 24. dezember, in der nacht, ins der das licht aus der tiefe geboren wird, ist eine grosse stille. nichts regt sich, nichts bewegt sich, nur die natur bereitet sich vor, in der tiefe geschieht die verwandlung. das lebensrad dreht sich, das rad, das niemals stillesteht. wenn auch das symbol des runden in unserem kleinen hirn den anschein gibt, als würden wir uns im kreise drehn, ist dieser lebenskreis doch so gross, dass selbst die grösste von uns zurückgelegte strecke als gerade erscheint. unendlich gross und uns unvorstellbar ist dieses grosse runde, und auch nicht zu erfassen das kleinste runde, das viel kleiner noch ist als ein atom und aus dem alle dinge bestehen. ein lebendiger organismus und voller energie, von der wir leben, in der wir sind.

geschafft! diesen zeitenberg zu erklimmen kommt einem wirklichen bergaufstieg sehr nahe.

an dieser schwelle vom dunkel ins licht geben wir alles ab, geben es zurück in den weltenkessel, geben es hin zu der ‚alten der zeit’, die auch ‚die funkelnde’ genannte wird, die es neu mischt.
in dem moment, am 24. dezember, wo sich das licht zeigt, wo die dunkelheit es neu gebiert, dürfen wir der weisen alten beim rühren helfen und ihren tanz tanzen und ein bisschen erfahren von ihrem geheimnis, das sie nie ganz preis gibt. wir bedienen uns der bilder der mythen, weil das ganze so unvorstellbar für uns ist.

die angesagte ruhe ist auch verdiente ruhe – und dass wir sie einhielten.
in den kommenden tagen der rauhnächte nehmen wir den ‚tanz des lebens’ langsam, ganz langsam wieder auf.

vor dem tanz die ruhe…

dies ist nicht blüte
nicht frucht
dies ist nicht frühling
nicht sommer
nicht herbst
dies ist nur der winter
mit seiner innigsten
grössten wärme
der hoffnung

G I S È L E F R E U N D . . .

zum 100sten geburtstag

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‚zum andenken an eine seltene frau’. als ich den herabgestürzten grabbogen auf dem jüdischen friedhof in hamburg ohlsdorf fotografierte, wusste ich mit diesem begriff der ‚seltenen frau’ nicht recht etwas anzufangen.

wenn ich das leben und werk gisèle freunds, der künstlerin, fotografin, soziologin, reporterin, kritikerin, u. u. u. betrachte, habe ich eine ahnung, was es sein könnte, eine ‚seltene frau’ gewesen zu sein. ihr leben erklärt mir, was das gewesen sein könnte. gisèle freund sucht ihres gleichen, war einzig, war gegen konventionen und widersprach dem angepassten lebensstil. sie war kritisch mit offenen augen. das war zu ihrer zeit nicht überall gern gesehen und oft nicht geduldet. Continue reading