TERZETTE von ELSBETH MAAG…

Dreizeiler von ELSBETH MAAG, die ein guter Bekannter romanischer Herkunft ins romanische Idiom Sursilvan übersetzt hat…

 

Wasserglöcklein im Ohr
unter meinen Füssen
muss eine Quelle sein

bransins d’aua ell’ureglia
sut mes peis
sto ei esser ina fontauna

ich bin deine Sonne
sagte der Mond zum
Nachtwanderkäfer

jeu sun tiu sulegl
ha la glina detg
al bau da notg migront

Silhouette
unterm gestirnten Himmel wandern Bäume
von Hügel zu Hügel

siluettassut
il tschiel stelliu caminan plontas
da collina tier collina

 

und rosadora

das wasserglöcklein im ohr
es wird mir zum tinnitus
zum rauschenden fall

der mond
das bin ich
du wandelst in meinem licht

mit den bäumen
schreite ich des nachts
am tag bin ich blind

 

MEHR ALS EINE ROSE….

BOTANISCHER GARTEN KASSEL…

der dichter RAINER MARIA RILKE ging in der zeit seines pariser aufenthaltes regelmäßig über einen platz, an dem eine bettlerin saß, die um geld anhielt. ohne je aufzublicken, ohne ein zeichen des bittens oder dankens zu äußern, saß die frau immer am selben ort. rilke gab nie etwas – seine französische begleiterin warf ihr häufig ein geldstück hin. eines tages fragte die französin verwundert, warum er nichts gebe. rilke antwortete: „wir müssen ihrem herzen schenken, nicht ihrer hand.“

wenige tage später brachte rilke eine eben aufgeblühte weiße rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte hand der bettlerin und wollte weitergehen. da geschah das unerwartete: die bettlerin blickte auf, sah den geber, erhob sich mühsam von der erde, tastete nach der hand des fremden mannes, küßte sie und ging mit der rose davon.      eine woche lang war die alte verschwunden. der platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. nach acht tagen saß sie plötzlich wieder an der gewohnten stelle. sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte hand.

„aber wovon hat sie denn in all den tagen gelebt?“ fragte die französin.

rilke antwortete: „von der rose…“

josef bill

´HERZ, DU VERLIERST SEHR VIEL, WENN DU NICHTS AUSHÄLTST´…

BRIEF AN EINE FREUNDIN…
am frühen morgen schon

das herz wird schwächer mit den jahren
und meinem kann ich sagen
dass es viel verliert
aber es stört sich nicht daran
es pocht und pocht in seinem eigenen takt
und läßt sich nicht beirren

herzen sind überhaupt etwas sehr eigenes
nicht dein eigenes
sondern ihr eigenes
das muß frau fein auseinander halten

du kannst mit ganzem herzen bei etwas dabei sein
oder eben nicht
dann hüpft dein herz aus der reihe – sozusagen

meins wurde wieder auf linie gesetzt
aber so ganz ist es nicht wieder dabei
es läßt mich bangen
tags – nachts
und wenn ich es grad nicht will

herz ist was sehr sehr eigenes
jede erregung zeigt es an
schlechte laune etwa
gute, das ist eher die ausnahme
in letzter zeit

und mein herz
es spricht zu deinem
ob es das bemerkt
ich meine – dein herz

sonst habe ich keine herzleitungen
nicht – dass ich wüßte

es ist etwas aussergewöhnlich
am frühen morgen
so über mein/dein herz zu sprechen
aber ständig liegt es mir in den ohren
ob dieser tinni unterstützt oder schwächt
ich weiß es nicht zu sagen
auf jeden fall mischt er kräftig mit

das hört nicht so schnell auf zu schlagen
sagt mein dok
und beruhigt mich damit kein bißchen
und was, wenn doch
naja, das merke ich dann ja nicht mehr
oder…
rosadora

´herz, du verlierst sehr viel, wenn du nichts aushältst.´ florence nightingal

AUCH DU BIST SEHR LEICHT…

HILDE DOMIN…

lege den finger auf den mund
rufe nicht
bleibe stehen
am wegrand
vielleicht solltest du dich hinlegen
in den staub
dann siehst du in den himmel
und bist eins mit der strasse
und wer sich umdreht nach dir
kann gehen
als lasse er niemand zurück
es geht sich leichter fort
wenn du liegst als wenn du stehst
wenn du schweigst als wenn du rufst
sieh die wolken ziehn
sei bescheiden
halte nichts fest
sie lösen sich auf
auch du bist sehr leicht
auch du wirst nicht dauern
es lohnt sich nicht angst zu haben
vor verlassenheit
wenn schon der wind steigt
der die wolke verweht

die angst nach verlassenheit ist etwas, das uns ständig begleitet. es ist nicht leicht,
diese angst aus der palette der gefühle zu streichen.
vielleicht, ja vielleicht löst sie sich auf in anbetracht dessen, dass ‚schon der wind steigt’, vielleicht noch gepaart mit der sehnsucht, wie eine wolke zu verwehn.
sich so klein zu machen, sich so flach an den boden anzuschmiegen, dass jemand gehen kann, so als lasse er niemand zurück – das ist ein schönes bild. es liegt auch eine weisheit darin. aber wir wollen ja immer, dass wir nicht vergessen werden, dass etwas von uns bleibt.
Mir weht der wind schon manchmal um den kopf, aber zu registrieren, wann er ‚steigt’, das ist ein weiteres.

im zen gibt es einen spruch

WENN DU ETWAS GUT MACHST
HINTERLÄSST DU KEINE SPUR

auf unser leben angewendet gibt mir das eine ungeheure erleichterung.
alle anstrengungen, bedeutung zu erlangen, fallen da weg. ich kann tun, was ich tue, nur um es zu tun.
lange gespräche könnten sich anschliessen – vielleicht ergeben sie sich ja – vielleicht im allee cafè…

rosadora

älterer beitrag – er ist mir heute vor die füsse gefallen – irgendwie passend

WORT UM WORT neu …

ich suche
die worte in mir
hexe und engel
liegen sich
in den haaren
die eine spricht
mir den weisen teil zu
der andere trägt
ihn mir wieder fort
spricht segen und frieden
und ähnliche verheissungen
hexe mahnt
misstraue
mischt hinzu
ein quentchen lebefroh
eine brise bittersüss
ich rühre
und fische
wort um wort
neu

N E U E S J A H R . . .

2020 – ein NEUES JAHR
wenn ich etwas will – bekomme ich garnichts
will ich aber nichts – liegt alles – wie ausgebreitet vor mir

so geht es mir  mit diesem text
der etwas wll und soll
er soll das NEUE JAHR mit allen guten wünschen versehen

da es aber lange her ist und peter handke schon in
ALS DAS WÜNSCHEN NOCH GEHOLFEN HAT
das wünschen infrage stellte
mache ich gar nicht erst den versuch
das NEUE JAHR zu verklären

claudia sagt – es ist wie es ist
und ich sage – es kommt, wie es kommen muß

ich mache mir auch nicht die mühe
herauszufinden – wer das beeinflusst
wenn ich da auch so einen verdacht habe

und der satz JEDER IST SEINES GLÜCKES SCHMIED
stimmt nur so lange – wie der schmied selbst noch schmieden kann

und auch das WÜNSCHEN – so scheint mir –
hat an kraft und einfluss verloren

so schraube ich die hoffnungen und erwartungen nicht all zu hoch
und strenge mich an – mich nicht selbst zu enttäuschen
alles in allem also – es kommt, wie es kommen muß
oder auch ganz anders…

rosadora

DIE ERDE DIE SCHÜTZENSWERTE…

HERAUSFORDERN…
friedhof hamburg-nienstetten
foto: rosadora

mit deutlicher gebärde
der welt sagen
was sie verletzt
mehr und mehr
verlangt es
sie zu retten

herausfordern
die menschen
aus ihrem
lauten schlaf
ihnen die augen öffnen
und die ohren

damit sie sehen
die erde
die schützenswerte
die geschöpfe
die die chance hätten
menschen zu werden

rosadora