WENN DIE WELT DICH RUFT…

Wenn die Welt dich ruft…

Wenn die Welt dich ruft, musst du gehen. Tief hinein musst du gehen in die Welt. Dich verabschieden von weichen Polstern und heimischen Gepflogenheiten. Hast du ihn vernommen, den Ruf, so musst du folgen. Es gibt kein Entweichen. Du musst die Beine nehmen, am besten in die Hand, und rennen. Es wird dich treiben von einem Ort zum anderen, so sehr treiben, dass du am Schluss nicht mehr weißt, wo du gewesen bist. Ein Innehalten wäre nicht gerechtfertigt. Es ruft dich ja. Wenn du innehälst, entfernt sich der Ruf von dir, bis du ihn dann vielleicht nie mehr hörst.

Zu hören, dass die Welt dich ruft, ist eine Gnade, ist ein Fluch. Es hängt von deiner Entscheidung ab, ob du am Rufen erkennen kannst, dass die Welt dich meint, oder ob sie nur zufällig bei dir vorbei gekommen ist, sie eigentlich immer ruft und jeden. Das Grösste wäre, sie hätte einen Auftrag für dich, einen den du erfüllen kannst. Sicher könnte das eine andere auch. Das willst du aber nicht wahrhaben. Ich meine, dass du ersetzbar bist und bleibst – bei all deiner Einmaligkeit, die auch im Gespräch bleiben muss.

Es ist ein gutes Gefühl gerufen zu werden. Daher liegst du ständig auf der Lauer, um das Rufen zu hören. Hinausgehen in die Welt. Das würdest du gern, die anderen hinter dir lassen. Du brauchtest nicht zu erklären, dass der Auftrag gar nicht so wichtig war, und du gut auf deinen Polstern hättest bleiben können. Aber das wäre nicht so bedeutsam.

Man wird dich fragen, was machst du denn in der Welt. Und du müsstest überlegen, wieso Welt. Ich sitze hier und halte die Fäden in den Händen. Und du weisst deinen Auftrag dann nicht mehr so genau und müsstest überlegen, was dich veranlasst hat, ihn so wichtig zu finden. Es wird dir nichts einfallen, was deine Anwesenheit in der Welt rechtfertigt. Du wirst dir einreden, dass du gerade nach neuen Möglichkeiten suchst. Welche das sein könnten, weißt du nicht. Beim Hinterfragen kommst du dir selbst auf die Schliche. Davor hast du am meisten Angst. Du könntest erkennen, dass du, ob du dem Weltenruf folgst oder nicht, immer Dieselbe sein wirst. Dass du nur aus dir selbst bestehst und alles andere drumherum nur Atrappen. Noch dazu welche, die dir nicht immer angenehm sind, und die du nicht von dir schütteln kannst – so, wie du das manchmal möchtest.

Du kommst zu dem Schluss, dass augenblicklich eine günstige Gelegenheit ist, dich umzuorientieren. Im Neuen Jahr würde es nicht so sehr auffallen, dass du etwas ganz anderes machst.

Das Jahr läuft säuselnd an. Vor Ostern ist kein Familienfest mehr, wo du dich vielleicht erklären müsstest, und in den Osterferien, die du dann bei deinen neuen Tätigkeiten haben wirst, wie viele andere, bist du ohnehin nicht zugegen. Wären also Sommer und Herbst. Da entwickeln die Menschen so viele Freizeitaktivitäten, dass sie an dich keinen Gedanken verschwenden, wenn du sie nicht offiziell einlädtst. Aber wozu. es gibt ja keinen Anlass. Und an Weihnachten sind die pompösesten Geschenke Mittel-punkt und nicht, was du tust. Also, du wagst es.
Bis du ihnen wieder begegnest, wirst du dann so viel von deinem Neuerworbenen zu erzählen haben, dass die Fragen nach dem Warum und Wieso ausbleiben.

rosadora

DAS FREMDE IST NICHT FREMD…

rosadora zum

HOLOCAUST UND…


foto: rosadora

ich weiß nicht, was ich schreiben soll. so stelle ich überlegungen an, wann meine sympathie für das andere, das fremde begonnen hat.
irgendwie habe ich den verdacht, dass das schon früh in der zeit war, in der wir auf dem dorf evakuiert waren. da zog es mich in die nähe von einem wohnwagen, in dem eine zigeunerfamilie hauste. wohnen kann ich nicht sagen nach heutigen verhältnissen, denn sie waren eine große familie mit 5 kindern. später wohnten sie dann im dorfgemeinschaftshaus.
sie machten musik und waren lebendig, wie es mir doch sehr gefiel.
und obwohl mir einer der jungs eine scherbe an den kopf warf, als ich den aschenkasten auf dem misthaufen auskippte, lies ich mich nicht irritieren. wir hatten weiterhin ein prickelndes verhältnis, wie es nur unter kindern sein kann.
auch erinnere ich mich an einen juden, wie man da sagte, der ins dorf kam und stoffe anbot. das war für meine mutter ein segen, denn sie nähte alle sachen für uns und so mußte sie 113einmal weniger aus altem zeugs , das z. t. aus abgelegten armeeklamotten bestand, kleider für uns nähen. sie hat sie dann auch noch bestickt und mit knöpfchen verziert – wer weiß, wo sie die derzeit erstehen konnte. aus kopfschützern von soldaten, die diese nicht mehr brauchten, nähte sie unterhosen, die höllisch kratzten.

der sprung wird dann größer – der erinnerungssprung – ich muß es auch alles erst sortieren und zusammenkriegen. die erinnerung ist, dass ich einen umweg ging, um zu mir selbst zu finden.
mit 14 liess ich mich taufen – kurz gesagt – gegen den willen meines vaters, der mich bis dahin belogen hatte, dass ich zuhause getauft sei – lutherisch – er betonte es auf dem – e –
mit 17 hörte ich auf zu glauben. in der gewerkschaftsjugend sah ich – ich war vielleicht 17 – heimliche filme vom holocaust, wo menschen auf die grausamste weise umgebracht und damit eine ganze etnie – sprich juden, ausgerottet werden sollten. für mich einfach etwas menschenunmöglliches, etwas bestienhaftes und das mich schockte über alle massen. es hörte dann nicht mehr auf mit dem schocken. bis heute kann ich mich nicht beruhigen.

als ich dann verheiratet war und meine tochter emilie-rose nicht in dieser welt leben wollte, wußte ich genau weshalb sie meine abscheu gegen diese menschen in sich hineingenommen hatte.
auf einem jüdischen friedhof, genaugenommen dem jüdischen friedhof in kassel-bettenhausen, fiel mir dann zu, dass ich dachte, ich brauche kein grab für mein kind – ich kann auf jeden friedhof gehen.
dass es ein jüdischer friedhof war, war sicher kein zufall. von da an waren jüdische friedhöfe große anziehungspunkte und ich entwickelte eine zuversicht und zuneigung zu den jüdischen toten. mit der zeit wurden sie für mich immer lebendiger und ich empfand sie, die toten, als äußerst lebendig. sie sprachen mit mir und halfen mir bei wichtigen lebensfragen.
diese zeit hielt ich in einem buch fest: UNSTERBLICH IST DIE LIEBE…
„diese geschichte schwingt zwischen leben und tod, zwischen den gräbern auch. sie rührt an tiefere schichten, auch wo sie in leichteren tönen schwelgt.“
von da an interessierte ich mich für JÜDISCHE FRIEDHÖFE immer mehr und hielt die geschichte der jeweiligen gräber in bildern fest. nach dem jüdischen friedhof in kassel, der JÜDISCHE FRIEDHOF OHLSDORF und als ich für 10 jahre in die schweiz ging, entwickelte sich daraus ein riesenprojekt.

die geschichten, die irgendwie anders waren, aber dazugehörten, war die beziehung und liebesbeziehung zu dem jüdischen arzt YAAKOV BEN KANAAN, der in kassel lyrik-lesungen
veranstaltete. so auch von ROSE AUSLÄNDER, bei der er mich herauspickte aus der zuhörermenge und sagte, er habe es gleich gewußt, dass ich mit der rose bekannt sei.
mit mir gemeinsam plante er eine lesung über ELSE LASKER-SCHÜLER, einer anderen jüdischen lyrikerin.
er besuchte mich und brachte mir den gedichteband mit. aus der lesung ist nie etwas geworden. aber es entwickelte sich dann eine sehr intensive freundschaft – einen momentlang auch eine liebe.
er telefonierte jeden morgen mit mir und schrieb täglich die schönsten briefe. ich besuchte ihn in seiner klinik und er mich bei mir zuhause.
er machte ein bißchen zu viel druck. weil er herzkrank war sagte er zu mir, er hätte vielleicht nicht mehr lange zu leben. das kam nicht gut bei mir an.

er kam mir irgendwie sehr verloren auf dieser welt vor. bei einem speziergang über die dönche sagte er zu mir, „dies ist dein land“ mit einer wehmut, die mir fast das herz brach, und es tröstete ihn nicht, dass ich zu ihm sagte, dass es sein land ebenso sei wie meins und dass ein land doch niemandem gehören kann.
nach langer zeit ging er mit seiner frau ursula nach berlin. aus YAAKOV wurde JUDITH und nach jahren erhielt ich post von ihm und quicklebendig…
ursula war gestorben und er sagte: „nun bin ich wirklich ganz allein“.

ROSE AUSLÄNDER war eine von mir sehr geschätzte und umworbene jüdische lyrikerin. in düsseldorf besuchte ich sie einige male im nelly-sachs-haus.
sie hatte eine ganz persönliche betreuerin – CLAUDIA KASTER – die 15 jahre jünger war als sie selbst. die umsorgte sie tagtäglich. sie fand auch ROSES gedichte, beim aufräumen eines schrankes. die hatte sie auf kleinen teebeuteltäschchen geschrieben.
nachdem sie gestürzt war und sich den oberschenkel verletzte hatte, blieb sie einfach im bett und stand nicht wieder auf. das stimmt nicht ganz. claudia erzähle mir, dass sie doch sehr gelenkig sei und nachts über die absperrung, die sie sich erbeten hatte, kletterte. wie sonst sollten die teebeutelgedichte in den wäschekorb im schrank gekommen sein.
sie grenzte sich ab. hatte sie die fenster in ihrer wohnung zugehängt, so waren jetzt die gitter ein selbstgwählter schutz. ein ganz normales leben war nach diesen horrorerlebnissen einfach nicht möglich.
mit claudia unterhielt ich einen persönlichen schriftwechsel, in dem ich jede kleinigkeit der ROSE erfuhr. so konnte ich sie auch im nelly-sachs-haus besuchen. ich wollte eigentlich ein paar eindrucksvolle fotos machen. ein fotograf hatte sie abgelichtet mir einem haarumhang, was so lächerlich aussah und sie wirklich nicht ins rechte licht rückte, dass ich beschloß, das zu ändern. obwohl claudia mich zu ihr vor liess, kam es nicht dazu – das gebot des helmut braun galt.
rose liess mich nicht so nah an sich heran, ich meine gedanklich – da hatte ihr der HELMUT BRAUN, ihr verwalter sozusagen, schon den umgang mit menschen verboten, weil sie ein paar unberechenbare verhaltensweise hatte, die ihrem WERK hätten schaden können. von CLAUDIA KASTER wußte ich alles haarklein und genau.
von scherzer
zu ausländer
zu hecht
zu braun
als hätte sie die bedeutung der namen nicht unter naziverdacht sehen können – und im verlaufe der wiederholung nicht durchschaut.

die beiden frauen führten eine hassliebe, die sie ungeheuer intensiv auslebten. dass sie dabei die claudia kaster so sehr schikanierte, tat mir nicht nur leid, tat sie doch einfach alles für rose , sorgte so sehr dafür, dass es ihr gut ging. rose schwankte in ihren gefühlen hin und her – das war kaum auszuhalten. dass sie das auch bei ihren besucherinnen und besuchern hätte herauslassen können, befürchtete helmut braun und unterband die besuch eben einfach.

irgendwann fuhr claudia in urlaub, entgegen dem gezeeter der rose. da passierte ein mißgeschick. claudia erzählte es mir so: man hatte ihre medikamente verändert. das war mehr als fahrlässig und völlig unverständlich. was dann passierte, führte zu ihrem ende.
sie starb am 3. januar 1988.

17. januar 2022

KUNST IST LEBEN…

…SPRACHE IST KUNST

als mein vater aus dem krieg kam, war ich zehn jahre alt. wir hatten auf ihn gewartet und gewartet und gewartet – so lang kann man eigentlich gar nicht warten – und dann dies.
mäjen, din fadder is heim gekummen. und ich rannte und rannte und dann stand da dieser verwahrloste dreckige typ, den ich nicht kannte. meine enttäuschung war groß – so groß.

nachdem er sich nackt ausgezogen und in unserer zinkbadewanne geschrubbt hatte, war er das familienoberhaupt, basta.
er entpuppte sich als der große verhinderer und despot. er war furchterregend durch knallharte ansagen und verbote, war laut und gewalttätig.
hatten wir bisher versucht, die sprache der dorfbewohner zu erlernen, kam er nun und polterte sein kasseler platt. ich fuhr jedesmal zusammen, wenn sein kasernenhofton erklang.
unsere mutter sprach mit uns ihr nicht sehr ausgeprägtes hohes deutsch.

an den tag und den ort kann ich mich noch erinnern als ich beschloss, nicht so zu sprechen wie mein vater, den wir vati nannten. erstmal versuchte ich den slang meiner jungen lehrerin nachzuplappern – so etwas wie frankfurterisch. später dann entschloss ich mich, hochdeutsch zu erlernen – aber woher. in kassel wurde kein hochdeutsch gesprochen. an was ich mich orientierte, kann ich heute gar nicht mehr sagen. es war ein langsames herantasten, ein bröckchen hier, ein bröckchen da, und niemand konnte sagen, woher ich komme.

zwischenzeitlich muß es ziemlich geheimnisvoll geklungen haben. und meinen vater trieb es auf die palme, brachte ihn zur weißglut. er unterstellte mir, ich wolle etwas besseres sein. auf jedenfall wollte ich nicht in seinen tonfall einstimmen. das wurmte ihn – ja, ja, ich sollte ja ein junge sein und war nur ein mädchen. deshalb hatte er mich auch von der schule genommen mit der begründung – mädchen heiraten ja doch.

spät erst, nachdem ich alle bildungseinrichtungen genutzt hatte, die mir offen standen, studierte ich grafik design mir schwerpunkt fotografie. danach reizte ich die möglichkeiten der germanistik aus – mit schwerpunkt ästhetische kommunikation. im kurs für ausländische studierende war ich diesjenige, die die korrekte aussprache hersagen durfte. erst da wurde mir bewußt, dass ich die leiter des hochdeutschen wohl aus eigenen kräften erklettert haben mußte.

heute früh im bett, wo mich immer mal wieder lichtblicke, denkbänder, blitzschläge oder grübelmonster heimsuchen, erinnerte ich mich an einen vorfall im st. gallener kunstmuseum.

ein seminar oder vortrag
ZUR ENTWICKLUNG UND EINSCHÄTZUNG VON BILDHAFTEM

ist bildhaftes, im pc erstelltes, KUNST

ich nahm mir das wort
war stolz auf mich
vor all den schweizer/innenn zu sprechen
und gab ein statement
von dem ich selbst nicht die geringste
ahnung hatte
also
ja
die entwicklung wird dahin gehen
dass kunst aus dem pc einmal als kunst
anerkannt wird usw. usw.

danach kamen zwei weissgekleidete frauen zu mir
lobten meine aussprache und den warmen klang
meiner stimme

schweizerinnen
die kunst machten
so stellten sie sich mir vor
ganz in weiss
also alles was sie umgab war weiss
sie erzählten von ihrem zuhause
wo alles weiß war
vom tisch bis zum schrank bis zur kaffeetasse
sie waren künstlerinnen, wie sie sagten

ich habe sie nie besucht
und wohl auch kein großes interesse gezeigt

aber geschmeichelt hat es mir doch
meine klanghafte stimme gerühmt zu hören

ich wagte mich auch an lesungen heran
rose ausländer z.b.
in der schweiz und in deutschland

sprechen ist nichts selbstverständliches
wenn doch, ist es geplapper

rosadora 09.08.2020

GEORGIA O´KEEFFE AUF GHOST RANCH…

„Ich denke mehr über morgen nach als über heute oder gestern. Ich gehöre nicht zu denen, die dem Gewesenen nachtrauern. Ich glaube, ich könnte in einem Gefängnis leben, solange ich nur ein Stück blauen Himmel sehe.
Aber das hier ist meine Welt. Was man in den Städten sieht… nun ja, da ist mir der Blick aus dem Fenster auf Salbeibeete doch lieber.“

nun ja, GHOST RANCH ist alles andere als ein gefängnis. sie ist die GROSSE WEITE WELT im besonderen, befreiend und beängstigend zugleich, und wie geschaffen für eine künstlerin mit so viel fantasie und ausdruckskraft und starkem willen.

JOHN LOENGARD
GEORGIA O´KEEFFE AUF GHOST RANCH
SCHIRMER/MOSEL
2016

…….

https://www.fondationbeyeler.ch/ausstellungen/georgia-okeeffe
in der fondation beyeler/basel schweiz
ist noch bis zum juni eine ausstellung von GEORGIA O.KEEFFE
zu sehen
beyeler ist ein wunderbar geeigneter raum unf einfach
übersichtlicher als zwischen vielen anderen bildern in großen
galerieen..

PAUL WATZLAWICK…

…UND DIE WIRKLICHKEIT

Paul Watzlawick (* 25. Juli 1921 in Villach, Kärnten; † 31. März 2007 in Palo Alto, Kalifornien) war ein österreichischer Philosoph, Psychotherapeut und Kommunikationswissenschaftler.

in diesem jahr wäre paul watzlawick einhundert geworden. in den 60ger bis 80ger jahren war er hochaktuell. und für mich ist er es heute wieder oder noch immer. er hat mehr bücher geschrieben als ich in meinem kleinen hirn hätte unterbringen können. schließlich geht es ums verstehen.

WIE WIRKLICH IST DIE WIRKLICHKEIT hat heute eine größere bedeutung als ehedem. schon dies, dass deine wirklichkeit nicht die meine ist, und wie viele wirklichkeiten es also gibt, läßt die bedeutung ins unermessliche wachsen. man braucht viel toleranz, um das zu berücksichtigen und mitzubedenken.

paul watzlawick war ein klardenker. er berücksichtigte das SOWOHLALSAUCH. das macht die sache, um die es jeweils geht, nicht gerade einfacher. im bestenfall muß du dich entscheiden – für dies oder das, oder für dein eigenes.

vielleicht bringt das buch seiner großnichte, Andrea Köhler-Ludescher: Paul Watzlawick: Die Biografie, die tochter der mutter seiner schwester, die auch therapeutisch unterwegs ist, eine draufsicht auf watzlawicks werk aus heutiger sicht. in der sendung ICH TRAGE EINEN GROßEN NAMEN berichtete sie sehr engagiert und lebendig vom leben ihres großonkels. noch habe ich es nicht gelesen – aber wenn, werde ich ausführlich darüber berichten.


„Intelligenz und Talent tragen weit,  Charme und Witz tragen überallhin“                      andrea köhler-ludescher

 

E T E L A D N A N …

NUN IST SIE GEGANGEN…

aber wohin. kaum zu glauben. in ihren werken wird sie bleiben – uns nie verlassen.

vor jahren – da lebte sie noch – glaubte ich, sie sei längst von uns gegangen – und nun da sie gegangen ist, kann ich es wirklich nicht glauben.

einst führte sie gespräche mit ihrer seele und nun führt sie gespräche mit meiner seele.

es ist viel, was bleibt – es ist ein großes geschenk, was sie hinterläßt. mich zu orientieren geht nicht ohne etel adnan. so viel hat sie gedacht – für uns – so viel hat sie gepackt, wie in ein großes bündel. es ist immer wertvoll, was du herausnimmst – es bleibt unvergessen.

https://www.hoerspielundfeature.de/ein-philosophisches-hoerstueck-von-etel-adnan-nacht-100.html

ICH HAB MICH VERGESSEN…

‚ich hab mich vergessen. irgendwo ist mein name liegengeblieben…’
Das suchen hat schon begonnen, lange vor meiner zeit. Ich werde gerufen mit falschen namen. alle fliegen an mir vorbei. sie finden mich nicht. sie hängen in den lüften. erhalten keine antwort. schon von anfang an haben sie gesagt, das bist du. aber sie irrten. ich war eine andere. sie konnten es nicht verstehen. auch sehen konnten sie es nicht, obwohl hellsehen eine begabung von ihnen war. oder dachte ich das nur, weil ich hellsichtig war und annahm, sie müssten es auch sein? es heisst: ich rufe dich mit deinem namen. und was, wenn er oder sie gar nicht weiss, welches mein name ist. woher sollten sie ihn kennen. er ist mir entsprungen, mitten aus mir heraus ist er gehüpft oder geflogen. auf jeden fall war er nicht ausserhalb von mir. ich trug ihn in mir als ich die welt betrat. sie wollten mich umbenennen. soweit ist es ihnen auch gelungen. aber als sie mich riefen, fühlte ich mich nicht gemeint. ungehorsam war die folge. wie kann eine hören, wenn sie mit falschem namen gerufen wird. und ich kann das so sagen, weil sich alles in mir sträubte. jedesmal, wenn ich den falschen name hörte, verstopfte ich mir die ohren. ich reagierte nicht auf das, was sie sagten.
es gab eine zeit, da war es mir lästig, mich ständig zu wehren. ich reagierte wie eine schwerhörige, die plötzlich hören konnte. aber gemeint fühlte ich mich nicht. ich erfüllte ihre anforderungen scheinbar, wie sie es wollten. es war eine viel zu lange zeit, in der ich das tat. während der zeit muss es passiert sein. ich habe meinen so sehr gehüteten name verloren. ich suchte ihn allenorts. von meiner kümmernis sprach ich nie. so konnte mir auch keine helfen danach zu suchen. die vielen ratschläge, mich doch mit dem jetzigen zu begnügen, umging ich so.
es entstand ein zerrbild meines namen, das mich einerseits verwirrte, andererseits aber sagte, dass es, solange er, wenn auch nur gezerrt, vorhanden war, ihn noch geben müsse. er konnte ja nicht einfach davonschwimmen, oder sich in luft auflösen. verloren gehen kann er schon, aus dem gedächtnis zum beispiel. ich fühlte mich, so angepasst, immer unwohler. ich musste in den tiefen meiner erinnerungen suchen, wo mein name abgeblieben war.
es ist ja unlogisch, dass ein name, an dem eine so hängt, einfach verschwindet.
gehirnwäsche nennt man die vorgänge, die menschen so irritieren, dass sie sich an nichts mehr erinnern. ich wollte, ich musste ihn finden, den name, der mich und nur mich meinte. ich ging das ganze alphabet durch, von a – z. aber ich war zu fahrig und versuchte es noch ein zweites mal. da war es. bei a zuckte es in mir so stark, irgendetwas in mir war so erregt, dass ich beim a blieb. aa, ab, ac, ad, ae, af, ag, ah,ai, aj, ak, al, am, an….da wars:
ana. der name sprang mich an, er zog sich in aaaaaaaaannnnnnaaaaaaa, und mir war es warm um mein herz. herz, das war der springende punkt. das herz reagierte auf ana. ich bins, hallo ana. ja, ich weiss. entschuldige, dass ich dich verloren habe, wohl nicht genug aufgepasst.
lass das mal, das brauchst du nicht. wieso nicht. weil ich immer in dir war…

rosadora