oder DAS WESEN DER SPRACHE…

E E E . . .
oder DAS WESEN DER SPRACHE…

dass sprache in träume eindringt ist selten
aber nicht unbedingt unüblich

heute nacht jedoch war sie so durchdringend fast aufdringlich
dass ich es hier erwähne

es zeigten sich mir bilder
in denen mir die aneinanderreihung von drei e‘s
vor den traumaugen schwirrten

ge-re-de
ge-we-be
ver-schwen-den
ver-wen-den
ge-sen-det
ge-bet-tet
be-geg-nen
be-ge-hen

die worte plätscherten vor mir herum
und kamen doch nicht von der stelle
ich sprach sie ausgedehnt auf jedem e eine betonung

deutsche schrift_BEISPIEL_images

das merkwürdige war dabei
dass sie mir in deutscher schreibschrift erschienen
in der mir das stete aufundab aufundab auffiel
enemeneme
ich versuchte mich zu erinnern und schrieb im schlaf
die worte mit den drei e‘s nach auf und ab
dafür standen die e‘s an erster stelle
dieses langweilige schriftbild wie mir schien

UND MEINE SEELE SPANNTE__index

ich habe als kind diese schrift noch erlernt
nach dem 2. weltkrieg – 1947 – wurde sie dann verboten
und die lateinische schrift eingeführt

mit schrift musste ich mich früh auseinandersetzen
dass ich die deutsche schrift nicht ganz verlernte
lag wohl daran dass meine mutter bis zuletzt eine
eigene mischung aus deutscher und lateinischer schrift schrieb
und ich bin bis heute stolz dass ich diese schrift lesen kann
das können nicht mehr viele menschen

SAMEN AUSLEGEN…

AMAR KANWAR
the sovereign forest

ottoneum
208 nr. 92

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´the sovereign forest soll die diskussion über unser verständnis von verbrechen, politik, menschenrechten und ökologie neu beleben und zu kreativen antworten anregen. die gültigkeit von poetischen werken als beweismaterial in enem prozess, der diskurs über sehen, verstehen und mitgefühl, über fragen der gerechtigkeit, souverenität und selbstbestimmung – all das verbindet sich in einer konstellation von bewegt- und standbildern, texten , büchern, flugblättern, alben, musik, objekten, organischen materialien, ereignissen und prozessen.
der hauptfilm mit dem titel THE SCENE erlaubt es den zuschauern eine landschaft zu erleben, kurz bevor sie in für den ankauf durch industrieunternehmen vorgesehene reviere aufgeteilt und daurch ausgelöscht wird.´

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es ist eine aufrüttelnde installation, eine sehr poetische ausserdem.
die ausgelegten bücher aus handgeschöpftem papier, mit aufschriften wie:
the forest of time
the tree with no name
the tree of insurgency
the tree of exile
the tree of the nomade
the tree of hallucinations
the tree of ancestors
the tree of sparrows and tubers
the tree of death

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ich ertaste seite für seite mit meinen händen.
handgeschöpft, das ist so selten und einmalig geworden bei uns.
ich habe es in meiner ausbildung als grafikdesignerin noch erlernt und das, was dabei herauskam, war immer eine grosse überraschung und freude. nun kommt es von so weit her in mein erinnern.

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die verschiedenen reissorten, die wie in einer apotheke in fächern geordnet an der wand hängen, werden in indien noch traditionell angebaut. die samen werden von bauern nur an bauern weitergegeben, die dadurch unabhängig vom internationalen saatguthandel bleiben. damit wird die artenvielfalt in ihrer region erhalten. ich staune über so viel konsequenz und zusammenhalt.

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der film erwirkt durch die langanhaltenden sequenzen eine entschleunigung. geduld und genaueres hinschauen entlockt er mir. durch wenige texteinspielungen erlaubt er das sich einlassen und vertiefte mitdenken.

ÜBERALL KRÜMEL…

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wenn sie sich verstecken und nicht heraus wollen,

wenn den gedanken der schwung fehlt,
wenn sie sich wie krümel überall herumtreiben
und keinen zusammenhalt finden,
wenn sie meinen, dass niemand mit ihnen rechnet,
wenn ihnen die bequemlichkeit zur lieben gewohnheit geworden ist,
wenn sie nicht heraus wollen, weil niemand auf sie wartet,
wenn ihnen jegliche motivation sich zu zeigen fehlt,
wenn sie herumdösen und das ziel aus den augen verloren haben,

welch ein dilemma,
welch eine qual,
welch ein versagen,
welch eine peinlichkeit,
welch ein horror,
welch eine schande,
oder eine gnade…

die wände unseres lebens…

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Robert Musil formuliert diesen Sachverhalt: „Alles Beständige büßt seine Eindruckskraft ein. Alles, was die Wände unseres Lebens bildet, sozusagen die Kulisse unseres Bewußtseins, verliert die Fähigkeit, in diesem Bewußtsein eine Rolle zu spielen. Ein lästiges Geräusch hören wir nach einigen Stunden nicht mehr. Bilder, die wir an die Wand hängen, werden binnen wenigen Tagen von der Wand aufgesogen; es kommt äußerst selten vor, daß man sich vor sie hinstellt und sie betrachtet.“
noch seltener, dass man sich vor sein nicht in erscheinung tretendes bewusstsein stellt, ihm die frage stellt, was kann ich heute für dich tun? Continue reading