einmal zufrieden sein…

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die zufriedenheit ist in gefahr. sie würde sich gerne bei den menschen einnisten, doch diese weisen sie ab mit ihren unverschämten forderungen. der habensmodus hat sich zur sucht ausgebreitet. die bescheidenheit, die schwester der zufriedenheit, weiss auch ein lied davon zu singen. früher hatten die zufriedenen, die bescheidenen menschen nur den einen wunsch, dass alles so bleiben sollte, wie es war. bescheiden zu sein war eine tugend, zufriedenheit ein previleg. Continue reading

MUT ZU SCHREIBEN…

es gehört viel mut dazu zu schreiben. auch zu schreiben, wenn es eigentlich gar nicht schreiben will. es schreibt, oder es schreibt nicht.
dieses es, es macht mir klar, wie abhängig ich von ihm bin, wie ich ohne dieses es den ton nicht treffen kann. ich kann schreiben, aber es ist wie eine mahlzeit, die ich nicht essen will. ich zwinge mich. muss mich zwingen, wenn ich sagen will, ich schreibe. etwas in mir ist dann nicht mit im spiel. etwas im text ist so, als würde die tiefe echtheit fehlen. so aufgesetzt, fällt er leicht in sich zusammen. lacht mich hämisch an, ach so siehst du das. Continue reading

D E R K Ü N S T L E R . . .

‚ja, sein lebenswandel ist wie ein traum, und seine erscheinung ist wie ein rätsel.’ (robert walser)

ein rätsel bleibt uns jeder mensch – aber robert walsers rätsel ist unauflösbar.
man ordnet sein werk ein, von bodenlos erfolglos bis literarisch und sprachlich bedeutsam. seine art zu schreiben bezeichnet man als skurril, faszinierend, modern und noch mehr. man erklärt ihn und sein leben, als könne man auf den grund sehen und verliert sich in vermutungen, zuschreibungen, mal sachlich, mal leichtsinnig, mal unverschämt – aber immer irgendwie augenfällig daneben.
als könnte man einen menschen wie robert walser in einen rahmen zwingen, wo es sein höchstes ziel war frei zu sein, im räumlichen, wie im denken. einer, der in den ‚abgründen der mutlosigkeit’ das ‚beste’ gewinnt – ‚sich selbst’. dem würde man auch heute noch misstrauen. Continue reading

ES SCHNEIT, SCHNEIT…

‚es schneit, schneit, was vom himmel herunter mag, und es mag erkleckliches herunter.
das hört nicht auf, hat nicht anfang und nicht ende.
einen himmel gibt es nicht mehr, alles ist ein graues weisses schneien. eine luft gibt es auch nicht mehr, sie ist voll von schnee.
eine erde gibt es auch nicht mehr, sie ist mit schnee und wieder mit schnee zugedeckt.’

robert walser (1878-1956), schneien

und wie es schneit, und wie es schneit, die ganze zeit.
ja, ein bisschen schneien, ein paar schneeflocken, das stünde einem
5. april wohl an und zu, aber in der von robert walser beschriebenen weise und so zutreffend, das nimmt mir niemand ab, fällt unter die kategorie des aprilscherzens. Continue reading

wenn der drache die sonne frisst…

wenn es tagsüber vorübergehend dunkel wurde, glaubten die menschen im alten china, ein drache habe die sonne verschlungen. mit lautem gerassel, trommelschlägen und schrillem gesang versuchten sie das untier so zu erschrecken, daß es die sonne wieder ausspie, was glücklicherweise auch immer gelang.

in der hinduistischen mythologie wird die sonne während einer sonnenfinsternis vom körperlosen kopf eines dämons verschluckt, der seine beute aber immer wieder verliert, da er keinen körper hat. und so jagt er der sonne nach, verschluckt sie und verliert sie wieder. Continue reading

träumerei des weges…

es gibt eine ‚träumerei des schreitenden menschen, eine träumerei des weges’ und ich könnte hinzufügen, eine träumerei des fotografierenden menschen. in kontakt mit den dingen sprechen sie zu ihm. sie sprechen aus ihren verschiedensten formen und so wir dem vollen wert beimessen, erreicht es uns in unseren tiefen. wir sind beglückt, uns in den bildern, die wir uns von den dingen machen, wiederzuerkennen. und wir erkennen dinge wieder, die uns in unserem tiefsten inneren anrühren. alten bildern neue hinzuzufügen heisst nicht, sie zu tilgen, sondern sie durch neue zu ergänzen, unsere sichtweisen und einbildungskräfte zu erweitern. es ist unvorhersehbar, was wir erblicken. auch wenn wir in uns bekannte gegenden laufen, sehen wir die dinge immer wieder neu. offenen auges und mit erwachender wahrnehmung verändert sich die uns bekannte welt. dadurch, dass etwas in uns anklingt und einen widerhall erzeugt, eignen wir es uns an. dieses anklingen verändert uns durch seine fülle.

formen und linien finden in mir einen starken anklang. henry moore, der mit seinen geschwungenen figuren 1964 auf der documenta starke denkanstösse lieferte, konnte mich mit seinen warmen, weichen linien auf anhieb begeistern. Continue reading

scheinsonne…

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ich dachte, etwas unbesonnen,
die sonne hätt vielleicht geschonnen.
doch war es möglich, dass sie scheinte,
nur weil für mich sich’s beinah reimte?

ferdinand c. hoermann

gestern war so ein sonnenblauer himmel, fast nicht zum aushalten – und es war wie immer – dass ich dachte, es ginge immer so weiter. es drängt hinaus und ich verschiebe es. auch wie immer ist, dass am nächsten tag, also heute, die sonne zu wünschen übrig lässt. wie immer, Continue reading

erinnern…

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erinnern ist etwas langweiliges, ist etwas, das ich schon kenne, ist etwas trügerisches. es geht um erlebtes, etwas, das sich durch erinnern verändert, in die eine oder andere richtung– jenachdem. dramatisches wird gern noch dramatischer, schönes wird verklärt oder aber herabgemildert. erinnerungen sind nichts wirklich wertvolles. sie sind nicht subjektiv. das subjektive, das sich selbst belügt. es belügt sich in dem falle durch neuerlich erlebtes, das das alte überlagert, verzerrt. gefühle lassen sich täuschen. gefühle täuschen mich.
trotzdem erinnere ich mich. Continue reading