DER PREIS DER LIEBE…

ETEL ADNAN
,der preis der liebe, den wir nicht zahlen wollen‘.

oder doch müssen…

ETEL ADNAN zog in ein haus in sausalito. vor ihrem fenstern bäumte sich der tamalpais ein berg der die landschaft beherrschte auf. er war aus sämtlichen fenstern zu sehen. es war in der zeit als sie mit dem malen begann und sie schreibt:
,ich malte nur noch den berg, und das ging jahrelang so, bis ich nichts anderes mehr denken konnte. es wurde meine hauptbeschäftigung, den berg in seiner unaufhörlichen veränderung zu beobachten. ich schrieb sogar ein buch über den berg. um ihn und meine gefühle in den griff zu bekommen – doch die erfahrung trat über die ufer meines schreibens. ich war süchtig‘.

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…und ich fotografiere nur noch das kompostloch
um die unaufhörlichen veränderungen zu beobachten
sie gehen schneller als ich schauen kann
und ich laufe hinter ihnen her
vielleicht auch um meine gefühle in den griff zu bekommen
wenn ich auch sage dass es mir in erster linie um das verstehen geht
verstehen wie das leben tickt was es will oder nicht und was es mir vermitteln kann mit meinen vergleichen und verbindungen

meine schwester schreibt:
,…und wünsche mir, dass Du nicht in
Deinem Sumpfloch Wurzeln schlägst ?! Diese Spielchen mit entsprechendem
Reiz waren schon immer Dein Image und die ganze Familie war in Aufruhr
bei Deinen Eskapaden…‘

oder ,wurzeln schlagen‘ ist es das was wir möchten und doch nicht können
sind wir aus dem grunde so ruhelos so umherwandernd und oft getrieben
eher treten die bilder über die ufer meines erfahrens als umgekehrt
und was wäre so schlimm süchtig zu werden nach den dingen die uns rufen und aufrufen
in allem ist leben und sinn versteckt und manchmal zeigt sich mir ein zipfelchen

ETEL ADNAN
reise zum mount tamalpais
nautilus

BOTANISCHER GARTEN VI

spätsommerfreuden

es sind immer die menschen die diesen gang zwischen den blumen bereichern
ein älteres ehepaar – kann man hier auch rein gehen – ja man kann
wir plaudern und scherzen – jetzt haben wir heute doch mal so richtig gelacht sagt der mann das ist doch was

eine junge fotografin hat ein fotoshouting ich tippe auf hochzeit ist es dann doch nicht
nina – die auch kim kennt – eine ebenfalls junge fotografin die ich im tegut kennengelernt habe wir tauschen unsere visitenkarten

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die karden im lehrgarten haben es mir wieder angetan mit ihren bizarren formen
sie sind in starre gefallen und würden so den winter überstehen vorausgesetzt man entfernt sie nicht vorher

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im stauden garten dann die kugeldisteln
sie sehen etwas zerzaust und spitzbübisch aus streuen ihre samen nur zaghaft in die gegend

die gräser die wogenden zarten werden mit jedem tag schöner und erstaunen mich mit ihrer vielfalt

ein schwatz mit einer ganzen familie und einem riesenschäferhund das gespräch geht über sicherheit die durch so einem grossen hund gegeben ist

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über die echinacea komme ich mit ehepaar klein ins gespräch von motivsuche bis nennung der kameras herr klein fotografiert eifrig und ich auch frau klein schaut zu

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dann eine begegnung mit einem springinsfeld einer grünen heuschrecke familie mit zwei kindern das dauert etwas ich fotografiere begeistert so einen grossen habe ich in unserer gegend noch nie gesehen er will nicht wegspringen der schreck wir beraten was zu machen ist ja was frisst er den wir nehmen ihn mit nachhause sagt das mädchen und setzen ihn in ein terrarium der knabe äussert bedenken der schreck sitzt jetzt bei ihm auf der hand auf seinem rücken und dann auf meinem er will und will nicht flieghüpfen
ich verspreche nachzuschauen was er denn im winter macht
er stirbt schlechtweg das weibchen legt vorher eier in die erde aus denen larven hervorschlüpfen im nächsten jahr und in drei verschiedenen stufen zum grünen heuschreck bzw. heupferd werden sie sind nützlich für die gärtnerin und den gärtner sie fressen ein vieles an schädlingen von dem was die marienkäfer verspeisen grünzeug fressen sie auch aber sie werden dadurch nicht zur plage
eine weile später treffen wir uns wieder bei der wildäpfelbaumwiese
der heuschreck ist immer noch nicht fort er weiss wohl um sein schicksal will noch etwas wärme und nähe geniessen dann wird er in der wiese abgesetzt und das kleine mädchen sagt da sind noch andere ich ab sie gehört

jetzt durch den staudengarten in richtung ausgang
aber fast schon am auto ein ehepaar welches sich erkundigt ob man im schlösschen kaffee trinken kann – nein kann man nicht – ich nenne den gegenüberliegenden werkhof und dann folgt ein längeres gespräch und austausch von gemeinsamen erinnerungen
sie sind aus koblenz und er ist aus kassel will hier seine jugenderinnerungen auffrischen tanzen im schlösschen und dann nachts heim durch den dunklen park…
wir sind fast derselbe jahrgang und haben gemeinsame tanzerinnerung – haus der jugend und sind uns wahrscheinlich auch seinerzeit häufiger dort begegnet
sie kommen von einer familienfeier die anstrengend war und müssen noch nach koblenz
viel war es und völlig unerwartetes – ein wunderbarer spätsommertag

S P R I N G K R A U T . . .

„Kein Weltfrieden ohne Frieden mit der Natur!“
dalai lama

indisches springkraut
oder das kraut das springen kann

es überwucherte mich
aber da war es schon zu spät
mit seinem duft becircte es mich
und schickte mir leichtlockere träume

zuerst waren sie kalt
wie sie nur sein können
wenn sie der himalaya ausduftet
dann wurden sie feucht oder sogar nass
und england liess grüssen

doch nun – bei uns angekommen –
zaubern sie warme bis heisse bilder
sie beginnen zu singen und zu tanzen
die hummeln und bienen
fallen herein auf den ton
dafür bekommen sie nahrung
noch über den sommer hinaus
das springkraut
lässt sie im hochgenuss schwelgen

es kam zu uns
den hektischen menschen
beruhigende schwingungen zu schenken
doch die menschen fühlen sich bedroht
wie sie sich von allem fremden
und unerklärbaren abwenden
ersteinmal möchte ich sagen

eine chance in den fremdlingen zu erkennen
dazu bedarf es wohl eines längeren zeitraumes

der zeitraum – der raum der zeit – wird knapp
halten wir hände und füsse still
und schliessen wir frieden mit der natur
lassen wir ihr raum
lassen wir ihr zeit
diese menschenunmögliche

GÖTTERPFLANZE BILSENKRAUT…

im kompostloch und schon bei „untilled“ von pierre huyghe auf der dOCUMENTA 13
war es das BILSENKRAUT
das mich anraunte – mich ansang sozusagen – mit seinem urmantra
jede pflanze hat ihr eigenes lied – ihre eigentümliche urschwingung
eine eigene klanggestalt

„Wenn sich der geistige Archetypus der Pflanzenart in der diesseitigen Dimension physisch verkörpert, zerteilt sich seine Schwingung und zersplittert in dieses oder jenes Fragment.“

ich weiss nicht was mich lockte
die schwingung rührt mich in meiner seele an

wolf-dieter storl schreibt noch in seinem buch
GÖTTERPFLANZE BILSENKRAUT
„Es steckt eine gewaltige Vermehrungskraft in dieser Pionierpflanze. In den rund 50 Früchten, die eine mittelgroße Pflanze hervorbringt, entwickeln sich bis zu 10.000 Samen, und diese behalten ihre Keimfähigkeit in tiefen, luftabgeschlossenen Erdschichten mehrere hundert Jahre lang. Der dänische Medizinhistoriker Jens Lind fand Bilsenkrautsamen bei der Ausgrabung einer Burgruine, die vermutlich 800 Jahre in Samenruhe verharrt hatten (HANSEN 1983:45).

ich habe einen enormen respekt vor dieser grazilen pflanze
die der erde entrinnt und zum himmel hinauf will
bis die blütenpracht dieses drängen aufhält
so wird sie nicht ganz so übermütig
sie ist eine wunderbare erscheinung
und schön wie sie sich gibt

wie kleine vögelchen aufgereiht sitzen die samenkapseln auf den stengeln
der sonne zugewandt damit sie reifen

bilsenkraut ist die heilige pflanze des belenos (gott des lichts)
und der blumengöttin

sie kann das gefühl erzeugen dass man fliegt und bei unsachgemässem gebrauch durch vergiftung töten

es gibt einige legenden so auch die
dass die zauberin kirke die gefährten des
odysseus mit ihrem gesang anlockte und ihnen bilsenkraut ins essen mischte
worauf diese sich in schweine verwandelten

diese geschichte hat mich schon immer amüsiert
doch dass kirke sich des bilsenkrautes bediente war mir unbekannt

einige samen habe ich eingeheimst
was ich damit anstellen werde weiss ich noch nicht
vielleicht hole ich sie nach 1000 jahren wieder aus meinem versteck…

KLANGPFAD…

der klangpfad
oberhalb des seen im park schönfeld
unterhalb des botanischen gartens

irgendetwas hat mich immer davon abgehalten
diesen klangpfad zu erkunden
dann weiss ich es plötzlich
es lockt nichts
von oben kommend sehe ich fünf stelen
die ich eher einem friedhof zuordnen würde
ich hatte gehofft dass sie wasser spucken

das meine ich wenn ich sage
es lockt nichts

es stellt sich dann auch heraus
dass der klangweg nicht nur nicht lockt
sondern auch vergammelt ist
die klanghölzer sind teilweise abgerissen
oder verschwunden – hängen herum

der klangtreppe entlocke ich mittels eines stöckchens
geräusche wie wir sie als kinder erzeugten
wenn wir an einem zaun entlanghuschten
die waren meist aufregender

der klangstein scheint unversehrt
es ist nicht besonders aufregend
ihm töne zu entlocken
vielleicht bin ich auch nicht in der richtigen stimmung
verärgert über den „zu“stand des klangweges
auch wird nebendran wie verrückt gebaut
der neue grimmtheaterplatz wird dort angelegt
es fehlt die ruhe in die ich lustvoll töne machen möchte

die klangblöcke ganz traurig
alle schlagklöppel abgerissen
teilweise herumgewickelt oder auch entwendet

die strippen etwas versteckt

ich bin ratlos
was einen klangpfad zum leben erwecken könnte
herr sons hatte da bestimmt eine halbwegs gute idee
nur wer betreut ihn

PLATT GEMACHT…

platt gemacht ist hier nun bald alles
heute kam der riesenbagger und hat alles niedergemacht

dass er den robinienhang wegkriegen würde
habe ich nicht gedacht
umgeschuppst und beiseite gezerrt
ich habe mich so geschämt vor sie hin zu treten
ein wenig geblüht hatte schon die eine oder andere
und samenschoten herausgebracht
wie abgeschlachtet lagen sie da
die wurzeln wie gespreizte zehen in die luft gestreckt

ein holler gleich daneben
der war voller holunderbeeren – fast reife
keine rücksicht – alles musste weg

der beuysbaum an die seite gezerrt
zum schreddern
keine beachtung mehr
die männer wissen nicht einmal seine bedeutung

auf die erdhaufen bin ich noch geklettert
aber es war nicht das gleiche wie zwischen den
pflanzen herumzuschlängeln zu d13-zeiten
am liebsten hätte ich mich wie eine decke darüber gebreitet
und geschrieen – jetzt reichts
aber da war schon alles vergeblich

ich kann gar nicht begreifen
wie man all die pflanzen plötzlich so rückhaltlos
vernichten kann
und damit sie ja keine chance haben
nochmal aufzukeimen
wird die erde erhitzt um die keime abzutöten
abgetötet…
keine chance für ein wiedererscheinen
keine aussicht auf wiederbegegnung

KOMPOSTLOCH ADE…

nun sind sie angerückt die grossen maschinen und lastwagen
sie scharren und sieben und schaffen die gesiebte erde weg

bald wird hier alles platt sein
dann wird es eingerichtet und dem park zugeschlagen
das war gestern
heute müssen sie erst eine maschine besorgen
welche die bäume wegrafft
die gehen nicht in die rüttelmaschine
die ohnehin die falsche ist und für steine und erde gedacht ist
die lobelien haben in den zwei jahren eine stattliche grösse erlangt
sie können nicht umgepflanzt werden und müssen weg
das erdreich ist zu locker in denen sie wachsen
es geht langsam
die männer stellen sich die frage
ob die firma stundenweise oder pauschal abrechnen wird
keinem tut es leid
es muss gemacht werden
die ordnung im park ist vorrangig

ich werde heute und solange wieder hin gehen
bis ich sehen kann
was aus meinem kompstloch geworden ist

KLEINSTE DINGE…

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Die meisten Menschen
wissen gar nicht, wie schön die Welt ist
und wie viel Pracht in den kleinsten Dingen,
in irgendeiner Blume, einem Stein,
einer Baumrinde oder
einem Birkenblatt sich offenbart.

Die erwachsenen Menschen,
die Geschäfte und Sorgen haben
und sich mit lauter Kleinigkeiten quälen,
verlieren allmählich ganz den Blick
für diese Reichtümer,
welche die Kinder,
wenn sie aufmerksam und gut sind,
bald bemerken
und mit dem ganzen Herzen lieben

NATUR-KUNST-KOMPOSTLOCH…

mit einem dankritual verabschiede ich mich von meinem kompostloch

dank dem ort der mir so wunderbare aufschlüsse und erklärungen geschenkt hat

dank den pflanzen die mich überraschten weil ich sie in der vielzahl hier nicht erwartet hatte
ganz besonderen dank dem springkraut das mich auch heute wieder umduftet und betört

ich wage zwei blütenstiele zu entwenden und stelle sie in eine vase
meine ganze wohnung duftet und hält die erinnerung noch etwas in die länge gedehnt wach
auch in der vase
bilsenkraut fenchel sumpfknöterich und hühnerhirse
sie stehen für alle anderen im kompostloch

dank allen kräften der natur die mich ein ganzes jahr lang begleitet haben
es war das aufregendste und schönste kunstjahr in meinem leben

SCHRECKENSNACHRICHT…

nur noch kompostloch

noch klingen mir die worte von gärtner mike im ohr
das kompostloch bleibt unangetastet
da wird nichts mehr gemacht
und nun aus paris die nachricht
es ist alles abgemäht
ich kann es nicht glauben und schaue nach
es ist abgemäht
und warum

kurzsichtig würde ich das nennen
wäre die d13 nicht ein grund gewesen
diesen ort zu lassen
einfach zu lassen um zu schauen
was daraus wird
die pflanzen waren doch stille zeugen
zeugen eines prächtigen auftritts
der mit hochachtung gefeiert wurde

doch nun dies
100 tage – und keinen tag länger
so ist es vorgeschrieben…

da hatte ich ja glück
noch weitere dreihundertdreiunddreissig tage
dazugeschenkt zu bekommen
ohne dass was verändert worden wäre
und dennoch ist meine enttäuschung und trauer
riesengross

für mein kunstwerk hatte ich keine bestimmte vorstellung
wie lange es dauern sollte
und dass es mit dem abmähen nicht beendet ist
ist sicher

der poetische raum ist auch weiterhin geöffnet