LICHTE BLICKE…

LICHTE BLICKE
in pierre huyghes „untilled“ documenta 13

BESEELTE ORTE
MAGIE DER PFLANZEN

immer bin ich es selbst die einen bezug zu einem bestimmten ort herstellt so auch zu diesem kompostloch
mit den pflanzen begann mein interesse zu wachsen an erster stelle waren da die brennnesseln
sie besitzen eine enorme wuchskraft und haben überall ihre stengelchen im spiel
anfangs habe ich mich an ihnen verbrannt das zeigte mir wie unvorsichtig ich mit ihnen umging
später als sie mir über den kopf wuchsen habe ich das nicht mehr zugelassen
es entstand ein verständnis füreinander

das indische springkraut gab dann den sommer über den ton an
es umflog mich mit seinem duft den nahm ich in meinen kleidern mit nachhause
es bestach mich mit wunderschönen blüten und seiner grösse
es wuchs mir buchstäblich über den kopf wie die brennnesseln
ich entdeckte viele heil- und gift- und andere pflanzenarten und alle bekamen meine aufmerksamkeit
ich erkundete ihre wirkweisen
ich erlebte die wachstumshöhepunkte wie das springkraut keck seine samen in die welt schleuderte und ich sah seinen zusammenbruch – zusammenbruch deshalb weil manchmal ganzen gruppen den hang hinunterkippten
die hohlen stengel gaben geräusche von sich schmerzensgesänge
es tat mir in der seele weh aber das muss es ja nicht

nicht sagen kann ich wann ich diese enge beziehung zu diesem ort zu den pflanzen den hunden den bienen zu den anderen tieren und den menschen entwickelt habe
es war ein schleichender prozess aber so heftig dass ich in abständen noch immer nachschaue wie das vergehen seinen lauf nimmt was ich erkennen kann und was es mit mir macht was es mit mir zu tun hat mit meinem vergehen verwandlung in allem
ich werde mich wohl erst wieder im frühjahr trennen können wenn ich sicher gehe dass alles wieder beginnt

meine fotos entstanden während vieler besuche
sie zeigen die schönheit des kommenden und des vergehenden in eindrücklicher weise
in allem fand ich mich selbst

Books on Demand
Paperback, 60 Seiten
€ 15 90 *inkl. MwSt.

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH XII

PIERRE HUYGHE
untilled

SYMBIOSE

in der biologie bezeichnet die symbiose das zusammenleben von organismen verschiedener arten, das vielfach für einen oder mehrere partner vorteile bietet.

hier ist die springpflanze mit einer zaunwinde eine verbindung eingegangen. die winde will ins licht und klettert den stil entlang, die springpflanze wird von ihr vor austrocknung geschützt und kann so noch eine weile aufrecht stehen. sie bauen sich gegenseitige brücken – hier nur eine halbe – aber immerhin. es sieht schön aus, entlockt mir ein staunen – immerhin…

ein beispiel für fortpflanzungssymbiose ist die symbiose zwischen bienen und blütenpflanzen. die biene nimmt den nektar der blüten als nahrung auf, dabei bleiben die pollen der blüte an ihr hängen, welche die biene dann weiter trägt und damit eine andere blüte bestäubt, so dass diese sich vermehren kann.
die springpflanzen haben sich viel zu früh davongemacht. wie weit die bienen nun fliegen müssen, um an ihren nektar zu kommen. sie finden über viele kilometer ihre futterplätze. das finde ich sehr erstauntlich für diese kleinen, wohl sehr schlauen wesen.

der knöterich ist nicht wählerisch. er klettert an allem hoch, was sich ihm in den weg stellt. hier mit den anderen pflanzen sieht er zauberhaft aus – und so gegen das licht…

symbiose zum schutz vor feinden: ein beispiel für diese symbiose ist die beziehung von ameisen zu blattläusen. die ameisen geben den blattläusen schutz vor feinden, im gegenzug lassen sich diese von den ameisen „melken“, sie sondern eine zuckerlösung ab, welche die ameisen zu sich nehmen.

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH XI…

ÜBER DIE UMKEHR VON ZEIT UND RAUM
pierre huyghe

ständehaus
14. september 2012 19 uhr

Nach Ansicht des Künstlers Pierre Huyghe bleiben Dinge nicht in einem vorgegebenen Zustand. In seiner jüngsten künstlerischen Arbeit setzt er sich in erster Linie mit lebendigen Materialien wie Gärten oder Wasserökosystemen auseinander. Sie wachsen, verschwinden, tauchen wieder auf und sind – unabhängig von Zeit und Ort ihrer Präsentation – ständig in Umwandlung begriffen, wodurch sie unsere Beziehung zu Raum, Zeit und Erinnerung herausfordern. In diesem Sinn entwickeln sich auch Ausstellungen wie Zellen, bilden Teile eines größeren Organismus, folgen einer Reihe von Interaktionen und Operationen. In welchem Ausmaß diese Prozesse ein Umkehrbarkeitsprinzip hervorrufen, ist eine der Fragen, die der Künstler erörtern wird.

die präsentation untilled ist nur eine begrenzte zeit für uns zugänglich. die ´ständige umwandlung´ können wir also nicht erfassen, nur aus unseren gemachten erfahrungen hinzudenken. wenn etwas verschwindet, ist es noch nicht aus der welt. es durchläuft eine reihe von kreisläufen und endet nie.

wenn wir menschen in die kreisläufe eingreifen, ist ein natürlicher lauf unterbrochen.
wir machen garn und stoff aus brennesseln, ernten die samen des springkrautes und verwenden sie in unseren speisen. den psychodelischen pflanzen rücken wir sehr nahe, in medizinischer absicht oder zum rausch oder gar todbringenden verabreichungen.
können wir menschen uns in den kreislauf der natur einreihen, dann müssten wir ihr in einer viel sensiblere weise begegnen.

verschiedene kreisläufe verbinden sich miteinander, das verlangt rücksichtnahme im günstigen falle. doch auch in der natur gilt oft das gesetz des stärkeren. dann beginnt ein neuer kreislauf und wir sind mittendrin.

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH X…

DAS ENDE SCHON ZU SEHEN…
pierre huyghe
human und senior

karlsaue
262 nr. 83

komm mit
wir wollen mal sehen
wo das ende bleibt

nun komm
mach schon

länger halt ich das hier nicht aus mit den vielen menschen

wo bleibst du denn

hier oben können wir es vielleicht entdecken

schau mal in die andere richtung

kein ende zu sehen

rein garnichts was darauf hindeuten könnte

die strapazieren unsere geduld all zu sehr

komm wir verschwinden erst mal im grünen

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH VIII…

A B S C H I E D
pierre huyghe


Jede sprossende Pflanze, die mit Düften sich füllt, trägt im Kelche das ganze Weltgeheimnis verhüllt.

aus: weltgeheimnis
Emanuel Geibel

abschied hat einen geruch

das weiss ich seit heute

im erdloch umduftet er mich

macht mich wehmütig

noch ist es feucht

die erde lüftet aus

ich setze mich auf die steinstapel

ich geniesse die stille

in mir breitet es sich aus

dieses verlassenwerden

der wuchs der pflanzen

er hat mich erfreut

auch glücklich sein lassen

doch nun verabschieden sie sich
frühzeitig

die komposterde hat sie

rasch emporgetrieben

zu schnell

das hat sie keinen widerstand

bilden lassen

gegen regen und wind

die blüten hatten nicht genug zeit

sich ordentlich zu entwickeln

kräftig zu werden

der imker sagt

der honig wird ganz wässrig schmecken

nun liegen sie

breit und platt am boden

die springkräuter

verlieren ihre säfte

werden braun und brüchig

bilden neue morbide muster

er kam zu früh

der niedergang

das macht die wehmut

den schmerz im herzen

das leben war zu kurz

anderswo wachsen die springkräuter

noch bis zu beginn des frostes

es wird sich auflösen

es wird sich verwandeln

der boden ist bereitet

die neuen pflänzchen

strecken schon ihre köpfe heraus

kommen und gehen

leben und sterben

immer wieder schenkt uns

das kommen die freude

das gehen die traurigkeit

vielleicht
weil wir wissen

dass das

auch unser weg ist

irgendwann einmal

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH IX…

MORBIDE SCHÖNHEIT
pierre huyghe

fast übersteigt das vergehende das kommende in form und farbe. alle phasen der farbskala durchläuft es, ehe es zu staub zerfällt.
morbide schönheit – so leicht übersehen wir sie, bei den pflanzen wie bei den menschen.
superlative haben die ganze aufmerksamkeit.

erst da, wo wir das ganze sehen, den kreislauf, beginnt das staunen. nur schönheit, nur grösse, nur gewinn hat die aufmerksamkeit nicht lange, das staunen zerfällt in blindheit, in dumpfheit auch.
die stengel der springkräuter zaubern die ganze farbskala und ein jeder in anderer weise. die sonnenstrahlen fallen durch sie hindurch, tauchen die umgebung und mich in schönes licht.

wenn ich auf die trete, die schon am boden liegen und quer über den schleichpfad, geben sie einen ton von sich, nicht schmerzhaft, ehr wie ein klang, ein lied sogar. ich singe es weiter.

die königskerze macht einen wunderbaren bogen und wendet sich über eine andere pflanze. sie scheinen den weg gemeinsam zu gehen. welch tröstliche vorstellung.

auf einem anderen stiel einer springpflanze wirft ein blättchen den umriss eines OM – alles tönt, alles singt.

mein abschiedslied von gestern verstehe ich erst heute, da ich am selben ort stehe. es ist die vorstellung, dass nach ende der dOCUMENTA von eben auf jetzt alles platt gewalzt werden könnte. damit ginge mir der ganze ort verlustig.
ich hoffe, dass es behutsam erfolgt und ich immer wieder hierher kommen kann.

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH… VII

PIERRE HUYGHE
untilled

karlsaue
262 nr. 83

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sie hören nicht auf – die gespräche in pierre huyghes kompostierungsanlage. und sie dürfen auch nicht aufhören, da, wo es um die rettung der bienen geht.
die bienen sind die hoffnungsträger in einer gefährdeten gegenwart. ihnen wird die potenz zur veränderung der welt zugemutet. nur hoffnungsfrohes gefasel? das bienensterben sendet apokalyptische signale, die auch literarisch nach einer antwort rufen.

DSC_0171_AUSSCHN.

der mensch hat die bienen kranke gemacht. kann die welt an der biene genesen? sind die irrtümer umkehrbar?
der spanische dichter ANTONIO MACHADO (1875 bis 1939) sagt es in seiner zweiten strophe ´soledades´ (einsamkeiten), in dem er von der heilung ´alter irrtümer´ durch die verwandelnde kraft der bienen spricht, so:

letzte nach als ich schlief
träumte ich – wunderschöne illusion!
dass ich einen bienenstock
im herzen hatte;
und die goldenen bienen
machten aus meinen alten fehlern
weisses wachs und süssen honig.

aus dem fehlen und missglücken könnten also – zumindest im traum, in der phantasie – neues baumaterial und wunderbare nahrung werden, dank der fähigkeit der biene, einen uralten stoff in etwas neues zu verwandeln.

angeregt durch das buch von ralph dutli
DAS LIED VOM HONIG
verlag wallstein

die metapher VERWANDLUNG läuft im kompostloch auf allen ebenen und auf vollen touren. das bild der verwandlung, das die bienen verkörpern, bleibt sehr anspruchsvoll. man muss sich informieren um die kreisläufe zu schliessen. da hilft das buch von ralph dutli sehr und zur genüge.

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nun habe ich auch
einen bienenstock
in meinem herzen
warte auf die verwandlung
in mir um mich

das lied der bienen
löst träume aus
bringt uns zu unserem ursprung
damit wir
neu beginnen können

rosadora

um auf die vielen fragen zu antworten

die bienen werden nachts und bei regen mir dem bienenkasten abgedeckt.
sie werden gefüttert und auch gegen die schädlichen milben behandelt.
nach der d 13 holt der imker sie wieder ab.

ENDLOS, UNAUFHÖRLICH VI…

www.momenta 100.de

PIERRE HUYGHE
das lied vom honig

in zeiten höchster gefährdung der honigbienen erscheint ein büchlein von ralph dutli
DAS LIED VOM HONIG, das mir von grosser bedeutung scheint.

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unser leben ist mit dem der bienen defiziel verbunden. ohne die bienen können wir nicht leben. wenn die bestäubung der meisten pflanzen und bäume nicht mehr stattfindet, können wir nicht ernten. grosse recourcen unserer nahrungskette fallen aus.

die biene bedeutet auch uraltes weltkulturgut, schenkt wirksame heilmittel in vielfältiger form, gibt anlass zu tiefgründigen gedanken und reichen symbolen.
in mythen aus griechenland und ägypten waren sie die heiligen tiere der göttinnen und götter. sie waren die kleinen helferinnen des weltschöpfers. sie beflügelten und beflügeln die fantasie der dichterinnen und dichter. martin opitz nennt die bienen zärtlich die ´honigvögelein´. sie waren die vögel der musen.
in dem büchlein ist ein anhang mit zahlreichen poetischen beispielen.

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pierre huyghes bienenfrau ist eigentlich der höhepunkt in der anlage, wenn nicht, ja wenn ihr die hunde human und senor nicht die schau stehlen würden.
am morgen schläft sie noch und auch die bienen. eine bienenkiste für die nacht verhüllt kopf und bienenstock, bis die kiste abgenommen wird.
die bienen bestäuben die im kompostareal angesiedelten aphrodisierenden pflanzen. das springkraut gibt den bienen nahrung im überfluss. es stellt etwa 40mal so viel Nektar her wie eine vergleichbare heimische Pflanze.
ursprünglich wurde es als zierpflanze aus dem himalaya über england nach europa eingeführt. das ist ca. 170 jahre her. dass es sich so rasant verbreitete lässt die annahme zu, dass die menschen schon zu der zeit, oder im laufe der jahre, herausgefunden haben, dass die pflanze diesen hohen nektargehalt aufweist.

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nun nimmt sie überhand, eine bedrohung für die einheimischen pflanzen in dem sinne, dass bienen und pflanzen eine symbiose eingegangen sind. die biene hat in jahrmillionen hochdifferenzierte sensorische und kognitive fähigkeiten entwickelt. ihre tänze und gesänge sind ordnende und formgebende orientierungshilfen.

in pierre huyghes pflanzengarten existieren planzen, lebendige wesen, bauschutt, belebtes und unbelebtes nebeneinander.
ich beobachte, die verwandlungen, die prozesse, die sich hier abspielen, das kommen und gehen, das leben und das sterben. die verknüpfungen, die ich herstelle, helfen mir mein verstehen zu erweitern, meine sicht auf die dinge zu weiten. alles ist mit allem verbunden.

UNAUFHÖRLICH V…

PIERRE HUYGHE
untilled

AUE kompostierungsanlage
262 nr. 83

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unweigerlich finde ich mich mal wieder im kompostloch von pierre huyghe.
yuma flitzt gerade quer durch das kunstwerk.

und ehe ich dann ein idyllisches stündchen im schatten geschenkt bekomme mit marlon und den hunden senior und yuma, habe ich noch ein paar interessante gespräche.

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unter den bäumen mit marlon, mit den hunden, das ist schon was besonderes. philosophieren über die art zu schauen und wahrzunehmen, über leben und die unsterblichkeit, über die ästhetik der pflanzen, die genau das tun, was sie wollen oder sollen,
zwischen alt und jung, zwei generationen unterschied, das ist spannend. die grundlegenden dinge stimmen fast überein.

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die hunde haben vertrauen, lagern sich in unsere nähe, senior büchst ab und zu mal aus, kommt aber immer wieder zurück. eine frau sagt, er holt sich seine streicheleinheiten. yuma hält davon nichts. er ist vollkommen er selbst.
die menschen mögen die hunde. sie sind die attraktion hier in pierre huyghes komposition. jede/r will ein foto von ihnen machen, und wie oft müssen sie das bein neu anmalen. andere schimpfen darüber.
yuma und senior sind froh über diese schattenpause. es ist heiss. die sonne brennt in diesem loch besonders. sie scheinen aber auch froh zu sein, dass die pause vorüber ist. sie liegen auf einem splithaufen. ich sage split, ich weiss nicht genau, was das für zeugs ist. ich werde demnächst nachfragen.

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da liegen sie, nun wieder in der sonne. lang ausgestreckt und sich räkelnd. juma bellt hin und wieder einen menschen an, der ihr suspekt vorkommt, schwarz angezogen, auch zu gross. vielleicht hat er als strassenhund, der er einmal war, da schlechte erfahrungen gemacht.

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die vielen menschen sind schon nervig und undiszipliniert. irgendwie scheinen die hunde genug zu haben.
ich komme immer wieder hierher, weil ich sie treffen möchte. doch in erster linie verfolge ich den werdegang der vielen pflanzen.
die springpflanzen haben hier nicht unbedingt einen idealen platz. im lockeren erdreich finden sie nicht genug halt. sie sind nicht widerstandfähig gegen unwetter. sie sind umgeknickt. auch geht das blühen ausgesprochen vorzeitig zuende. an wald und flussrändern blüht das springkraut noch lange bis in den herbst hinein. sie konnten sich ihren platz nicht selbst aussuchen.

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marlon findet, dass es zwischen pflanzen und menschen viele ähnlichkeiten gibt. er hat festgestellt, dass eine springpflanze, die alleine steht und genügend platz hat, seine triebe ausbreitet und fest steht wie ein baum. die anderen, die gedrängt stehen und sich anlehnen, haben keinen widerstand und knicken ein bei jedem windchen. das ist bei den menschen ebenso.
viele vergleiche gibt es. die verknüpfungen herzustellen und daraus zu lernen, ist das wesentliche. marlon hat das erkannt. ich freue mich darüber.
und ich freue mich auf meinen nächsten besuch im kompostloch und hoffe, dass nach der d13 nicht alles sofort nicht mehr sein wird.

BRENNESSELLOB…

UNAUFHÖRLICH IV

etwas gewinnt für mich bedeutung, wenn ich seinen werdegang verfolgen kann. die brennessel begleitet mich von meiner kindheit an. wir haben sie gesammelt und kleingehackt an die ginselchen verfüttert. dass wir sie gegessen hätten, daran erinnere ich mich nicht.

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in den letzten wochen konnte ich sie in pierre huyghes kompostanlage, die er zum kunstwerk hat werden lassen, ausgiebig beobachten. erst gingen sie mir bis ans knie, dann bis an die hüfte und über die schulter und nun über meinen kopf hinaus. schnell sind sie gewachsen und haben sich mir in ihrer veränderung intensiv eingeprägt.
die pflanzen hier im loch haben alle eine art, auf den geist von mensch oder tier zu wirken. welche das bei der brennessel sein könnte habe ich nachgeforscht. die meisten menschen mögen die brennesseln nicht. es ist unkraut und sie bekämpfen es. kneipp fand heraus, dass brennesseln von vielen zipperlein abhilfe schaffen können. ich erwähne sie im anhang…

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immer eindringlicher werden sie mir, die brennesseln, je häufiger ich an diesen ort komme. ich beobachte sie. vielleicht haben sie das gern, ich meine, dass ich ihnen beim wachsen zuschaue und wie sie sich recken und strecken, der sonne entgegen. neulich entdeckte ich, dass sie an ihren blattansätzen ableger hervorbringen, lauter kleine neue pflänzchen. das habe ich vielleicht schon mal gesehen, aber da hat es mich wohl noch nicht so interessiert. jetzt aber, in diesem moment, ruft es einen jubel und ein erstaunen in mir hervor. dem muss ich nachgehen, denke ich.

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dabei fand ich nicht nur die berichte von vielen heilwirkungen heraus, sondern auch, dass aus den brennesselstengeln garn gewonnen wird und sogar stoff. irgendwie will ich den brennesseln meine sympathie entgegen bringen. ich beschloss, mir garn zu kaufen und damit zu stricken. es ist ein sehr hartes garn. es wird nur von hand bearbeitet und gesponnen, also ein sehr kostbares garn.
das war der grund dafür, dass zu zeiten früherer kriege, in denen alle maschinen ausfielen, der stoff der brennessel, der ebenfalls nur von hand hergestellt werden kann, für kleidung von soldaten diente.

da der stoff, dem heilende wirkung nachgewiesen wurde und besonders für kleinkinder geeignet erschien, fand ich, dass er meiner angegriffenen seele und gesundheit ebenso guttun könnte. erstmal noch macht das garn mir wunde finger und ich kann es nur zaghaft verstricken. vielleicht bin ich damit auch erst im nächsten jahr fertig und ich werde meinen diesjährigen pflanzen nicht gegenübertreten können in meinem rauhen brennesselgarnteil. doch im günstigen falle ist ihnen vergönnt, rhizome zu bilden, so dass sie im nächsten jahr an genau der selben stelle emporwachsen können, vorausgesetzt, man räumt diese ganze anlage nach ende der documenta nicht wieder fort.