wintersonnenwende
text 2005 – nach 10 jahren noch aktuell
setz dich einen moment zu mir – einen moment, wo das unfassbare geschieht, dass das vorläufige rückläufig wird. da hält selbst das alte jahr den atem an. wir horchen und sinnen, was das bedeuten könnte und was es uns sagen will. auch das neue jahr stürzt sich nicht gleich ins rennen. ebenso wie das alte verhockt es sich und bleibt ganz still und leise. kein wind weht, nichts regt sich draussen. wenn wir diesen atem aufnehmen, den grossen atem der natur, könnte uns zufallen, wonach wir suchen. in das dunkel fällt licht – die geburt des lichtes verheisst uns neue energie.
bedenke, was du mit dieser energie verändern möchtest, denn wie das alte jahr hinter uns bleibt, sollten auch unsere alten vorstellungen vertrieben werden, damit neues platz hat. doch halt noch einen moment inne – in dieser nacht musst du schweigen. da reden die tiere. streng dich an, damit du verstehst, was sie sagen. und sie haben dir viel zu sagen, die tiere.
die tür zur anderswelt ist weit geöffnet. sprich mit deinen anderswesen. wundere dich nicht, dass sie so heiter sind. schwing dich mit ihnen auf den grossen bogen, reite mit über grenzen, die heute keine sind. gib ihnen speise und trank und feiere mit ihnen das grosse fest des allumfassenden.
in den 12 rauhnächten wendet sich das unterste nach oben und das oberste sinkt. ein mischen und mengen tut gut, damit etwas ganz neues werden kann. schaffe platz dafür. schau die bäume – sie schmücken sich und zeigen sich in schönster pracht. doch dann werfen sie all ihre blätter ab. die sinken tief in die erde und werden zu staub. in der dunklen zeit und in grösster stille tragen sie nicht trauer. eifrig bereiten sie das neue wachsen vor, lassen es knospen unter den blättern, mitten im winter. hoffnungsträger.
halte dich ruhig und still und verzweifle nicht. der weg, den du nicht sehen kannst, liegt längst vor dir. du musst ihn nur gehen.



in all den jahren hat sie sich ganz in sich zurückgezogen, aber ich weiß, dass sie dennoch da ist. treu habe ich sie immer besucht und zusehen müssen, wie sie immer weniger wurde. aber das ist ja nur die äußere gestalt – das wesen bleibt mir in erinnerung.














zauberhaft und mit jedem schritt schöner. überraschung an überraschung. so ununterbrochen und durchgehend der raureif wie zuckerbäckerei und fast ein bißchen kitschig. jedes bild ein treffer, jedes foto ein hochgenuß.


aber die überraschungen liegen vor mir, wenn ich nur gehe. erst erregt er meine aufmerksamkeit, obwohl er noch weiter weg ist, der besondere baum. ich zoome ihn heran und er bleibt einfach nur ein baum, der mir ins auge fällt. ich bin von ihm durch einen graben getrennt. und als es dann die möglichkeit gibt, zu ihm hinzugelangen, ist die überraschung groß. das, was mir an dem stamm so eindruckvoll schien, ist ein herabhängender dicker baumstamm. der baum, wohl mehrstämmig, war einfach umgeknickt und aufgerissen und es sah aus, wie eine große blutige wunde. kopfüber hing er nun fest und baumelte in der luft. er berührte fast die erde, deshalb sah es von weitem aus wie ein farbiger stamm.

die sonne blendet, meine brille läuft an, und ich fotografiere fast blind und auf verdacht. bin dann überrascht, dass fast jedes stimmt.

dann aber hochgerappelt und unbeirrt über die eiswiese zu meinen fotomotiven.
heute habe ich mir eine stelle ausgesucht, wo ich in den wald nur schlecht hinein kam, wegen hartnäckigem eisfarn. also, blieb ich fast nur auf dem weg – mit wenigen ausnahmen, wo ich einschlupf fand. doppeltes aufpassen war angesagt, dieweil hier keine menschen sind. also, findet mich auch niemand, wenn ich falle. handyempfang unsicher.






für meine waldwesensuche ist sonne nicht sehr geeignet – der kontrast von hell und dunkel zu stark. zwar mache ich immer mal wieder den versuch sie zu fangen, das ein oder andere wesen, aber ich kenne die auswirkungen der zu grellen sonne. im november steht sie noch dazu besonders schräg, und schräg sind dann auch die bilder.
hier, wo es keine wege gibt, ich durch hochblühendes gras und gestrüpp mich fast zwänge, bleibe ich hängen an brombeerzweigen. mein mantel kennt das schon und weist die dornen, nachdem sie sich festgekrallt haben, wieder ab. heidelbeerbüsche, leichter zu durchqueren, und immer von einem umfallbaum zum anderen, an denen sich die waldwesen besonders gern anlehnen. ich beneide sie um ihren überlebenswillen und den einfallsreichtum zur neugestaltung – die einen in wesen, die anderen in unwesen und als solche nicht zu erkennen. auch die unwesen bemerke ich und schaue sie an. vielleicht mache ich auch mal ein buch über die unwesen des waldes. mag ja angehen. alles, was die fantasie anregt, ist mir willkommen.