
wurzelwerk
das in den himmel reicht
singt ein lied
grüsst die sonne
ehe es
erde zu erde
aus der ewigkeit grüsst
im erinnern
ihren platz einnimmt
und sehnsüchtig
auf das neue
warten lässt
rosadora

wurzelwerk
das in den himmel reicht
singt ein lied
grüsst die sonne
ehe es
erde zu erde
aus der ewigkeit grüsst
im erinnern
ihren platz einnimmt
und sehnsüchtig
auf das neue
warten lässt
rosadora
W U N D E R . . .
eva strittmatter

…
mir geschehen
ist heut früh der kranichschrei.
all so lernte ich zu sehen,
dass das leben gnädig sei.
und das ist nur eins von vielen
wundern, die mir warn und werden,
von geheimnissen, die spielen
über, unter, auf der erden.
ja, ich danke einer holden
frau mein gütiges geschick.
innen bin ich schon ganz golden
von gewissheit und von glück.
XIANG YANG
ULTRASTRUKTUR: GARTEN DER SEELE
friedrichsplatz
GARTEN DER SEELE ist ein vielversprechender name, das diesem kunstwerk auf dem friedrichsplatz gegeben wurde. er verspricht, dass man darin wandeln kann. er verspricht auch, dass man sich darin besinnen kann. er verspricht vielleicht sogar seelenfrieden…


neben dem, dass mal alles wieder erklärt werden muss, um verstehen zu können, ist es doch für die kinder zugänglich. sie klettern hinein und wieder heraus , öffnen und schliessen die fenster, nehmen kontakt auf mit der umwelt und „mama guck doch mal“, und „komm mal rein“.
ein älterer mann fährt mit seiner hand über das holz. ich frage ihn, ob er sich für die verbindungen interessiert. wir mutmassen über den sinn und stellen fest, dass es eine gute arbeit ist.



es ist in keinem museum eingeschlossen, das ist schon mal gut. auch gut ist, dass die menschen miteinander reden und mit ihren eigenen ideen jonglieren, sie fliegen lassen.
rasenflächen sind ja schön, aber es ist eben nur rasen…



XIANG YANG
ULTRASTRUKTUR:
GARTEN DER SEELE
xiang yang ist ein in peking und new york lebender freischaffender künstler. damit verkörpert er selbst die interkulturalität, die auch in seiner ausstellung „alles unter dem himmel gehört allen“ und in seinem werk zum ausdruck kommt. xiang weiss, wie es als out- aber auch als insider im westen und osten ist. seine kunst wägt daher ab, tariert aus und strebt relativistische denkprozesse an.
in seinen installationen aus verschiedenen medien sind stoffe das primäre material. so benutzt er hundert bunte seidenfäden, um scheinbar gegensätzliche bilder verschiedener kulturen zu verbinden. die bunten fäden repräsentieren die traditionelle chinesische volkskunst. sie zeigen die vielfältigkeit, freiheit und demokratie der modernen welt, aber auch die verwirrung und das chaos der moderne. xiangs arbeit wird somit zu einer besonderen art des interkulturellen dialogs. „ultrastruktur: garten der seele“ wird am friedrichsplatz gezeigt, der von der wechselvollen geschichte der stadt berichtet und ein breites kontextuelles feld eröffnet.
seit seiner entstehung im jahre 1768 wurde der platz für die unterschiedlichsten zwecke genutzt, militärparaden wurden hier durchgeführt, er war der standort eines freizeitparks, diente aber auch als bühne nationalsozialistische propaganda. über die zeit machte er mehrere transformationen durch, nicht zuletzt durch die zerstörung im zweiten weltkrieg und durch die teilung des platzes im zuge der neuen strassenführung in den 1950er jahren.
in unmittelbarer nähe zur documenta-halle und zum ducumenta-kunstwerk „rahmenbau“ von haus-rucker steht xiangs „ultrastruktur: garten der seele“ unausweichlich in einem spezifischen kulturellen kontext.
xiang yang, *1967
central academy of fine arts
peking
KRAFTORT
HEILIGER ORT


kraftorte haun mich oft um
sie rüttelten und schüttelten mich – diese steine
ich nahm es nicht als zeichen der abwehr
im gegenteil
wie eine prüfung ist es jedesmal
auf allen vieren kroch ich zu ihnen


auch oben angelangt
konnte ich nicht ohne störung stehen
ich setzte mich hin und wieder
hielt einkehr und umschau


das verwahrloste labyrith
wagte ich nicht zu betreten
am ende würde es mir
die gestörte energie übertragen


einen leichteren abstieg wählte ich
der nicht viel leichter war
sitzen schauen fotografieren
und weiter
nach unten
wo ich nicht wirklich unten war

kraftorte ziehn mich an
haun mich um
lassen mich los
kraftorte
heilige orte
PRÄCHTIGE TAGE
wu daxin
weinberg
henschelgarten


ich frage ihn
ob ihm das gefällt
er weiss es noch nicht
der junge mann sitzt auf einer bank
und schreibt tagebuch
ich frage weiter
ob er denkt dass das eine solaranlage ist
sieht schon irgendwie so aus sagt er
aber es ist verkehrt angebracht
müsste der sonne zugewandt sein
er sagt auch noch dass es ganz gut aussähe
und schade nur dass es den schönen blick
auf die stadt verstellt
mir geht es ähnlich
der wunderbare blick ist zu
gerade jetzt im herbst
da alles so bunt eingerahmt ist

gegenüber im garten der murhardschen bibliothek
bunte tanzende figuren im gras in einer langen reihe
ob sie zu den ´prächtigen tagen´ gehören weiss ich nicht
würde aber thematisch passen

Im Flügelschlag der Sonne entgegen: Der Künstler Wu Daxin hat auf dem Kasseler Weinberg seine Arbeit „Prächtige Tage“ installiert. Die Konstruktion aus Flügel und Solarpanele ist mit einer Winkraftanlage verbunden. Mit dem gewonnenen Strom wird der Flügel nachts zum Leuchten gebracht.
Die Ausstellung ist Teil des Jahres der chinesischen Kultur in Deutschland und die bisher größte Schau chinesischer Gegenwartskunst im öffentlichen Raum außerhalb Chinas. HNA
sie geht vom 2. oktober 2012 (eröffnung heute im rathaus) bis 18. februar 2013 und ist auf 20 standorte in der kasseler innenstadt und der karlsaue verteilt.
nach so viel documentakunst nun noch mehr kunst – oder was soll das sein
im kompostloch der karlsaue
gesehen und schier erstarrt vor ergriffenheit
magische momente

manchmal werde ich
in die höhere wachsamkeit hineingeschockt
ich biege um eine ecke
sehe den himmel
und mein herz läuft über vor glück
es fühlt sich so frei
dann habe ich die vorstellung
dass ich nicht nur erschaue
sondern auch von drüben erschaut werden kann
und dass ich kein gesondertes objekt bin
sondern einverleibt in das übrige
in den allumfassenden saphir
von rötlichem blau
…
im zentrum der beschauer/in
muss raum für das ganze sein
und dieser nichts-raum
ist nicht ein leeres nichts
sondern ein nichts
das für alles reserviert ist
leicht abgewandelt
aus
saul bellow
humboldts vermächtnis

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht.
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter.
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht verstehn!
Ich freue mich. Dass ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.
aus
mascha kaleko
sozusagen grundlos vergnügt
KARLSAUE
nach der documenta

hauptsache es ´wellt´ sich in kassel weiter
kreative betrachtensweisen sind wieder möglich


als fabeltier macht es sich sehr gut
und was war es denn nun – oder wird es erst…
auf jeden fall sieht es sehr geheimnisvoll aus
auf der nun menschenleeren wiese
die fantasiegänge sind etwas verstopft
von den überreichen angeboten der d13

na hauptsache es wellt sich weiterhin
dOCUMENTA 13
DIE WELLE


herwig hat sie eingegraben
herwig baut sie wieder aus
mit seinen leuten
die welle


sagt zu mir halt doch mal
drückt mir das weisse gitter in die hände
schnell abgegrenzt
das ende ist abzusehen
letzter blick letzte fotos
das wars dann also


dOCUMENTA 13
fridericianum
»Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit«

der abschlusstanz auf dem dach des fridericianums war alles andere als das.
niemand hat etwas verstanden, schrill klang das gesagte über die menschen hinweg. so unverstanden klang es wie eine publikumsbeschimpfung – als würden die besucher der dOKUMENTA 13 verhöhnt und ausgelacht. selbst schuld, wer auf die ´schau´ reinfiel und wer dachte, es sei kunst…

schade, dass für die geduldig ausharrenden und wehmütig auf ein gelungenes ende wartenden der höhepunkt ausblieb. ein fest – eine féte in den windräumen z. b. doch das fest auf gleis 1 blieb für die mitarbeiter der d13 – für die öffentlichkeit geschlossen.

ganz kassel hätte einen grund gehabt zu feiern. aber mit eigeninitiative ist nichts, und so wird kassel wieder in seinen dornröschenschlaf zurückversinken bis zur nächsten documenta. schade.