
diese unsagbare
trägheit am morgen
die wie eine schlange
vor der tür liegt
ihr fressen fordert
sich dick und fett
vor mir aufbäumt
und schalkhaft sagt
nun tu doch endlich was

diese unsagbare
trägheit am morgen
die wie eine schlange
vor der tür liegt
ihr fressen fordert
sich dick und fett
vor mir aufbäumt
und schalkhaft sagt
nun tu doch endlich was

kassel, 13 uhr 30
jedes jahr die gleiche szenerie:
die kraniche fliegen über mich und ich freue mich unbeschreiblich. die frühlingsboten sind glücksbringer – sie bringen den frühling zurück. sie bezeugen, dass der lebenskreis nicht unterbochen ist, dass die natur über alle von menschen erbauten hindernisse siegt, wiede rund wieder. der sichere instinkt der kraniche und anderer tiere, der grösser ist als das, was wir erahnen können.
das gibt mir eine so grosse hoffnung, wie kaum etwas auf der welt.


die nacht
umspielt meine träume
erwärmt sie mir
gegen die kälte der zeit
und der menschen
die einsam gehen
im schneebedeckten feld

ich suche
die worte in mir
hexe und engel
liegen sich
in den haaren
die eine spricht
mir den weisen teil zu
der andere trägt
ihn mir wieder fort
spricht segen und frieden
und ähnliche verheissungen
hexe mahnt
misstraue
mischt hinzu
ein quentchen lebefroh
eine brise bittersüss
ich rühre
und fische
wort um wort
neu

es ist schon früher hell am morgen und länger hell am abend. dass das licht zunimmt, ist deutlich spürbar. die energien regen sich. etwas zu beginnen fällt merkbar leichter.
das lichtfest, welches die kelten als imbolc feierten mit der lichtgöttin brigid, wird auch heute und immer wieder mehr begangen. die christen nennen es mariä-lichtmess und ich frage mich, warum sie denn die alten feste abgewandelt feiern, obwohl sie alles was vor ihnen war als ‚heidnisch’ benennen…
heute gehe ich hinaus und rüttele die bäume wach und scherze mit den samen, die sich schon in der erde regen. dass in diesem jahr besondere vorsicht geboten ist übermütig zu sein, wissen sie wohl selbst. die schneeglöckchen waren im vergangenen jahr längst mit ihren köpfchen im lockenden licht.
dass mehr licht auch immer mehr schatten bedeutet, davon wissen die leichten seelen, die mit depressionen sich plagen, ein lied zu singen. das licht leuchtet auch noch die letzten ecken aus. das, was bedrückt, ist in dieser zeit wahrnehmbarer als in den anderen jahreszeiten.
die liebenden finden sich.
die maulwürfe bauen neue wohnungen für ihre nachkommen.

wortfenster
öffnen
wintersätze
hinaushängen
frühlingswind
hindurchpusten lassen
damit sie sich läutern
leichter werden
immer leichter

meine gefässgöttin umgestaltet zur AUGENGÖTTIN.
weit aufgetan die augen ist sie die seherin, die, die nicht nur sieht, was ist, sondern nochmehr das, was sein wird. so sehr ihre seherinnengabe befragt war, so sehr war sie auch verhasst – verhasst, weil sie nicht nur das gute voraussagte, sondern auch schlimme ereignisse deutlich erkennen konnte. ob sie davor warnte, weiss ich nicht zu sagen, aber das kann ich mir nicht vorstellen. das schicksal liegt letztlich in den entscheidungen der menschen.
wie sie in verschiedenen kulturen unterschiedliche namen trägt, so hat sie auch alle anderen eigenheiten und eigenschaften in sich vereint. sie ist niemals die, die nur sieht – sie ist allumfassend und allesumschliessend.
ich bin froh sie in meinen ‚heiligen hallen’ zu haben, erinnert sie mich doch daran selbst zu entscheiden, nichts schleifen zu lassen. sie ist mir mein spiegel, aus dem ich lesen kann.


‚…wie dich das grosse einatmen
überkommt mit einemmal
mischst du die farben
füllst du die flächen
an nichts dich haltend neu…’
BRIGITTE FUCHS
in DAS BLAUE VOM HIMMEL ODER ICH LEBE JETZT
glendyn verlag – aarau 1993
als lägen unsere tätigkeiten nebeneinander – du gestern, ich heute. dabei sind jahre dazwischen und die aufforderung ‚flächen neu zu füllen’ unabhängig voneinander. 1993 – 2009 – was bedeuten jahre?
alles erfüllt sich zu seiner zeit.




vielfachdrehung
am morgen
den sprüchegarten
durchforsten
rotierende einbildung
der du
immer neu erliegst

diese augen
beruhigen diese augen
die ständig sehen müssen
und entdecken
auch
was sie nicht wollen
diese augen besänftigen
sie legen
auf einen blauen grund
der abschweifung ist
für graume zeit
das nichts ahnen lässt