GESCHICHTEN AUS DEM URWALD – 21.12.2020….

MEIN BAUM – ER STIRBT UND STIRBT….

10 jahre ist das her, dass er sooo da stand….

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und so sah er lange aus – hier 2017 – da konnte ich im eingang noch stehen…

du bist und bleibst MEIN BAUM
auch wenn du dich platt auf die erde legst
um ganz unscheinbar zu werden


du sagst
dass es an der zeit ist
und in dem zusammenhang wage ich die frage
was ist zeit
was ist zeit für dich
und was ist zeit für mich
zeit für was
alle energien gibst du ab
alle kontakte zur außenwelt

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du schaust jetzt nach innen
ganz und gar
und ich wüßte so gern
was dir da begegnet

viele jahre warst du mir ein guter begleiter
ich bin zu dir gekommen in hellen
wie in dunklen stunden
bei dir habe ich trost gesucht
und in deinem langsamen entschwinden
das gleichnis des dahingehens gesucht

dabei sind baum und mensch nicht annähernd gleich
aber immer suchte ich das was sich ähnlich anfühlte
du halfst mir zu verstehen
und wirst es auch weiterhin tun
die suche ist nicht zuende

ich wollte nicht traurig sein wenn du gehst
und bin es nun doch und tief erschüttert
tagelang fehlten mir die worte
und auch jetzt kann ich noch nicht sagen
was ich im tiefen inneren empfinde

das leben und das sterben erschüttern gleichermaßen
irgendwie sind wir menschen nicht dafür gemacht

du bist und bleibst MEIN BAUM

GESCHICHTEN AUS DEM URWALD – 15. dezember 2020….

F L O O R – WER DICH KENNT, LIEBT DICH….

Urwaldbaum

FLOOR – so nannte ich sie. ihr kindchengesicht und ihre gebeugte haltung widersprechen sich.
sie ist eine derjenigen, die mir all die jahre treu geblieben ist. das geheimnis liegt wohl darin, dass sie in der verbindung zweier schneidelbäume irgendwie geschützt ist. nicht ganz abgetrennt – zwischen hier und da – eben  z w i s c h e n – das hält jung.
ich freue mich jedesmal, wenn ich sie wiedersehe. sie kommt mir vor, wie ein bindeglied zwischen zwei welten. anfangs hatte sie so etwas wie eine schützende hand eines großvater über sich. in der zwischenzeit – ca. 10 jahre – ist daraus so etwas wie ein engelflügel geworden – meine interpretation. die hätte ich wohl gern…
ich gebe ihr hier einen eigenen platz. ich befürchte, sie würde sonst zwischen all die baumschicksale geraten. das bekäme ihr schlecht. sie würde dann zu einem teil von…. werden.

 

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U R W A L D – 15. DEZEMBER 2020….

WAPPENEICHE – KAMINEICHE – MARGARITA…

alle sind in der stadt und kaufen weihnachtsgeschenke. heute der letzte offene tag für die läden.
und wir sind im urwald – ganz alleine…. gute idee.

die urwaldeichen scheinen sich untereinander abgesprochen zu haben – sie segnen das zeitliche. den menschen konnten sie nicht mehr genügen. die rannten an ihnen vorbei, hatten anderes im kopf. urwald – das wurde zum programm, ohne ihr interesse wecken zu können.

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die wappeneiche war mein liebling. ihre rinde war ein reines fundbüro – so viele verschiedene farbtöne – besonders wenn es feucht war. ein e-chen, weil es ausschaute wie ein geschriebenes kleines e, und der walderklärer meinte, ich hätte es hineingeritzt – so ein witzbold.
ihre ganze wucht ist nicht mehr zu erklären. sie hat mich verwundert, begeistert auch und immer wieder ermutigt, mir ein beispiel zu nehmen. sie hat mir mein sehen erhellt – sie hat mir aufschlüsse gegeben über das leben – über das sterben – ohne vergleiche zuzulassen. es ist so und nicht anders – hat sie gesagt – und alles hat seine zeit – lass das abwägen und trauern. das leben ist schön und das sterben – oder das leben hat keinen sinn, wie sollte das sterben einen sinn haben. verfall nicht ins grübeln.

 

und die kamineiche – nur noch manchmal verkrabbelt sich ein kind in ihrem inneren, wo es düster und so wunderbar farbig leuchtet. ein gitter soll ihr schutz bieten und erreicht gerade das gegenteil. auch sie ist gezeichnet. mirko entdeckte den spalt und sagt, hier geht er lang – es dauert nicht mehr lange. noch trotzt sie den wettern, läßt ihre vergangenheit ahnen. doch ohne absperrung zu ihr zu treten, war etwas ganz anderes. ich hatte ein verhältnis zu ihr, war ihr nahe.
so weggesperrt läßt sie das nicht mehr zu.

 

 

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und die margarita erst – sie war die gesündeste von den dreien – so schien es mir. gern lag ich auf einem abgebrochenen ast unter ihrem grünen dach. in alle richtungen schickte sie ihre großen, stämmigen äste und das licht spielte darin, wie auf einer waldbühne. gern schaute ich zu und nahm gern ein bild mit. ehrfurcht flößte sie mir ein in ihrer mächtigkeit.
nun ganze seiten herausgerissen – schon wieder – macht mich traurig. sie war wie eine alte bekannte für mich und ich hab sie gern besucht.
fast sind alle alten baumriesen verschwunden – und was ist dann der urwald noch. lange wird es dauern, bis die jungen bäume gleichziehen und – das werde ich dann eh nicht mehr erleben…

E V A A E P P L I ….

E V A    A E P P L I…
retrospektive – ausstellungsbesuch im tinguely-museum basel – 01.03.2006
rosadora g. trümper tuschick

der tod und das leben, das kraftlose und das kraftvolle – es ist alles da. es herauszufinden und es sichtbar machen im bild, das ist meine anstrengung.
dieses herausfiltern zu erlangen – es kommt mir vor, als sei es anstrengender als die figuren entstehen zu lassen. stich für stich, genäht, geformt in pose gesetzt auch und geschmückt – ich rücke nah an sie heran, um die nähte zu studieren, um ihre bedeutung zu erkennen und hervorzuheben.

erst einmal sehe ich nur finger, spindeldürre finger. sie haben einen reiz auf mich – aber ich sehe auch, dass sie nicht nach mir greifen. kraftlos liegen sie im schoss oder hängen am leib herunter. es verwirren die doppelten botschaften. die puppen – sie leben, obwohl sie tot sind – sie sind tot und lebendig.
kraftvoll sind sie in ihrem sosein. sie sprechen ihre eigene sprache, obwohl sie nicht reden. sie verschaffen sich gehör auf ihre weise. der sinn bleibt verborgen, ich behelfe mich mit meinen eigenen auslegungen. sie stimmen und sie stimmen nicht. ich weiss nichts von ihrer herkunft. jede vermutung wäre völlig falsch, also eine zumutung. umsomehr, als ich sie nicht mitteile und sie sich so nicht wehren können. in ihrer anonymität liegt ihre ganze kraft. ich trete wieder zurück und bin voller bewunderung für diese wesen, die so wesenlosen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


zuden‚rosenfrauen’ geselle ich mich einen moment hinzu. ich belausche sie in ihrem schweigen, schaue sie an in ihrem so sicheren minenspiel. ich kann keine unsicherheiten entdecken. sie sind wie sie sind, sie waren so und werden so bleiben. sie werden uns überdauern. wir zerfallen zu staub, sie sind und bleiben eine noch viel längere zeit als wir. sie überdauern mich schon jetzt fast an jahren. sie haben sich erstaunlich gut gehalten.
ich habe respekt vor ihnen. ich sage, dass ich sie erkenne – da lachen sie sich eins ins fäustchen. ich weiss nicht, ob es ihnen etwas bedeutet, wenn ich ihnen gestehe, dass es mir peinlich ist. ich bin ihnen viel zu nahe getreten.
sie sind leicht und locker gekleidet. das gewebe ihrer gewänder in kostbarster, handgewebter seide. ihren müttern und grossmütern war diese handwerkliche tätigkeit noch bekannt. zur kostbarkeit gewordenes durch vernachlässigte handfertigkeiten der modernen menschen.


die fünf schwarzen witwen – sie scheinen zwillinge zu sein – hat alle das gleiche los ereilt. welches, das verbergen sie hinter ihrer hohen stirn, die sie etwas eitel erscheinen lässt. gepflegt sehen sie aus und so, als wollten sie in ihrer trauer aufgehen. zusammensitzend, doch jede in sich verschlossen, ertragen sie ihr schicksal ergeben. nur die mittlere traut sich, ihre
gefühle etwas zu zeigen. als einzige hat sie die linke hand über die rechte gelegt.

den mund zusammengekniffen, die augen geschlossen und geschwollen vom weinen in der nacht, getragen von einem energischen kinn, versucht sie aus der grossen kraft der trauer neues leben zu gewinnen.


honorè
er scheint die ganze szene zu bedauern, oder schaut er teilnahmslos und lässt alles, wie es ist? erhaben schaut er und sitzt fest an seinem platz. seine gewänder verleihen ihm etwas weibisches, was ihn mir sympathisch macht.
lange schleiche ich um ihn herum und versuche zu ergründen, was er denn erblickt, worauf er so konzentriert schaut. das konzentrierte enthält etwas eingeschränktes. ob seine position seine blicke umherschweifen lässt, trotzalledem? ich werde ihn befragen, wenn er es zulässt. auf seine antworten bin ich sehr gespannt.
in ‚la table’ erkennen die menschen eindeutig das abendmahl. die verwirrungen halten an. abendmahl mit frauen, oder ist auch das eine täuschung? die 13 ist eine kraftzahl. das rätsel ist komplett.
rücke ich näher, wird aus der annonymen szene etwas sehr individuelles. jede figur ein starker ausdruck. ich nehme die vielheit in der einheit wahr. schaue in jedes einzelne gesicht mit grosser neugier.


an der tafel des todes zu sitzen – was muss das für ein gefühl sein. die anwesenden scheinen darüber keine auskunft zu geben. sie brauchen nichts zu sagen. ihre gesichter sprechen bände. von angst bis gelassenheit – die ganze palette. der rote lebensfluss fliesst noch vorbei. es kann nicht mehr dauern, bis er die farbe wechselt. einer scheint schon die verfärbungen wahrzunehmen. er ist nicht der nächste, der vorüberwandelt, aber das weiss er noch nicht.
ich spürte wirklich keine anwandlungen, an der tafel platz zu nehmen.


dieweltenrichter – sie sitzen nicht mit den intelligentesten gesichtern zu rate.
was ihnen wohl einfällt? es scheint ihnen die entschlusskraft zu fehlen, die energie, den verlauf zu ändern. geduldig sitzen sie da, ohne geduld zu haben.
die beine zusammengekniffen – also, nicht auf dem sprunge. das geduldige sitzen täuscht etwas vor, das nicht vorhanden ist. keine grösseren veränderungen zu erwarten in nächster zeit. vielleicht sollen sie ja nicht ändern, sondern urteilen und weiter nichts. zu sagen, was recht ist und was nicht, ist immer einfacher als es auch zu tun.
lassen wir sie ihren gedanken nachhängen, oder so tun als ob…


group 48
sie sind in der überzahl – der chor der toten. sie singen. ich kann den ton fast vernehmen, aber nicht aufnehmen. es ist, als läge ihre ganze kraft in dem gemeinsamen dastehen. einem tut sein rotes füsschen seine dienste nicht mehr und er schwenkt um auf den rechten. ein anderer hat sich abgewendet, schaut in die entgegengesetzte richtung. oder ist er der massgebende und alle anderen wissen nicht. wohin es gehen soll? wenn alle in eine richtung gehen, heisst das ja nicht, dass sie in die richtige gehen.
gedrängt worden – in die falsche richtung – sind sie schon einmal, in die sie nicht wollten. daher nun die geschlossenheit, die streng nach unten weisenden hände, die erhobenen häupter zeigen ihre entschlossenheit.
es wird ihnen nicht wieder vorkommen…


Lippe wusste. Lippe weiss.
Lippe schweigt es zu Ende.
celan

bella,
sie sitzt im rollstuhl. die hände spastisch verkrampft oder fast geschlungen zum gebet? ihre augen – zur erde – gen himmel – den mund leicht geöffnet. sie sammelt kraft, oder hat sie alle kraft verloren? im rollstuhl sinniert – hier oder dort? ich gehe wieder und wieder zu ihr hin, aber nicht im ansinnen ihr zu helfen. vielleicht hilft sie mir. sie hat eine enorme ausstrahlung und anziehungskraft. in ihrem morbiden sosein fasziniert sie mich fast.

LA LUPA: VOLO E MI RICORDO….

Im Flug erinnere ich mich….

Mit „Vogelliedern“ lockt sie uns diesmal so echt und wahrhaftig wie sie ist. Wiederum ent- deckt La Lupa das Thema zu ihrem Theaterabend in ihren persönlichen Erfahrungen und wieder packt sie uns damit, weil sie ahnt dass das, was sie uns mitteilt, auch uns betrifft. Ihre persönlichen „Erinnerungen“ drückt sie mit Texten, alten Liedern und Gedichten aus, unter anderem von Federico Garcia Lorca, Fritjof Capra, Pablo Neruda, Fernando Pessoa, Hildegard von Bingen und Dante. In diesen künden die verschiedensten „Vögel“ von der Sehnsucht nach Liebe, vom Aufstieg zum Geliebten, vom bezirzen der Angehimmelten, von Leidenschaft und Eifersucht und immer wieder -wie wir alle- von der Suche nach dem verlorenen Paradies.

La Lupa steht ganze allein und ohne musikalische Begleitung auf der Bühne und sagt: „Im Flug erinnere ich mich!“ Geht es um den alten Menschentraum vom Fliegen? La Lupa bleibt auf der Erde, lässt statt dessen die Vögel aufsteigen. Auf der Reise durchs Leben sei letztlich jeder allein, erklärt sie. „Ich verlasse mich auf die Vögel, die sich frei und unbe- schwert in die Lüfte schwingen,“ und dabei fordert sie uns alle zum Fliegen auf, mit alten Mustern zu brechen und leichten Herzens Abschied zu nehmen.

Packend und wahr öffnet sie uns wiederum ihre Welt, die auch die unsrige ist, fremd viel- leicht im Moment und uns doch so vertraut mit der Zeit. Bloss hinhören müssen wir. Jetzt begleitet der Ruf des Zaubervogels die Künstlerin durch ihr Soloprogramm. Dort breitet sie Ihre Flügel für uns aus, verzaubert und umfängt uns und lässt uns mit ihr fliegen.

und noch ein wunderbarer beitrag

unbedingt ansehen

SPIELE DAS SPIEL…

PETER HANDKE – aus „über die dörfer“….

“Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson. Such die Gegenüberstellung. Aber sei absichtslos. Vermeide die Hintergedanken. Verschweige nichts. Sei weich und stark. Sei schlau, lass dich ein und verachte den Sieg. Das stimmt. Beobachte nicht, prüfe nicht, sondern bleib geistesgegenwärtig bereit für die Zeichen. Sei erschütterbar, zeig deine Augen, wink die anderen ins Tiefe, sorge für den Raum und betrachte einen jeden in seinem Bild. Entscheide nur begeistert. Scheitere ruhig. Vor allem hab Zeit und nimm Umwege. Lass dich ablenken. Mach sozusagen Urlaub. Überhör keinen Baum und kein Wasser. Geh ein, wo du Lust hast, und gönn‘ dir die Sonne. Vergiss die Angehörigen, bestärke die Unbekannten, bück dich nach Nebensachen, weich aus in die Menschenleere, pfeif auf das Schicksalsdrama, missachte das Unglück, zerlach‘ den Konflikt, beweg dich in deinen Eigenfarben, bis du im recht bist und das Rauschen der Blätter süß wird. Geh über die Dörfer. Ich komme dir nach.”

und vor allem – BEWEG DICH IN DEINEN EIGENFARBEN… rosadora

TERZETTE von ELSBETH MAAG…

Dreizeiler von ELSBETH MAAG, die ein guter Bekannter romanischer Herkunft ins romanische Idiom Sursilvan übersetzt hat…

 

Wasserglöcklein im Ohr
unter meinen Füssen
muss eine Quelle sein

bransins d’aua ell’ureglia
sut mes peis
sto ei esser ina fontauna

ich bin deine Sonne
sagte der Mond zum
Nachtwanderkäfer

jeu sun tiu sulegl
ha la glina detg
al bau da notg migront

Silhouette
unterm gestirnten Himmel wandern Bäume
von Hügel zu Hügel

siluettassut
il tschiel stelliu caminan plontas
da collina tier collina

 

und rosadora

das wasserglöcklein im ohr
es wird mir zum tinnitus
zum rauschenden fall

der mond
das bin ich
du wandelst in meinem licht

mit den bäumen
schreite ich des nachts
am tag bin ich blind

 

TIM – DENKANSTÖßE – D14….

MITEINANDER…

das muß jetzt mal sei – ERINNERN an wertvolle begegnungen auf der d14…

hi rosadora, ich bins tim. wir hatten heute ein schönes gespräch auf dem friedrichsplatz. ich wollte dir noch ein paar zeilen zu meinem projekt schicken. dabei habe ich bisher immer die folgenden vier zeilen verwendet:

WIR LEBEN ZWISCHEN DEN DINGEN.

WIR SIND ALLE VERBUNDEN DURCH DEN RAUM.

EINE MASSE, DURCH DIE WIR UNS ALLE BERÜHREN, DURCH DIE WIR EINS SIND.

MITEINANDER

von Tim Rudolph
Ich freue mich sehr über unsere begegnung. lieben gruß tim

hi tim
ja, auch ich freue mich, dir begegnet zu sein und darüber, dass du dich so früh schon für die kunst entschieden hast und gleich tüchtig mitmischst. ich habe eine schwäche für leere räume und du trägst ihn sogar auf deinem rücken – einen teil davon. unter den beuys bäumen erhält das gleich eine noch stärkere bedetung. der leere raum unter den bäumen hält uns ganz schön lang gefangen – eben – alles ist mit allem verbunden und weitergedacht – noch über den tod hinaus… danke für deine denkanstöße. rosadora