
die dinge sind nicht so wie sie sind
sie sind auch ganz anders
ein haus im haus
es irritiert erst
dann fesselt es meinen blick
ich sortiere meine sehgewohnheiten
und finde ein neues bild
alles bildhafte ist beispiel nur

selbstbild

die dinge sind nicht so wie sie sind
sie sind auch ganz anders
ein haus im haus
es irritiert erst
dann fesselt es meinen blick
ich sortiere meine sehgewohnheiten
und finde ein neues bild
alles bildhafte ist beispiel nur

selbstbild

den kirschbäumen ist es gelungen
sich rechtzeitig prachtvoll zu zeigen
sie tragen schwer an ihrer blütenlast
das rosa noch gegenwärtiger
als alles grün

der flora pinselten sie
den busen grün
als solle es sich aus ihr
direkt entfalten

sie sitzt im gärtchen
hat auf mich gewartet
mein kommen
ist ihr egal
sie träumt
ihren eigenen traum
nachzulesen
in grimms märchen
das museum geschlossen
kein wunder…

ich bin jetzt alt.
du doch nicht.
darf ich nicht?
du wirkst nicht alt.
ist alt ein schimpfwort?
niemand will doch alt sein.
jetzt haben wirs. ich bin so alt, wie ich alt sein will, und jetzt will ich eben alt sein.
aber du siehst nicht so alt aus, wie dein jahrgang ist.
warum nagelt ihr andern uns immer mit jahreszahlen fest? tun wir das mit euch? sagen wir immer: ist das richtig, was du tust, für deine 42 jahre oder deine 37 1/2 oder deine noch nicht 20? ihr aber wisst genau, was wir tun sollen mit unsern über 70, über 80, nämlich vorsichtig sein, sich endlich im altersheim anmelden, nichts riskieren, pläne fallen lassen, da überflüssig.
offenbar kennen wir uns doch nicht genügend aus, deshalb haben die vereinten nationen 1999 zum jahr der älteren menschen erklärt. nicht der alten menschen, schande. um uns zu schonen? ich bin ein alter mensch, ich habe viele jahre gelebt, und ich habe keine ahnung, wie viel zeit ich noch auf diesem planeten verbringen werde.
macht dir das nicht angst?
weisst du es, wieviele jahre dir noch zum leben bleiben? nach der statistik natürlich viel mehr zeit als mir. aber dich beruhigt mein alter deinetwegen, es bedroht dich, du willst wissen, wie man damit umgeht, wenn grenzen sich nähern?
vielleicht ja. aber warum reagierst du so störrisch – das warst du schon immer – wenn ich feststelle, dass du jünger aussiehst, als du bist?
ja, ich weiss, du machst mir ein kompliment, willst mich trösten.
irgendetwas hast du doch angestellt? du bist heiter, so möchte ich auch alt werden..
aha, also ein vorbild sein? das passt mir nicht, will auch keine rezepte geben, so zum täglichen gebrauch.
keine auskünfte?
nein, ich mag nicht. will nicht mehr nützlich sein, mag keine informationen durchgeben über altersbefindlichkeiten.
jetzt kokettierst du aber.
zugegeben, es verändert sich manches im alter – wie hoffentlich auch im früheren leben sich stets etwas verändern müsste.
gut, ich werde einiges erzählen, das ärgerliche mit eingeschlossen.
aus:
LAURE WYSS
SCHUHWERK IM KOPF
texte, die für eine zeitungskolumne geschrieben, im radio gelesen oder in einer literarischen anthologie veröffentlicht wurden.

einen mantel fürs herz
für die anstrengenden tage
des knospens und blühens
und
eine antenne
himmellang
für falschgeleitete
frühlingsgefühle
vor den toren der stadt
graue wände bunt
abgelegen und unter brücken
suspekt
aber nicht ungewöhnlich
farbig
aber nicht schrill




die gespräche der bäume
wogen
grüngefärbte baumworte
hangeln sich
von baum zu baum
ich versuche
die baumphilosophie
ganz baum werden
damit ich verstehe
frühlingslied
du schönes


prächtig – die tulpe
sie erhellt mir
meine seele
frühlingsgeschenk
so wolkenleicht
so lichterloh
prächtig – die tulpe
dem stein
einen blick schenken
ihm entgegentreten
schaun
wo seine seele
in ihm verborgen liegt
ihn fragen
ob ich ihn berühren darf
tief in mich
legt er eine sehnsucht




was mag er sinnen
mag er sich sonnen
den langen tag
und auch die nacht
hat er verbracht
hinweg sein weiter blick
über der menschen geschick
in den häuserzeilen
muss er verweilen