G R Ü N . . .

ROBERT WALSER
den beitrag gab es vor zwei jahren schon einmal.
aber ich muss ihn noch einmal bringen.
nichts und niemand weiss dieses grün so fantsievoll, so prosaisch, so herrlich und treffend zu beschreiben wie robert walser.

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g r ü n (1)

man begreift es nicht, man vermag es kaum zu fassen, es ist erschreckend, es ist etwas unheimliches, etwas beinahe überwältigendes. ‚hat es einen sinn?’ fragt man sich. beinahe sinnlos ist es. es betäubt, es macht den verstand schwindeln. es tut den augen, dem herzen weh, es beklemmt und bestürzt die seele. farbe, farbe. keine andere ist vielleicht so sehr farbe, wie diese. keine zweite farbe blendet so sehr. grün, grün.

wohin man blickt: grün. die einfälle, die gedanken, die regungen der seele nehmen eine heimliche verwandtschaf mit dem grün an und arten in grün aus. die gesichter sind beinahe grün. es hat etwas rätselhaftes, aufregendes, grauenhaftes. nein, nein, es ist nicht so einfach; um den modernen menschen herum ist überhaupt nichts mehr so einfach. täuschen wir uns nicht, gehen wir nicht mit bleichen, kranken scherzen über dinge hinweg, die uns erschüttern, die uns die ohnmacht, in welcher wir immer, immer leben, eindringlicher fühlen machen. grün, grün.

aus dem boden hervor quillt es dick. es ist geradezu entsetzlich. es lähmt, macht auf minuten krank, der kopf steht still, und die seele will aufschreien, will aus ihrer befestigung, dem körper, herausbrechen.
blau ist sittsam und sanft. es gibt auch im herbst und im winter ein blau. aber grün? warum grün? warum, warum so schrecklich, so köstlich, so herrlich grün. es brennt. grün: das brennt. die welt im frühling ist ein brand in grün. grün ist eine raserei von farbe.

hochauf bäumt es sich, lang streckt es sich aus. man ist kein mensch mehr. man weiss nicht mehr, was und wer man ist. es tobt, es zürnt, es quillt, es lodert. grün ist eine fürchterlich ernste, heilige farbe, eine mahnende, fragende farbe, eine göttliche farbe.
weiss, zum beispiel, lächelt. gelb streichelt. warum gibt es schwarze und weisse katzen, und nicht grüne? ach ja, und warum schillern manchmal augen grün? grün kriecht über nacht aus dem
innern der erde, schlägt überall, überall, einer dunklen ahnung ähnlich, hervor. wie ist grün gebieterisch.

grün sei die farbe der hoffnung? jawohl, gewiss, ganz gewiss. doch man versuche es, zu hoffen ohne je zu erzittern und zu erschauern. dicht neben, oder vielmehr, mittendrin in der hoffnung lebt finsteres hoffnungsloses bangen und verzagen. es gibt keine farbe auf der welt, die so sehr einsamkeit und planeten-verlorenheit ausdrückt wie grün. grün ist der ruhm der welt. grün ist die grösste, feierlichste farbe. es ist der farbenanfang, der inbegriff, der stolz der farben. es ist der farbenanfang, der inbegriff, der stolz der farbe. grün ist die seele der farbe. und dann: warum ist es nicht ein wenig heller? es könnte ja matter, leichter sein. aber nein, nicht hell, sondern düstersatt, samtig dunkel, wie ein weltenzorn, tritt es auf und leuchtet und schillert und blendet uns entgegen.

warum ist man im frühling so krank, so matt, so frauenhaft auf das weiche und zärtliche gestimmt, so tatlos, so phantasielos. grün erstickt die phantasie, weil es selber eine phantasie ist. grün ist der räuber der menschlichen energien; hat nicht napoleon sich vor dem frühling gefürchtet? nicht? nun, dann bilde ich es mir vielleicht nur ein, denn auf mich wirkt es wie eine lähmung, derart, dass ich mich in eine katakombe zurückziehen möchte, um nur dem erschreckend süssen anblick zu entgehen. ich fürchte mich im winter nie vor mir, im herbst habe ich geradezu goldenes zutrauen zu mir selber, aber im grün, um gottes willen, hinein in die erstbeste kneipe, trinken, trinken. grün tötet. blühen, knospen. wozu? man versteht es nicht. ich weiss es jetzt, weiss es jetzt ganz genau, dass ein blühender frühling auf den menschen, je länger er lebt, einen immer stärkeren eindruck macht; da wird es ganz nass, da schwimmt es vor lauter grün, und alle menschenbeschäftigungen kommen einem so sonderbar vor, beinahe wie ein klarübersichtlicher irrsinn. es ist ja in der tat auch etwas irrsinniges am grün; und blühen: was ist es anderes als eine art irrsinn? flimmern ist irrsinn.

schon recht. man wird sich ja natürlich, als der mensch von verstand, der man ist, damit abzufinden wissen. hier wollte ich eine illustration liefern, eine verkörperung, eine verherrlichung. o, es gibt träume, die ganz dunkelgrün sind, von spuren rot durchzogen, von blau umsäumt, so, als sei unser denken und dichten blau, unser besseres wollen rot und unser leben unaussprechlich grün.

ja, grün ist – leben, grün ist lieben. es missfällt oft. es entzückt und entsetzt zu gleicher zeit, und es wird von tag zu tag wilder und üppiger. nach und nach, gegen den sommer, lässt es an tiefe ab. man gewöhnt sich daran. dann geht man unter den reichen blätterflüsternden bäumen wie unter dächern spazieren. der staub nimmt ihm auch viel von seinem tiefen glanz weg, und mitten in grossen städten rauschen und wispern im hochsommer die blätter, die dann ganz grau und fahl sind, als seien sie von eisen.

ANDERE SPHÄREN…

mehrhundertjährige eiche

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gebettet
in deinem wurzelnest
lausche ich
deinen alten baumklängen
sie nehmen mich mit
in andere sphären
die so friedvollen
sie erzählen
von einem mai
der auch für dich
einmal ganz anders war
den du
nicht weniger liebtest
als deinen jetztgesang
den so weisen
den so starken
der um das verklingen weiss
dein dasein
überwältigt alles
auch mich

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´wiege mich
maiwind
wiege mich
mache mich leicht
dann fliege ich´

von der energie des baumes ins gras geworfen
nahm ich die lage für meine bilder
baumwurzelelfenfrau

LÖWENZAHNSSTERNE…

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gezwungenermaßen krieche ich am boden.
die hexe will es so.
es zwingt mich, die perspektive zu wechseln.
die reihenfolge stimmt nicht.
stehen – knieen.
bis zum meinem wunschbaum komme ich nicht.
am boden schaue ich mich um, sehe unerwartetes,
sehe löwenzahnsterne.
sie sind mehr stern als löwe, mehr stern als zahn.
die nähe macht sie mir vertraut.
ich finde sie nicht nur schön, ich finde sie zauberhaft
in ihrer windergebenheit.
sie fliegen, fliegen nicht weit, aber weiter.
vor meinen augen dieses köstliche lichtwindspiel.
eben sterne
windsterne
sonnensterne
löwenzahnsterne weniger.

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ZAUDERN VOR DEM DASEIN…

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´und welche spirale ist das sein des menschen!
wieviele bewegunsimpulse, die einander umkehren, gibt es in dieser spirale!
man weiss nicht gleich, ob man sich zum mittelpunkt hin oder vom mittelpunkt weg bewegt…

jean tardieu schreibt:
um vorwärtszukommen dreh ich mich um mich selbst
ein wirbelsturm vom unbeweglichen bewohnt

aber drinnen, keine grenzen mehr!

so wird das spiralförmige sein, das sich äusserlich so gut um seine mitte geordnet darstellt, nie seinen mittelpunkt erreichen.
das dasein des menschen lässt sich nicht fixieren. jeder ausdruck hebt seine fixierung auf…´

aus:
poetik des raumes
gaston bachelard

PARK WILHELMSHÖHE…

azaleen und rhododendren
im park wilhelmshöhe

in keinem jahr gab es eine so üppige blüte.
die zarten farbtupfer beleben den park ungemein und meinen fotospaziergang auch,
die regengüsse ebenso.
beim ersten war ich im schloss und ass ´grüne sosse´,
beim zweiten sass ich in der konzertmuschel und fotografierte den hagelregen.
die blüten haben es überstanden. so nass sahen sie frisch und einige noch viel schöner aus.
bei den wasserspielen schien die sonne wieder – alles ganz passend.

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SCHATTEN…

wo kein licht ist, ist auch kein schatten –
wo kein schatten ist, ist da auch kein licht.

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der schatten
vor meinen füssen
ich fing ihn ein
er gab eine
ungeheuer gute figur ab
mein schatten
ist nun immer bei mir

ich stehe am fusse des kunstwerkes…

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der Künstlers Jonathan Borofsky realisierte zur documenta 1992
diesen himmelsstürmer.
seinerzeit hatte er eine bessere basis.
der friedrichsplatz gibt zu zeiten der documenta einen
guten standort ab. geräumig, luftig und mitten in der stadt.
jetzt steht er vor dem kulturbahnhof.

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MIT DEM HIMMEL VERMÄHLT…

mit dem himmel vermählt…

mitnichten ist der baum zuerst same,
dann spross, dann biegsamer stamm, dann dürres holz.
man darf ihn nicht zerlegen, wenn man ihn kennen lernen will.

DER BAUM IST JENE MACHT,
DIE SICH LANGSAM MIT DEM HIMMEL VERMÄHLT.

antoine de saint-exupéry

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oft war ich schon hier.
wurde empfangen von diesen wunderbaren eichen.
doch heute ist eine stimmung, wie ich sie noch nie erlebte.
heilig, heilig ist – nein, nicht der herr zebaoth –
jede eiche ist ein heiliger baum.
und jeder andere ist es mir auch.
feierlich war mir die stimmung.
und die nichtgemähte wiese mit den frühlingsblumen,
das war wie ein festlich gedeckter tisch.
ich kniete nieder – aus ehrfurcht – das wäre angemessen.
nein, ich kniete nieder, um zu fotografieren.
man sollte es wieder kultivieren, dieses wort ehrfurcht.
ehrfurcht haben vor der ganzen schöpfung,
die sich hier und in diesem moment mir offenbart,
sich zeigt bis auf den punkt des werdens.
stärke oder schwäche.
wohl beides, und wir sind verantwortlich dafür,
in welche richtung die offenbarung geht.

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BAUMKÖNIG…

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als würde ein baumkönig aus einer baumspalte heraus mit aufgerissenem mund rufen und warnen.
er beschwert sich über die erwärmung der erde, die die poren der bäume weit öffnet und sie damit anfälliger macht für abgase und künstliche düngung und kerosin. sie können tief eindringen und zerstören den baum in seiner entwicklung. sie nehmen ihm kraft von der wurzel her und irritieren ihn in grossem umfang.
scheinbar macht es diesen baumriesen nichts aus und in einer menschenzeit sind die schäden nicht zu ermessen. doch spätere menschengenerationen werden den schaden verkraften müssen, wenn überhaupt. denn, zuerst stirbt der mensch und dann der baum.

TASCHENTUCHBAUM…

oder auch taubenbaum

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bäume vermögen es zu überraschen. der taschentuchbaum mit seinen aparten blüten bringt es immer wieder fertig, mich in verzückung geraten zu lassen. vor gut einer woche war noch nichts zu ahnen von den blüten, den grossen, zarten, so weissen.
sie haben einen sehr eigenen duft. der mann sagt, sie stinken. finde ich nicht.
lange stehe ich unter dem baum und unterhalte mich mit einer inselbesucherin, nicht zuletzt deshalb, weil die sonne etwas verdunkelt ist und ich hoffe, dass die wolken sich wieder verziehen. sie ziehen weiter, und ich kann meine fotos machen.

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TATUBLÜTEN_

ich wusste nicht, dass diese herrenmenschen versucht haben, deutschland von ausländischen bäumen zu säubern.
wie wunderbar, dass ihnen das nicht gelungen ist. besonders im park wilhelmshöhe und auch hier auf der insel siebenbergen findet man ausgefallene und seltene baumexemplare. der mai gibt ihnen die schönsten laubkleider.

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