

bäume singen
im waldklang
erliege ich
ihren weisen
die ganz hohen töne
fallen zuerst
in mein herz
den tiefen folge ich
ehrfürchtig
an ihren füssen liegend
baumchorgesänge
nehmen den direkten weg
zu meiner seele
rosadora




bäume singen
im waldklang
erliege ich
ihren weisen
die ganz hohen töne
fallen zuerst
in mein herz
den tiefen folge ich
ehrfürchtig
an ihren füssen liegend
baumchorgesänge
nehmen den direkten weg
zu meiner seele
rosadora



meine wortvögel
verschwatzen sich
treten mir auf die füsse
ehe ich
entkommen kann
zwitschernd
nennen sie mich
bei meinem namen
den ich nicht kenne
rosadora

die traumwand
durchfliegen
in der hellen welt
das leuchten einfangen
der sich einstellenden
heiterkeit
eine plattform zuweisen
freien eintritt gewähren
singend
das leuchten begrüssen

die kalte sonne
hinter der scheibe
rauch dümpelt
greift nach dem himmel
häuser schlafen
am helllichten tag
kalte tage
blau unterstrichen
die welt steht still
mit ihr die zeit

ich rede
mit bäumen
sie geben mir antwort
wenn ich
lang genug zuhöre
die übersetzung
keine leichte sache
aber sie lohnt
ob der jahrhundertelangen
weisheit


der frühling kommt
mit ihm die farben
wir müssen nicht mehr darben
blau, rot, weiss und gelb
ist, was uns gefällt
kommt der frühling


meine sommerlust
getragen
durch weite räume
sie bewahrt
vor grösstem brand
sie abgekühlt
mit eis und schnee
sie schwingen lassen
bis in den frühling hinein
und weit über alle grenzen

fotografik: rosadora
zwischen
schnee und grün
zwischen
winter und frühjahr
zwischen
tief
und himmelhoch
scheint die sonne

licht
manchmal trifft man einen, der ist wie ein licht,
und man trifft ihn nicht zweimal im leben.
und man weiss: nur einmal dieses gesicht.
und man denkt: das darf es nicht geben,
dass man einen menschen verlor,
ehe man ihn gefunden,
und kein danach und kein davor…
dieses licht ist für immer entschwunden.
geheimer speicher erinnerung,
empfangs- und sendezentrale:
in einer anderen dämmerung
verwandelt er signale,
die auf uns gekommen von einem gesicht,
das wir nur einmal gesehen,
zurück in wärme und in licht.
und das hilft uns die nacht überstehen.
eva strittmatter
sie hat diesen ahmet dann zwei jahre
später noch mal getroffen, in mostar.
2010 ist sie gestorben. heute wäre sie 81 jahre alt geworden.
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH und ein hindenken an eine schriftstellerin,
die kein einfaches leben hatte, anschrieb gegen alles, was sie auch sonst noch tun musste – für mann und söhne und haus und hund und garten –
ein frauenleben, das so heute fast nicht mehr zu denken ist.

auch bäume lächeln…
das ist schön dass sie mich anlächeln dass sie mich sehen sagt eine frau
etwas jünger als ich wieso ordnet man frauen immer nach dem alter
also das ist schön die meisten menschen schauen einen nicht an
ich schaue schaue die menschen an ich bin fotografin
ich schaue den menschen ins gesicht da lese ich die geschichten
wenn welche drin stehn das ist schön sagt sie ich sage wie man in die welt schaut so schaut sie einem zurück das ist schön das verschönt den ganzen tag verlieren sie ihr lächeln nicht
manchmal kommt mir jemand entgegen und lächelt mir zu.
da weiß ich, daß ich voll freude bin.
auf meinem gesicht hat jemand ein leuchten gesehen
und hat selbst zu leuchten begonnen, auf mich hin.
Ernst Jandl