IM WORTHAUS WOHNEN…

im worthaus wohnen…

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mein worthaus birgt die allerschönsten möglichkeiten. es verändert sich in der grösse und substanz durch meine aus neugier geborene intensität.

oft lagere ich im keller. da sind die träume verborgen. ich schwinge mit ihnen in sphären, die sich vor dem tageslicht verstecken. sie säuseln und weben. das bedarf äusserster feinsinnigkeit. sie prassen auch und fegen durch die gänge, während andere schleichen und dumm tun. immer sind sie in bewegung. sie lauern in ecken auf mich.
es gibt träume, in die ich mich fallen lasse mit tiefer sehnsucht, es gibt andere, die springen mich an und ich kann sie still erdulden, oder versuchen abzuwerfen. auch verquere schleichen sich ein, die ich nicht zu der kategorie der träume hinzunehmen möchte.
ich liebe die ganz luftigen, leichten, die sich um mich legen wie schleier und in ein gefühl des wohlseins und der geborgenheit einhüllen. die lassen oft mit sich reden. ich kann ihnen zuraunen, bleibt noch ein bisschen. sie sind auch beeinflussbar und folgen mir auf meinen wortwegen. sie huschen leise und können wortverliebtheiten aufspüren und sogar einfangen. das ist nur ganz wenigen vergönnt. diese wenigen mag ich ganz besonders. sie bewirken tiefes bewegtsein, vor allem in den herzgegenden. das ist dann wie sommer und winter zusammen, wie vogelflug im leichten sonnenwind.

das kellerlager muss auch mal wieder aufgegeben werden. schliesslich hat mein worthaus mehrere stockwerke. das erdhafte muss mit dem luftigen verbunden werden. ohne dies würde es leicht muffeln.
wie das hinabsteigen ein bewusster akt ist, so auch das hinaufsteigen. hier geht es nicht um das sichverlieren, es geht auch nicht um das sichfinden. das sichfinden geht nur im verknüpfen des hinauf und hinab. wie dem herabsteigen ein bisschen wegdämmern nichts schadet, so muss das hinaufsteigen von klarem bewusstsein begleitet werden.
von etage zu etage wird aus dem sanften wind ein heftiger. er bläst dir um die ohren. es wird mir mehr und mehr klar, was geschieht. ich kann auch noch träumen in meinen wortetagen. dieser traum muss mit offenen augen geträumt werden. anfangs sind es noch einige träume, die ich miteinander verbinde. je höher ich steige, desto weniger gelingt mir das. dünner wird das wortgebälk meines worthauses, durchsichtig auch. mit sich mehrender transparenz erhalte ich zutreffende sicherheit. ein einziges wort ist der keim deines traumes. diese einsicht haut mich fast um und ich muss sie erst einmal verdauen.

ich lege es darauf an das wort zu entziffern. bei aller klarheit und durchsichtigkeit lässt es sich nicht ohne weiteres benennen. ich erkenne, dass ich auch die letzte stufe meines gebäudes noch erklimmen muss, so wackelig es da oben auch ist und wage es. ich kann es fassen, mein erträumtes wort. ich halte mich an ihm. es übertrifft alle meine erwartungen. mein wort und ich – wir fliegen. ich schliesse die augen, bereit mich tragen zu lassen.

ALLERLIEBSTE ELFENSCHLEIER…

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DSC_4454Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
so manches feines Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
mit kunstgeübten Hinterbein
ganz allerliebste Elfenschleier
als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
dem Winde sie zum leichten Spiel,
die ziehen sanft dahin und schweben
ans unbewusst bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
wo Liebe scheu im Anbeginn
und leis verknüpft ein zartes Bändchen
den Schäfer mit der Schäferin.

(Wilhelm Busch)

VON DER SONNE DURCHSTRAHLT…

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wie leben bäume mit dem wechselnden licht des tages –
mit der sonne, die sie durchstrahlt,
mit dem wind, der sie durchstreift,
mit dem regen, der ihr laub glänzend erfrischt
oder mit dem sternenhimmel?
mit den vögeln, die von ihnen zum himmel aufsteigen,
mit vielerlei getier zwischen wurzeln,
stamm und zweigen?
still, festgewurzelt in der erde
und doch ständig wachsend in bewegung,
mit allen elementen in verbindung,
kräfte empfangend aus erde und wasser,
von sonne und mond, winden und lüften,
der kälte wie der wärme ausgesetzt.

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kein anderes lebewesen spiegelt den kreislauf des jahres wie sie:
im steigen ihrer kräfte, im schwellen ihrer knospen,
in ihrem zarten frühlingsgrün und himmlischen blühen,
in ihrem überfluss und flammenden herbstlaub,
ehe sie ihr leben ganz in sich zurückziehen.
und in der grossen winterruhe, die sie überkommt,
bereiten sie den neuen frühling vor.

gerda gollwitzer

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dann
tragen die lüfte
planetendunst
durch den morgen.
von einem anderen gestirn
niederfallen silbertropfen.
man atmet
den wechsel
der jahreszeit,
von der feuchte zum wind,
vom wind zu den wurzeln.
träume speichernd,
wirkt unter der erd
abgründiges, dumpfes
zusammen
kauert die erdkraft sich,
der gürtel
der fruchtbarkeit
schliesst
seinen ring.

pablo neruda

IM HOHEN LIED DER BÄUME…

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ganz neu, diese gegend,
ganz neu, mein blick,
ganz neu das gefühl zwischen so viel leben, soviel sterben,
beschienen von einer zärtlichen herbstsonne.
die lieder der farben,
sie beginnen im wind zu säuseln, zu singen gar.
farbsinfonie – welch wunderbare töne.
ich beginne zu schweben,
falle ins steppengras,
brombeerzangen klammern.
sonne wirft lange schatten,
in die ich mich stelle,
um gegen das licht
schauen zu können.

die blicke gleiten,
rutschen auf baumschwingen,
machen halt an markantem,
finden sich ein im hohen lied der bäume.

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GELBE STROPHEN…

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gelbe strophen

im regen losgelaufen
und festgestellt,
wie alles intensiver duftet,
die verhaltenen farben
auch ihren reiz haben,
der entschluss belohnt wird.

und wenn sich später die sonne zeigt,
wenn ein herbsttag so zuende geht,
wird einem ganz froh ums herz
und man wagt zu denken,
dass es ein erfüllter tag war.
die sonne im bunten laub,
zieht in bann.
ich wende mich noch einmal um,
lasse den tag vorbeiziehen
wie einen film, den ich mir wünschen,
aber nicht selber aussuchen konnte.

das kleine glück
in gelben strophen

ROT WIE… WEISS WIE… KOHL AUF DEM FELDE…

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keine kohlfelder in diesem jahr in unserer gegend. ich hatte gehofft, wieder felder zu finden – zu fotozwecken selbstverständlich.
diese fotos sind zwei jahre alt.
wie blumig die gebärden –
beschützende, traurige, himmelhochjauchzend sie sind.
mich anrühren lassen von der gebärdenfreudigkeit der kohlköpfe.
gummistiefel sind schon angebracht, wenn man sich ihnen nähern will.
und neugier, damit aus der assoziation kohl ein ungewöhnliches bild wird.

vielleicht finde ich noch ein feld.
ich werde durchs land fahren und die augen auf tun.

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MEIN HAAR WIRD GRAU…

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mein haar wird grau
angesichts
dass die blätter fallen und
angesichts
dass mein haar wird grau
sehe ich
dass wir sterben müssen
mitten im leben
begegnet es uns
lassen müssen wir
ganz leicht werden
noch in dieser zeit
damit einst
unsere seele steigen kann
sich hindurchschlängeln kann
auf den sternenbahnen
auf unserer reise
zur grossen mutter
der zeit
zur zeitlosen moira
die schicksal gibt
und schicksal nimmt
ganz wie ich will

rosadora

WAS IST DAS LEBEN…

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was ist das leben…

das leben ist eine mohrrübe – weiter nichts, antwortete anton tschechov auf die frage von olga, was das leben sei.

wenn ein schriftsteller und arzt diese frage nicht beantworten kann, wieso sollte ich mir dann den kopf zerbrechen und formulierungen finden, die alle nicht stimmen. wenn ichs trotzdem versuche, kommt so etwas heraus wie: das leben ist das, was du daraus machst – oder, das leben ist alles und nichts – das leben ist verheissungsvoll und nichtig, jenachdem. das leben, um im bilde von tschechov zu bleiben, ist eine gurke.

manchmal ist es wie eine grosse pfütze – du spiegelst dich darin, du springst darüber oder fällst hinein. du musst auf sie aufpassen, auf die pfütze, damit sie nicht austrocknet und verschwindet. mit der welt und dem leben wird es sich ebenso verhalten – eines tages sind sie einfach verschwunden…

ist der traum wirklichkeit
oder die wirklichkeit traum
was
wenn nichts wäre
was
wenn das nichts alles ist
meine traumwirklichkeit
füllt das nichts
im wirklichkeitstraum
fällt es heraus
nichts ist alles
alles ist nichts
relativ
die betrachtensweise
aus dem nichts kommen wir
in das nichts gehen wir
und wo sind wir jetzt

rosadora