BLAUES GEGEN WEISS . . .

sätze III
frühling

frühling lässt sein blaues entspringt dem weiss wie alle farben haben sich vereint im regenbogen lassen wirs gut sein deshalb können wir doch nicht auch noch der ganze sommer ist voller warmer tage sind die nächte länger als das meer hält diese sanfte wucht von uns ist nichts ausgegangen sind wir haben die orientierung ganz verloren gegangen ist uns das was wir finden wollen wir nicht verlieren wir das spiel hat begonnen in der sonne hat der staub sich erheben ist ein gewinn den wir haben uns die ferien nicht ausser acht lassen wir doch die tage vergehen wie im flug sahen wir über den häusern legt sich nebel war nicht in unserer vorstellung sind wir längst zuhause wäre es auch ganz schöne fassaden können wir sehen die zukunft voraus eilt das kleine schiff hat uns übergesetzt sind wir ans andere ufer nehmen wir uns mit der zeit lässt sich nichts bewegt unsere gemüter waren schon sehr flexibel muss man sein wenn der regen am himmel wird ein blauer streifen sichtbar sind schon die späteren wetter haben auch noch etwas wechselvolles geschehen bereichert die ferien gehen zu ende

GESCHICHTEN AUS DEM KOMPOSTLOCH III

FAST KOMPOSTIERT

aber nur fast
wiederspenstig stiel blatt und busch
starren sinnes die brennesseln
obwohl neue sich anschicken
das terrain zu erobern
schon oder erst jetzt

brennessel starr- und leichtsinn
beherrscherin des ortes
paradiesisch hartnäckig
sich haltend an eigenes gesetz
neugierig in neuer gier
mir blickhalt und grosse lust

nachtschattengewächs
brennessel distel und springkraut
sehne neues herbei
nicht vergessen vergangenes
verbinden mit kommendem
das neue jahr mit dem alten

wiedersehen birgt erkennen
neusehen macht neugier riesengross
hinter dem hügel weisse federn
fuchs ich sehe dich
entenpaar vertrauensvoll
in schlammpfütze

HALL OF FAME…

GRAFFITI
IN DER HALL OF FAME
KASSEL GIESENALLEE

farbenpracht im palast
pure augenweide
begeisterung lockt mich
links und rechts der fulda
beleuchterin sonne
wenig publikum
einige scater klein
üben noch
bunte botschaften
kraftvolle linien
gekonnt gesetzt
die bilder wechseln
wieder im mai

die graffiti art hat sich gemausert
zur URBAN ART
eine ausstellung in völklingen stellt bilder der ersten graffiti-künstler aus
sie malen nicht mehr an wände sondern auf leinwände
sind anerkannte künstler und verdienen richtig viel kohle
RESO ist der star

ob aus der hall of fame mal ein grosser künstler hervorgeht…
nicht unwahrscheinlich
die ansätze sind gut
aber hier malen zu dürfen ist ja auch schon was

GESCHICHTEN AUS DEM KOMPOSTLOCH II…

FREMDE WESEN IM KOMPOSTLOCH

wesenstreu
dieses kompostloch
immer wieder gestalten
neue und ganz neue
am rande und auch mittendrin
schlamm überall schlamm

erst fällt ein
menschliches wesen hinein
na fast jedenfalls
und dann ein kleiner stier
im schlamm liegend
besonders süchtig

die weisse podenco-hündin
schnüffelt spürt und spurt
einen weg um den schlamm herum
ist auf der anderen seite nun
noch ehe das menschliche wesen
seine beine gerettet hat

den vom rande
am baume anlehnenden
nehme ich mit
immer wieder die nähe
zu meinem paradiesort
bezeugend

SOLIDE BEZIEHUNG…

ich habe eine solide beziehung zum universum aufgebaut
da bin ich mir sicher
ich bewege mich frei zwischen sonne und mond
ich gehe noch weiter
ich stürze mich in schwarze löcher und tauche heil wieder auf
ich reite auf kometen zähle galaxien
ich bin auf du und du mit lichtjahren und all das
seit ich in sekundenschnelle zum rand des universums gereist bin
und die seltsame bewegung die ich dort angelangt erlebte
ahnungsvoll für den beginn eines chaos hielt

etel adnan
libanesische malerin und schriftstellerin
dOCUMENTA 13
aus: im herzen des herzens
eines anderen landes

GESCHICHTEN AUS DEM KOMPOSTLOCH I…


ausdrucksvolle ergebenheit


doch ja – ich kenne dich


begrüssung mit küsschen


vertrauensvoll aus der hand

ABBRUCHARBEITEN (ZUSAMMENBRUCH UND WIEDERAUFBAU) MARLON MIDDEKE

marlon schreibt mir
er baut die hütte ab
ich also hin
wiedersehensfreude – grosse
human die weisse podenco-hündin
erstmal scheu

marlon schraubt
und schraubt und schraubt
dann klopfen und treten
biegen und brechen
ich halte die wände
sammle die schrauben

human schaut skeptisch
ist ängstlich weicht zurück
erkundet den neuen alten ort
beschnuppert dieses und jenes
ist sehr nervös und gribbelig
läuft mit rosa übern acker

nach fast zwei stunden
sie hat gesch… und gefressen
hat geschaut ist gelaufen
legt sie sich auf einen hügel
so als hätte sie
ihn endlich wiedererkannt

die hütte ist kurz und klein
erst war sie auch nicht gross
die teile am boden
wehmut aus erinnertem
gern hätte ich mit marlon
hier eine ausstellung initiiert

die mhk erlaubt es nicht
spielverderber
wir suchen einen anderen ort
neu
immer alles neu
unverzagt

VERINNERLICHTES ZEUGNIS…

STOLPERSTEINE GUNTER DEMNIG

…Was bleibt, ist verinnerlichtes Zeugnis der Handlungsfähigkeit eines Einzelgängers.

http://www.gunterdemnig.de/

als wir uns das erstemal im atelier harry kramer begegneten hielt ich ihn für einen ziemlich verrückten hund
mit seinem ara auf der schulter war er in der kunstakademie ein auffallend ungewohnter anblick
ich war altstudentin und betrachtete mir harrys pinkelbilder und fragte mich zu der zeit was kunst alles kann und darf – pinkelbilder…
nun sass er an pünktchenbildern und pinselte akribisch ein pünktchen nach dem anderen auf seine leinwand
gunter demnig war sein assistent

gunter hatte zu der zeit schon seine erste duftmarke von kassel nach paris gelegt
die blutspur nach london war in vorbereitung
ich war kunstbanausin und mir erschloss sich der sinn seinerzeit noch nicht

bei dem gestrigen vortrag in der kunstakademie in kassel erzählte gunter demnig von seinem werdegang in allen einzelheiten und wie er zu den stolpersteinen gekommen ist
mich freut es und ihn ehrt es dass aus dem verrückten knabe ein so ernsthafter künstler geworden ist mit einem so grossen anliegen
die wege müssen gegangen werden sie sind nicht vorgezeichnet
die stolpersteine legen nun schon einen weiten weg zurück
die spur geht durch alle länder die mit dem schrecklichen verbrechen der nazis in verbindung zu bringen sind
ende mai wird der viertausendste stolperstein verlegt werden
die steine stellen mir eine kraftvolle verbindung zu den siebentausend steinen (und bäumen) von
joseph beuys her
sie waren auch steine des anstosses und sind es bis heute geblieben

oft höre ich gegenstimmen und es schmerzt mich am meisten wenn sie aus meinem bekanntenkreis laut werden

da ist eine geschichte von gunter demnig eine so kostbare dass sie alles überwiegt und voll überzeugt
ein knabe sagte zu ihm „man stolpert ja nicht mit den füssen
es ist der kopf der stolpert und das herz“
es sind kinder und jugendliche die sich besonders für die grausame geschichte interessieren
je jünger sie sind desto unverstellter ist ihnen ihr blick ihr herz und ihr verstand

gunter erzählte so lebendig und faszinierend
ich habe ihm gerne zugehört und die anderen zuhörerinnen und zuhörer – der hörsaal war gerappelt voll – ebenso
es waren die vielen geschichten die er während seiner arbeit erlebt hat und die ihn und uns bewegten die das vorgetragene so spannend machte
insgesamt ist die stolpersteingeschichte eine spannende und wird noch viele denkanstösse geben
insgesamt ist das leben des gunter demnig eine so spannende kunst- und lebensgeschichte
betrachte ich den umfang und den inhalt des werkes würde es für mehrere leben ausreichen
demnig macht nicht kunst – er ist kunst

H A N D E L N D E R F A H R E N . . .

1980
DUFTMARKEN DEMNIG 80
KUNSTAKADEMIE KASSEL – CENTRE BEAUBOURG PARIS

…. Nach dem Eifelturm wird jedes Denkmal zum Knicker. Die Monumente künstlerischen Selbstverständnisses sind aus der Vertikalen in die Horizontale gekippt. Das ist kein Akt der Bescheidenheit. Misstrauisch gegenüber Setzungen aller Art, bemühen sich diese Künstler nicht um Wahrheit, die statisch verstanden wird, sondern um Redlichkeit, die als Prozess handelnd erfahren wird. Diese Kunst kümmert sich zunächst um die Rezeption des eigenen Tuns. Sie stellt Fragen, ohne polierte Antworten mitzuliefern, zieht ein Netz über die Landkarten, um im Selbstversuch zu testen, ob es tragfähig ist. (Harry Kramer 1980)

1981
BLUTSPUR DEMNIG 81
KUNSTAKADEMIE KASSEL – TATE GALLERY LONDON

…Demnig erledigt diesen Konflikt für sich, indem er Fillious Forderung: ‚From madness to no-madness’ annimmt und sich zu Fuss auf den Weg macht. Der Verzicht auf das noch rational begründbare Objekt zugunsten eines Zustandes bedarf keines Ziels. Die angelaufenen Museen, die Schnitt-und Endpunkte sind negative Zitate. Er streift den Ort, macht ihn für einen begrenzten Zeitraum zum Schauplatz und geht weiter. Die hinterlassenen Spuren sind Marginalien; sie bleiben oder verschwinden – wichtig ist das nicht…(Harry Kramer 1982)
 
KREIDEKREIS DEMNIG 83
…In dieser, durch die Atom-Nachrüstungsdebatte geprägten Zeit entstand auch sein KREIDEKREIS, den er in einem Radius von 4o Kilometern um Wuppertal legte. Mit der Kreidespur macht er das Gebiet sichtbar ,  das von einer einzigen Atombombe hätte zerstört werden können. 

STOLPERSTEINE 1994 DEMNIG
DEUTSCHLAND EUROPA UND DARÜBER HINAUS

ein projekt, das die erinnerung an die vertreibung und vernichtung der juden, der zigeuner, der politisch verfolgten, der homosexuellen, der zeugen jehovas und der euthanasieopfer im nationalsozialismus lebendig hält.

ERINNERN AN ERMORDETE JÜDISCHE MITBÜRGER/INNEN…

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Gunter Demnig.
der künstler erinnert an die opfer der ns-zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten wohnort gedenktafeln aus messing ins trottoir einlässt.
bis ende mai werden 4000 STOLPERSTEINE in über 500 orten deutschlands und in mehreren ländern europas gelegt sein
mit den steinen vor den häusern soll die erinnerung an die menschen lebendig bleiben, die einst dort wohnten
und in konzentrationslagern ermordet wurden.
auf den steinen steht geschrieben: z. b.
HIER WOHNTE…
ROSA ROSENGARTEN GEB.1875 ERMORDET 1943 AUSCHWITZ

Ein Stein.
Ein Name.
Ein Mensch.

Für 120 Euro kann jeder eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines STOLPERSTEINS übernehmen.

MÜLLERGASSE 2

WEISSER RIESE…

aus der entfernung dachte ich
dass es etwas aus eis gefrorenes sei
doch beim näheren betrachten
stellte ich fest
dass es der reinste marmor war
glattgeschliffen
und in eine form gezwungen
schmeichelhafte oberfläche
sich mir einschmeichelnde form
mir zum erstaunen

Venske & Spänle
»Gumpfot Weißer Riese«
2009, Marmor, poliert, 288 x 80 x 90 cm

aus „neue kunst in alten gärten“:
Was soll das? Und was hat das mit Überleben zu tun? Alles! Es gilt, um heute überlebensfähig zu sein, vielleicht mehr als je zuvor, das Ähnliche im Unähnlichen zu erkennen, um so wie in einer gelungenen Metapher unterschiedliche Wirklichkeiten miteinander zu verbinden. Nur, wenn wir das Ungesehene uns vorstellen und das Unorthodoxe denken können, wird uns dies dazu befähigen, ausgetretene Pfade zu verlassen und neue zu gehen. Und nur das sichert unser Über-leben. Denn, wie schon Alexander Kluge in einem sprichwörtlich gewordenen Werktitel deutlich gemacht hat: „In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod.”