
die herausforderung besteht nicht darin zurechtzukommen, sondern nicht zurechtzukommen, d. h. jeden weg allein zu gehen, jeden massstab selbst zu gewinnen, jeden wert selbst zu erschaffen.
aus
deutschlandreise
roger willemsen

die herausforderung besteht nicht darin zurechtzukommen, sondern nicht zurechtzukommen, d. h. jeden weg allein zu gehen, jeden massstab selbst zu gewinnen, jeden wert selbst zu erschaffen.
aus
deutschlandreise
roger willemsen
THE WORKHOUSE: ROOM 2
ines schaber with avery f. gordon
handwrkskammer
436 nr. 158


der beitrag setzt sich mit der geschichte des ehemaligen benedektinerklosters, arbeitshauses und umerziehungslagers breitenau auseinander. die arbeit, die im modernistischen gebäude der kasseler handwerkskammer gezeigt wird, schafft einen raum, in dem die ideen, die zum anlass für umerziehungsmassnahmen wurden, eine vorübergehende, dafür aber gastfreundlichere behausung finden können.


sich zwischen verschiedenen historischen episoden bewegend ruft die arbeit die kritischen und imaginären erfahrungen und erkenntnisse thomas müntzers, ludwig pappenheims, ernst r.s, ulrike meinhofs und anderer ´schlechter´ arbeiter, ausreisser, häretiker, aufsässiger frauen und unangepasster in erinnerung, die sich weigerten gehorsam zu sein.
angeleitet von der stimme des tagträumers werden die vergangenheit und die gegenwart, sowie das noch-nicht des arbeitshauses, erneut imaginiert.
aus dem begleitbuch




licht hellt auf das dunkel
licht fällt in den tag
helle dunkle vergangenheit
dunkler heller tag
vergangenheit und gegenwart
sind nicht zu trennen
türmen sich auf
in meiner erinnerung
rosadora
FATIGUES
tacita dean
ehemaliges finanzamt
420 nr. 48




die treppe führt hinauf in die berge und geradezu von da in den himmel.
das alte finanzamt beginnt zu fliegen. fliegen musste sicher auch tacita dean, als sie nachdem sie erfuhr, dass das filmmaterial beschädigt sei, diese zeichnungen auf schieferwänden anfertigte. ein afghanischer kameramann nahm verschiedene schauplätze in kabul auf, die nun nicht zur verfügung standen. die ideen zu ´sturzflug´ und ´von der schneeschmelze anschwellender kabul-fluss´ konnte tacita dean noch entnehmen.




die zeichnungen und das geländer ergänzen sich in einer weise, dass ich sie unmöglich auseinanderdenken kann. die steigerung treppe, berge, himmel ist gelungen.
c/o jolyon, 2012
der zweite teil der arbeit tacita deans besteht aus vorgefundenen antiquarischen vorkriegsansichtskarten des alten kassels, die sie mit ansichten derselben orte von heute übermalt hat und an jolyon leslie in kabul geschickt hat. sie bilden die brücke zu dem verlorengegangenen, bringen es in erinnerung durch gemälde ganz verschiedener art – hier die grossen kreidebilder, dort die übermalungen alter bilder und ersetzen durch neue ansichten.
tacita deans werk ist stark frequentiert. der kontrast alt und neu, zerstört und wiederhergestellt macht den reiz aus. sie sollten bleiben, diese bilder, egal, wie diese räumlichkeiten in zukunft genutzt werden.
WHT IS WHT? WHY THE WHY?
paul chan
friedrichstrasse 28
428 NR. 40



alles in reih und glied ordentlich aufgereiht. ich schaue gern hin. eine dekorative installation. die buchtitel interessieren mich und die bucheinbände, ziemlich schlicht gehalten, viele in leinen und aufwendigeren materialien. denke auch, dass es schade ist um die buchinhalte, die vernichtet, aber nicht gelesen wurden, z. b. ´the index of american design´, oder ´encyclopedia of world art´ – pakistan – rembrandt.
doch kunst kann alles, darf alles, soll alles. ob es das, was es soll, auch vermittelt, ist nicht immer klar. ich sehe die überklebungen, kaum bilder, vielleicht bildchen zu nennen, sehe darin die ausmerzung der vergangenheit und das ungültigmachen von angeblich bedeutungsvollem, lese heraus die entstehung von etwas neuem, eines werkes, das einer spontanen und dann wachsenden idee entsprang, kann gut nachvollziehen, was den reiz ausmacht und warum es das publikum blendet und begeistert.
ich fotografiere die installation wie architektur etwas distanziert und auch seziererisch nah und auf die pelle gerückt. der eigenen fantasie sind keine grenzen gesetzt.




´why the why´?

erst liegt es

dann kriecht es

dann steigt es

dann fliegt es
40 kleine drachen auf einer schnur aufgezogen von einem grossen drachen gezogen steigen in den wolkenhimmel der karlsaue.
japanische drachenbaukunst neben dem chinesisch ´doing nothing garden´ von song dong.
mit den drachen liegt ein zauber über der landschaft, leicht und schwerelos flattert er in der luft. es stimmt mich heiter, eine weile fliege ich mit, flattere in erinnerungen.
HUGENOTTENHAUS
theaster gates
friedrichstrasse
430 nr. 70

das was es einmal war
1826 bürgerliches wohnhaus
hotel
seit 1970 leer

das was es werden soll
labor für
objekte
performances
diskussionsveranstaltungen
festessen
installationen
gespräche
u.u.u.
DAS WAS ES ZUR ZEIT IST…


es riecht nach lehm, nach feuchtem holz, fast rieche ich den tapetenkleister noch. viele wände habe ich in meinem leben tapeziert und gestrichen, teppiche herausgerissen und neue verlegt. ein leiser wind weht durch die räume.

menschen drängen sich hindurch, fragen, wie finden sie das denn…
der blick in die gesichter, die wortfetzen, ach würden sie ein bild von mir machen auf diesem stuhl, ein ´tschuldigung´ nach einem anrempler, ein unverbindliches lächeln, mama, das klo fehlt hier, flüchtige gespräche, und der helle wahnsinn…



meine aufmerksamkeit gilt zuerst den vielen wiederverwendeten dingen, eine wohnzimmerlampe im bad, eine türe als tisch, eine haustürklinke als schranktüröffner,
gestapelte holzwürfel als kunst, überhaupt viel kunst aus holzresten in rahmen gezwängt – meine lieblinge.



ein nachgebildeter schuhputzthron, der den anschein erweckt, eine betbank zu sein, ein schwarzes kreuz im selben raum wie das goldene herz. das herz überwältigt alles andere. verputz an wänden, reste von kleber, treppen mit teppichresten beklebt, von einer wand zur anderen schräg versetzt.
die räume sind klein, schmal und lang, sicher wurden sie als hotelzimmer so umgebaut, ohne namhaften komfort. zur zeit werden sie bewohnt von den arbeitern und künstlern dieses unterfangens.


ein spiegel der seelen, wie sie nach 1943 geschädigt waren und ein beispiel dafür, wie nach fast 70 jahren des versuchs zu vergessen, die erinnerungen aufbrechen.

wenn menschen, wie theaster gates, in vielen praktiken und berufen zuhause wären, ich zähle 15, könnte sich die welt in etwas verwandeln, das sie weniger zerstören würde.
ich will nicht weiter ausholen, sondern durch das haus begleiten und dinge zeigen, wie ich sie gesehen habe.
PIERRE HUYGHE
karlsaue
262 nr. 83

jetzt steht es fest – die kompostlandschaft von pierre huyghe ist mein lieblingswerk der d13. ich entnehme es diesem, meinem begehren, mich immer wieder dort einzufinden, mir zu begegnen in der stattfindenden verwandlung. es lockt mich, zieht mich an diesen geheimnisvollen und spannenden ort.



nun blüht es, endlich, das springkraut in seinen schönsten weiss- und rosatönen. mit seinem betörenden duft, orchideenähnlich, umschmeichelt es mich. himmelhoch ist es gewachsen und hat hier einen besonderen standort, mit gutem boden und vor stürmen geschützt. den bienen und hummeln ist es ein unwiderstehliches nektarangebot. die hiesigen pflanzen werden dadurch vernachlässigt.
das indische oder drüsige springkraut gilt als nicht giftig.


die datura drängt sich leicht dazwischen und tritt in duftkonkurrenz mit dem springkraut. immerhin gebe ich ihm eine möglichkeit, mich zu becircen und an meine vergangenheit und vergänglichkeit zu erinnern, hatte ich doch mal solch einen baum mit 60 – 80 blüten.
die meisten teile der pflanze enthalten toxische halluzinogene.

hanf cannabis – kann u. a. halluzinogen wirken und fällt in deutschland unter das betäubungsmittelgesetz.

die verschiedenheit der pflanzen nimmt mit dem sommer zu.
fingerhut und holunder sind verblüht.
eine mir unbekannte rote bohnenart, der feuerbohne nicht unähnlich, schaut aus, als könne sie ein geheimnis bergen. einen herben, bitteren geschmack von unreifen bohnen kenne ich aus meiner kindheit. in rohem zustand sind sie stark giftig.

die winden haben ein zartrosa krönchen aufgesetzt aus dem kelch, welcher die blüte gehalten hat.
die brennesseln sind über den höchsten stand ihres wachstums hinaus und werden etwas müde. frischer brennesselsaft wirkt (indianer) gegen schwächezustände. die roma empfehlen brennesseltee gegen zu niedrigen blutdruck. auf dem speiseplan gibt es vielerlei verwendung, brennesselkuchen und -pfannkuchen u. u. u.
„Die Brennessel ist die verachtetste unter den Pflanzen. Für den Kenner hat sie in der Tat den größten Wert“.
Sebastian Kneipp.
es gibt nichts, für das die brennessel nicht zu verwenden wäre.

kugeldisteln und kratzdisteln in weiss bis zartem violett bis lila mischen sich unter die farbvielfalt.
johanniskraut, kamille, kleines springkraut, borretsch, dill und kamille, physalia.

kletten, gras und schilf, zweizeilige gerste, blutweiderich, kannenpflanze (wohl extra gepflanzt), weidenröschen.
die herkulesstauden wurden entfernt, vielleicht wegen ihrer giftigkeit und ihrer weise, sich stark zu verbreiten und man kriegt sie nicht wieder los.
kornblumen, mohn, nachtkerzen, königskerze. alle haben sie einen hauch von süsse, ein fitzelchen giftanteile. aber richtig eingesetzt auch heilende wirkung.


blühen und verblühen, das ist nur der eine teil, der mich so begeistert.
zwischen den hier abgelegten kulturbrocken, die wahrgenommen werden sollen als kontrast zu der sie umgebenden natur, versuche ich in meinen bildern verbindungen herzustellen, welche die verknüpfungen deutlich machen – alles ist mit allem verbunden.
„Der Tanz war sehr frenetisch, lebendig, rasselnd, scheppernd, walzend, gewunden in Schlangenlinien und dauerte eine lange Zeit.“


ein bisschen müde geworden von dem aufregenden tanz durch die ausstellungen, nehme ich die schnellen drehungen heraus und auch den wirbel im kopf. ich bin nicht mehr in der zeit, lasse mich herausfallen, die KLEINEN DINGE schmeicheln sich bei mir ein. mein blick focusiert sie. in shinro othakes werk lese ich wie in einem bilderbuch. die freude kommt aus geheimen ecken, blinselt mir zu, entlockt mir ein lächeln, ich kann mich nicht entziehen. die kräftigen töne wechseln sich ab mit sanften, leisen und geheimnisvollen.
ein transparentes blassblaues tuch tänzelt zum himmel, spielt sein leichtes spiel mit dem wind. die weissen umrisse eines hauses ohne fenster und türen auf klatschmohnrot schreit zum himmel und zu mir. fangnetze kuscheln verknotet, werfen schatten, lassen sich fallen, umgarnen eine leuchte, werden zum schleier.






von der anstrengung kontakt aufzunehmen mit den KLEINEN DINGEN ruhe ich aus auf einem baumstamm, atme wunderbar duftende sommerluft.
JULIO GONZÁLES
homme gothique 1937
téte plate 1930
danseuse à la marguerite 1937
fridericianum
72 nr. 74

ein leerer raum – wie es scheint. GANDERS ´leichte brise´ umweht mich. sie beflügelt mich, doch eindrücklicher ist mir diese leere, vor der ich stehe, die mich aufnimmt, die mich verschluckt.




die trauerarbeit, mit JULIO GONZÁLES werk wieder erinnert, welche die documenta in der kunst- und kulturgeschichte nach den weltweiten zerstörungen durch den zweiten weltkrieg, insbesondere kassels, und während des wiederaufbaus, leistet, nehme ich mit seinen skupturen, die schon auf der II. documenta 1959 gezeigt wurden, in diesem moment wahr.
ein leerer raum, der nicht leer ist, der geschichtlich wie politisch bedeutsam ist, in dem sich vergangenheit, gegenwart und zukunft ausbreiten.
dass er mit GERTRUDE STEIN befreundet war, macht mir JULIO GONZÁLES besonders sympathisch, schätze ich doch GERTRUDE STEINS selbstbewusstsein (ich bin ein genie) und ihre werke in ihrer sehr eigenwilligen art.
GONZÁLES werke werden in ihrer zerbrechlichkeit erwähnt, als ´zeichnen im raum´ beschrieben, als skelettartiger kubismus.
ich liebe diesen ´leeren raum´, in den GONZÁLES skulpturen einen platz gefunden haben. eine unaufdringliche art des erinnerns. sie wirken wie erscheinungen in dem licht- und schattenspiel der fenster.
DAS FOTO (fotografin unbekannt)
rechts daneben
II. documenta 1959
aus dem nachlass von arnold bode


ich erkenne mich in der frau. die mode: von einem petticoat leicht wippender rock, viel zu grosse tasche (heute müsste sie diese an der garderobe abgeben), barfüssig. damals war ich 20 jahre. sie scheint an den skulpturen vorbei zu huschen. ich denke, dass ich es ebenso tat. an die skulpturen kann ich mich nicht erinnern.
das licht- schattenspiel auch hier einfliessen zu lassen macht mir grosse freude.
THOMAS BAYRLE
sieben automotoren
documentahalle
182 nr. 25



in gebete verwandelter lärm. er kommt von den sieben mortoren von thomas bayerle.
das murmeln der gebetsworte ist schwer zu verstehen und wenn man sich bemüht sie zu verstehen, um den inhalt zu erfassen, ist es verwirrend und die frage, was solls, greift ein. gebete haben oft etwas mechanisches, besonders die rosenkranzgebete, mit denen ich mich nicht auskenne.


die einen neigen dazu ehrfürchtig in die knie zu gehen, dazu scheinen gebete nun mal zu zwingen, der andere kommt täglich hier vorbei, dieser raum wurde ihm zum gebetsraum,
wieder ein anderer hat die hände in den hosentaschen, und – ist´s ehrfurchtslos, oder was.



martin heidegger stellt einen interessanten bezug zwischen dem wesen der technik und dem wesen der kunst her.
wolfgang püschel hat mich darauf aufmerksam gemacht und ich danke dafür.
aus:
Die Technik und die Kehre
Martin Heidegger / 1950
Weil das Wesen der Technik nichts Technisches ist, darum muß
die wesentliche Besinnung auf die Technik und die entscheidende
Auseinandersetzung mit ihr in einem Bereich geschehen,
der einerseits mit dem Wesen der Technik verwandt
und andererseits von ihm doch grundverschieden ist.
Ein solcher Bereich ist die Kunst.
Freilich nur dann, wenn die künstlerische Besinnung
ihrerseits sich der Konstellation der Wahrheit nicht verschließt,
nach der wir fragen.
Also fragend bezeugen wir den Notstand,
daß wir das Wesende der Technik vor lauter Technik noch nicht erfahren,
daß wir das Wesende der Kunst vor lauter Ästhetik nicht mehr bewahren.
Je fragender wir jedoch das Wesen der Technik bedenken,
um so geheimnisvoller wird das Wesen der Kunst.
Je mehr wir uns der Gefahr nähern,
um so heller beginnen die Wege ins Rettende zu leuchten,
um so fragender werden wir.
Denn das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens.



wir fragen weiter
bis wir das wesende der technik hinter der technik erfahren können
wir fragen weiter
bis wir das wesende der kunst nicht mehr in der ästhetik suchen
mögen die wege ins rettende zu leuchten beginnen