DIE BESONDEREN TEESTUNDEN BEI FERDINAND …

28. november 2007 I

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ferdinand, dieser ganz besondere mensch ferdinand.
wir trinken tee. das gespräch geht über das leben und das sterben, über das glauben und das nichtglauben, den weihnachtsbaum, den er jedes jahr ganz besonders schmückt und für den die menschen bewundernd danken.

ferdinand beschreibt, dass er sich jetzt schon auf das besondere grün der tanne freut, wo doch draussen alles so dunkel und triste ist. er sagt, dass der baum ja eine blume im winter ist, der mit seinem grün nach oben leuchtet, das licht bringt – das weihnachtslicht. er schildert, wie er ihn mit farben schmückt, die ein besonderes licht ausstrahlen und wie er sich dann lange vor den baum setzt und mit den augen diesen farben nachgeht, an den zweigen rauf und runter und in sich hineinnimmt. immer wieder erwähnt er das licht. der baum in der kirche sei ihm viel zu sehr geschückt, man sähe das eigentliche nicht mehr.

ich empfinde seine begeisterung und wie sich das weihnachtsthema für ihn verdichtet in diesem in allen farben leuchtenden baum. es verdichtet sich auch das empfinden von geborgen- und aufgehobensein, dass ihn jemand behütet, an diesem tag für ihn. Ganz besonders an diesem tag. ostern, sagt er, hat ja immer ein anderes datum. aber weihnachten – darauf kann ich mich verlassen.
seine augen leuchten als er davon spricht, wie immer, wenn er die gelegenheit dazu bekommt und niemand dazwischenfährt mit fragen und wenn und aber. ferdinand ist im ansatz authistisch. ich entdecke in ihm gedanken und gefühle, die so niemand hegt und äussert.

als er vom tod eines bekannten erzählt, der mit 96 kürzlich starb, kümmern ihn die abschiedsschmerzen einer der 4 töchter des verstorbenen, und dass sie immer weinen müsse, in anbetracht, dass jetzt alles aufgelöst und verkauft werden muss. ferdinand gibt zu bedenken, dass sich damit ja der geist des erich kr. auflöse, sein andenken ausgelöscht wird.
er spricht nicht vom geld und nicht vom erben, wie es die anderen tun. auch seine schwester, der ich das gespräch erzähle. ‚ja ich glaube, die töchter sind mit dem erbe gut versorgt, obwohl sie alle ihr eigenes haben’. (die töchter sind in meinem alter und ich gehe auf die siebzig zu). ich hatte ihr gerade berichtet, dass mich an ferdinand seine seelentiefe, sein mitempfinden so angerührt hätten.

vieles kommt nicht an, wenn wir etwas erzählen. ferdinand erinnert dinge, die ich erzählte, die weit zurückliegen, obwohl es nicht den anschein hatte, dass er alles verstanden und gehört hat. ‚mit den augen hören und mit den ohren sehen’ ist schon eine kunst. ferdinand hat da sicher noch ganz andere ressourcen der aufnahme.

als ich mich für das gespräch bedanke und sage, dass ich so glücklich bin, dass er mich an seinen tiefen empfindungen hat teilnehmen lassen, sagt er ‚das freut mich’ und er kichert dabei mit dem ganzen körper. er senkt den kopf und zieht sich in sich selbst hinein. die freude ist auf beiden seiten.

es sind noch andere dinge zu erledigen. ich habe ihm ein telefon ab 50 mit grossen tasten und zweitapparat mitgebracht, weihnachtskarten habe ich gedruckt mit einem motiv von einem ferdinand-gemälde, das klavier soll verkauft werden und wir gehen ins atelier, um marke und typ herauszufinden.

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im atelier hat er bilder gehängt – ein teil mit sommerblumen. so nimmt er in den winter das helle, leuchtende. ich komme mir vor, wie in einem blumenladen. im winter ein bisschen sommer. er gleicht das für sich immer gut aus, damit er das, was ihn umgibt, aushalten kann. er geht unter menschen und in die welt hinein. doch er muss dann immer wieder zurück in sein selbsterschaffenes refugium, sein kleines paradies. alles fremde, laute, und gewalttätige schreckt ihn ab. er braucht das schöne um sich herum, sein zuhause, die kunst. da fühlt er sich wohl.

ich fotografiere noch bilder für den nachlass. und ich kann es nicht lassen, meine kamera auf die eine oder andere ecke des hauses zu richten, das so besonders und eigenwillig eingerichtet und geschmückt ist.

ferdinand will noch ein bild malen – es ist 18 uhr und draussen stockdunkel.
auch die energien, die ihn umgeben, scheinen anders als bei anderen menschen. mal wieder sehr nachdenklich und reich beschenkt fahre ich nachhause.

One thought on “DIE BESONDEREN TEESTUNDEN BEI FERDINAND …

  1. ja so war er: besonders und wunderbar zugleich. er hat sich etwas kindliches bewahrt und lebte vollkommen in seiner eigenen welt.
    es waren auch für mich immer außergewöhnliche und bereichernde stunden in seinem haus.
    alex

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