LICHT … für eva strittmatter

EVA STRITTMATTER

licht

manchmal trifft man einen, der ist wie ein licht,
und man trifft ihn nicht zweimal im leben.
und man weiss: nur einmal dieses gesicht.
und man denkt: das darf es nicht geben,
dass man einen menschen verlor,
ehe man ihn gefunden,
und kein danach und kein davor…
dieses licht ist für immer entschwunden.
geheimer speicher erinnerung,
empfangs- und sendezentrale:
in einer anderen dämmerung
verwandelt er signale,
die auf uns gekommen von einem gesicht,
das wir nur einmal gesehen,
zurück in wärme und in licht.
und das hilft uns die nacht überstehen.

eva strittmatter

sie hat diesen ahmet dann zwei jahre
später noch mal getroffen, in mostar.

2010 ist sie gestorben. heute wäre sie 81 jahre alt geworden.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH und ein hindenken an eine schriftstellerin,
die kein einfaches leben hatte, anschrieb gegen alles, was sie auch sonst noch tun musste – für mann und söhne und haus und hund und garten –
ein frauenleben, das so heute fast nicht mehr zu denken ist.

EIN LEUCHTEN…

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auch bäume lächeln…

das ist schön dass sie mich anlächeln dass sie mich sehen sagt eine frau
etwas jünger als ich wieso ordnet man frauen immer nach dem alter
also das ist schön die meisten menschen schauen einen nicht an
ich schaue schaue die menschen an ich bin fotografin
ich schaue den menschen ins gesicht da lese ich die geschichten
wenn welche drin stehn das ist schön sagt sie ich sage wie man in die welt schaut so schaut sie einem zurück das ist schön das verschönt den ganzen tag verlieren sie ihr lächeln nicht

manchmal kommt mir jemand entgegen und lächelt mir zu.
da weiß ich, daß ich voll freude bin.
auf meinem gesicht hat jemand ein leuchten gesehen
und hat selbst zu leuchten begonnen, auf mich hin.

Ernst Jandl

zu: LETZTE DINGE…

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liebe RosaDora
natürlich darfst du meine mail gebrauchen,
es ist ja eine authentische tagesgeschichte,
ein zusammenfinden meiner erlebnisse des tages
mit deinem mir zugesandten mail/blogg

herzlichst rosmarie
Am 2. Feb 2011 um 23:09 schrieb rosmarie schmid:

liebe RosaDora

heute war ich eingeladen zum geburtstagsfest von Ruth,
jahrgang 1933, einseitig gelähmt, anwesend ihre tochter,
ein schauspielerfreund aus ihrer gemeinsamen schulzeit,
ruth war bis zu ihrer erkrankung malerin und lyrikerin,
wir lasen von ihren gedichten, hörten chinesische musik,

auf einmal hatte ruth arge schmerzen in/auf der brust,
müssen wir den arzt rufen? das gesicht erbleichte zu weiss,
langsam ging es ihr besser, „bleib doch noch ein wenig bei uns“,
sprach die tochter, und wir wiederholten den satz wie im chor.

ich brachte auch ein gedicht mit, weil ruth in gesunden tagen
täglich in den wald ging (erste strophe)
und jetzt im pflegehaus vom bett an einen einzigen baum
schauen kann (zweite strophe)

friederieke mayröcker

was brauchst du

was brauchst du? einen baum ein Haus zu
ermessen wie gross wie klein das leben als mensch
wie gross wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger schönheit
wie gross wie klein bedenkst du wie kurz
dein leben vergleichst du es mit dem leben der bäume

du brauchst einen baum du brauchst ein haus
keines für dich allein nur einen winkel ein dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den freund, die freundin
die gestirne das gras die blume den himmel

dann kam ich nach hause, hatte hunger nach vielem
auch noch nach dem essen, hunger nach was?
ich habe lange gelesen in deinen Texten,
habe lange deine bildwelten angeschaut,
und siehe, meine vielmundigkeit ergab ein ganzes
mit dem namen: LETZTE DINGE

ich danke dir innig
rosmarie

I M B O L C . . .

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fotografik: rosadora

nun schüttelt und rüttelt sie wieder die bäume wach,
die lichtgöttin brigit.
wer auch sonst sollte es für sie tun.
die säfte steigen, wir können wieder blumen umtopfen,
fürs aussähen ist es noch ein bisschen früh.
aber die grünen felder mit der aufgegangenen wintersaat
lassen uns den frühling schon ahnen.

es ist der tag der inspiration und des vorwärtsgehens,
es ist das bild der frau im umgang mit allen elementen.
die neuen projekte hocken vor der tür und wollen eingelassen werden.
alles tun geht leichter und flott voran.
auch die neugier treibt blüten, muss sich fast zügeln und geduldig warten,
dass eines nach dem anderen geschieht.

und das räuchern nicht vergessen,
um die schwarze alte zu verscheuchen und die weisse hervorzulocken
und bitten, dass sie sich zuständig fühlen möge für die kommende zeit.

zwischen feuer und frost
ein lichtritual neu gestalten

reinigung innen und aussen

das alte licht neu sehen

es trennen vom alten lichtjahr

in aller klarheit

das neue beginnen

an der schwelle zischen feuer und frost

energie aus dem neuen wachsen lassen

behutsam die adern der erde anklopfen

das wachsen ins licht wahrnehmen

tastend dich schieben

ins neue lichtjahr

achtsamkeit den anderen
 entgegenbringen

die volle mondin

als beschützende begleiterin

LETZTE DINGE…

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letzte dinge

dieser tage habe ich zu einem büchlein gegriffen, das zwei gespräche von zwei schriftstellerinnen der generation meiner mutter enthält und die ich mit ihr so nicht führen konnte –
ILSE AICHINGER, 1921, und
FRIEDERIKE MAYRÖCKER, 1924.
es sind gespräche über den tod. eingekleidet in zahlreiche assemblagen von daniel spoerri, 1930, und somit der jüngste von den dreien.
dass sich ein roter faden spinnt von einer bekannten, johanna f., 1924, die in ihren jungen jahren in paris kunst studierte und dort daniel spoerri traf und eine liebe mit ihm hatte, hin zu den beiden schriftstellerinnen, wusste ich bisher nicht.
johanna erzählte mir von ihrer liebe zu daniel spoerri, als vor jahren im schloss der insel mainau bei einer ausstellung werke von daniel spoerri zu sehen waren.
nun ist er mir bekannter als die beiden frauen.

in dem büchlein, das es verdient hätte ein buch zu sein, vom format aus betrachtet, ist mir die zartheit der dinge dieses grossen, starken mannes sehr ans herz gegangen und sind ein gegensatz zu seinen sonst eher grossen und massiven objekte.
es scheint auch einen roten faden zu geben zwischen den werken der künstlerinnen und künstlern jener zeit – so denke ich dabei an eva aepplii, 1925. daniel spoerri war auch mit ihr befreundet. bei ihr sah ich im tinguely museum in basel diese „zarten dinge“.
eher läge mir daran, von der zartheit in groben dingen zu reflektieren, als über das büchlein LETZTE DINGE, die sich alles andere als zart erweisen.

ilse aichinger, die sich nach dem tod sehnt, ihn als „zerbrecher und zerstörer“ sieht, hält ihre existenz für völlig unnötig.
…“ich habe es schon als kind als eine absurde zumutung empfunden, dass man plötzlich vorhanden ist. da müsste man zumindest gefragt werden, ob man nicht einfach wegbleiben will. dann wäre ich weggeblieben.“
es wäre interessant zu wissen, wie sich die menschen entscheiden würden, wäre ihnen diese frage gestellt worden.
ilse aichinger rennt bis zu viermal am tag ins kino, „um meine zeit tot zu schlagen, weil es mir schon viel zu lange dauert.“
wenigen dauert es schon viel zu lange, eher wollen sie hundert und noch älter werden aus angst vor dem tod und weil sie nicht wissen, was dann kommt. niemand weiss, was dann kommt, das ist gut und gibt immer von neuem zu spekulationen anlass.

friederike mayröcker bezeichnet den tod als ihren feind und kann ihn überhaupt nicht akzeptieren. mit 80 oder 90 „abtreten“ zu müssen, scheint ihr als grosse beleidigung im vergleich zu tieren, riesenschildkröten z. b. und auch bäume, die über 500 jahre alt werden können.
der tod ist
ekelhaft,
ein eklat,
ein skandalon,
eine frivolität,
eine schmach,
eine verdammung und
eine herabsetzung des menschlichen lebens.
sie hat angst vor dem tod, vor dem zustand des „gestorben-seins“.
mit der sprache kann sie sich gegen den tod sträuben.
„aber nur für die zeit, in der ich schreibe. die angst kommt immer wieder.
es ist eine metamorphose der angst vor dem tod.“
sie will nicht plötzlich sterben, will sich mit dem tod auseinandersetzen können.
200 jahre lebenszeit schweben ihr vor, aber besser noch „müsste man so lange weiterleben können“, bis man sagt, „jetzt habe ich genug. jetzt möchte ich abtreten.“

mich haben die gespräche sehr nachdenklich gestimmt. ich habe mir kein sehr starkes bild von den beiden künstlerinnen gemacht anhand ihrer texte. doch das bild trifft nicht – das bild künstlerin oder frau triften weit auseinander.
mehr als die gespräche haben mich die „kleinen zartheiten“ daniel spoerris berührt.
immer berührt mich ein bild mehr als ein wort…

SONNENBLUMEN – AUSGEBLÜHT…

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sonnenblumen…
eigentlich hatte ich sie schon fast vergessen, habe gedacht,
dass das feld schon abgeräumt sei, wie alle anderen felder auch,
bis mir brigitte sagte, dass sie dort immer vorbeifährt und alle sonnenblumen
noch da sind – eben verblüht, mit hängenden köpfen,
und dazu machte sie eine bewegung mit ihren händen vor ihrem gesicht,
ganz abgeknickt nach unten.

und so war es dann auch. ich traute meinen augen nicht. unter strahlend blauem himmel,
mit einer dem horizont zugeneigten sonne, ein herzzerreissender anblick – das sonnenblumenfeld.
im ganzen gesehen ein ungewöhnlicher anblick, schwarzbraun, die farben des verwesens und vergehens.
die schönheit des morbiden, die mich besticht in ihrem sosein und mich becirct mit ihrer todessehnsucht.
aufrecht stehn sie, mit gesenktem kopf und immer noch mit einheitlichem blick gen osten.
kein regen, kein schnee, kein wind konnte sie beugen.
so wird mir die sonnenblume zum symbol der aufrichtigkeit, im leben wie im sterben.

jetzt gehe ich leichter durch das feld, ein paar malven kann ich noch ausmachen, samenbestanden, und viel, viel kardamom. reste von kohlstengeln, und meist am boden liegend, mit zartem blattgeschmiege ringsherum, sich in auflösung befindend. die einst ausgestreckten blätter der sonnenblumen haben sich am stengel niedergelassen und lassen nun platz zum mühelosen durchschlängeln.

ich fotografiere und bin wie getrieben, als ob das feld gleich verschwinden, oder die sonne sich schnell senken und mir das licht ausmachen könnte.
eigentlich ist mir danach, mich zu füssen jeder einzelnen sonnenblume zu legen und mir ihre geschichte anzuhören oder für jede eine zu erfinden. doch es ist kalt, 6 grad minus und ein wind ist aufgekommen. meine finger sind klamm.
ich denke, was bin ich zimperlich und messe mich an jeder einzelnen blume, wie sie nicht zaudert oder gar umfällt.
auf manchen hängenden köpfen hat sich ein schnee festgehalten auf der seite, wo die sonne nicht hin scheint. wieder andere haben die restlichen sonnenblumenkerne auf ihren häuptern, halten sie für die vögel hoch, damit diese sie auch finden.
das eigenleben dieses feldes geht mir nahe, macht mich nachdenklich. wie wenig wir uns hineindenken können in diese pflanzenwelt und wie sie nur mit uns zu tun hat, wenn wir uns ihr zuwenden mit all unserer aufmerksamkeit.

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jetzt könnte ich mir jedes einzelne foto hernehmen und schauen, was es mir erzählt.
jetzt könnte ich ein ganzes sonnenblumenbuch machen mit sommer- und wintersonnenblumen.
jetzt könnte ich…..

ÜBERALL KRÜMEL…

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wenn sie sich verstecken und nicht heraus wollen,

wenn den gedanken der schwung fehlt,
wenn sie sich wie krümel überall herumtreiben
und keinen zusammenhalt finden,
wenn sie meinen, dass niemand mit ihnen rechnet,
wenn ihnen die bequemlichkeit zur lieben gewohnheit geworden ist,
wenn sie nicht heraus wollen, weil niemand auf sie wartet,
wenn ihnen jegliche motivation sich zu zeigen fehlt,
wenn sie herumdösen und das ziel aus den augen verloren haben,

welch ein dilemma,
welch eine qual,
welch ein versagen,
welch eine peinlichkeit,
welch ein horror,
welch eine schande,
oder eine gnade…