
fotografik rosadora
die höhe
des fantasieberges
ermessen
in sicherer tiefe
die antwort
des echos auffangen
geworfensein
in sympathie umschlägt
die sehnsucht
nach dem oben
das starren
in die tiefe
belanglos

fotografik rosadora
die höhe
des fantasieberges
ermessen
in sicherer tiefe
die antwort
des echos auffangen
geworfensein
in sympathie umschlägt
die sehnsucht
nach dem oben
das starren
in die tiefe
belanglos

joseph b e u y s
25. TODESTAG
der tod hält mich wach
beuys wurde 60, als man ihn fragte, ob er jetzt alt sei.
seine antwort,
er sei noch nicht alt.
er fühle sich jung.
da wusste er noch nicht,
dass der tod ihn nicht ewig wachhalten würde.
er starb 65 jährig an einem herzinfarkt.
jupp,
so nannten ihn seine freunde.
bei dem gestrigen film über sein leben
wurde mir schlagartig bewusst, was mich auch
mit ihm verbindet.
sein trauma „flugzeugabsturz“ (man fand ihn am 14,
das flugzeug stürzte am 16. ab aber
eigentlich ist es ja egal.
wenn er im krieg war als junger mensch, ist er mehr als
vom himmel gefallen. er ist durch die hölle gegangen…)
der absturz fand in dem abschnitt russlands statt, hi krim,
in dem der bruder meiner mutter, jupp,
19 jährig sein leben liess.
sie waren also gleichaltrig. der eine lebte weiter,
der andere fand den tod, oder anders gesagt –
der tod fand ihn.
er konnte nicht mehr die fantasie entwickeln, dass
der tod ihn wachhält, schon gar nicht eventuelle
kreativitäten und fantasien entwickeln.
7000 eichen
joseph beuys ist in kassel stets zugegen.
mit seiner verwaldung hat er dafür gesorgt,
dass seine ideen und versuche, den menschen denk-
und andere anstösse zu geben, noch lange nachwirken
(mögen).
joseph beuys, ein baumfreund besonderer art, der wachrütteln
wollte, um eine menschenwürdige demokratie zu ermöglichen,
ist nach 25 jahren aktueller denn je.
die menschen scheinen erst jetzt zu begreifen, was er seinerzeit
meinte. mal sehen, obs so ist. es müsste ja auswirkungen zeigen.
die nächste dOKUMENTA steht ja ins haus und ist vielleicht
ein gradmesser von veränderungen im geiste der menschen.
DIE SCHRULLIGE ALTE
rosadora g. trümper tuschick
niemand, der sie gesehen hatte, würde sie je wieder vergessen können.
ihre augen waren wie blitze.
sie schaute sich um, sie schaute umher, doch vor allem schaute sie den menschen ins gesicht.
trafen sich ihre blicke, knisterte es geheimnisvoll.
leicht irritiert waren sie dann.
sie wendeten ihren kopf und hechelten nach einer wiederholung des geschehenen.
wenn sie sich trauten, die alte anzusprechen, war der bann gebrochen.
dann verspann die alte sie in ein gespräch.
die menschen redeten banales zeug, so wie man das tut, wenn man eine nicht kennt.
doch schnell wendete die alte das gespräch.
und stets waren es dann die gedanken der alten, die sie fesselten und inspirierten.
begeistert waren sie, wenn sie mit blitzenden augen ihre worte dar brachte.
begeistert auch, zwar etwas irritiert, wenn sie sich wie zu leichter musik zu drehen begann.
es war, als wirbele sie sich in ihr altes leben hinein, als hole sie erlebtes für die menschen hervor, um sie daran teilhaben zu lassen.
sie wickelte sich ein in ihre weiten, farbenfrohen kleider und tücher.
sie verwandelte sich mit ihrem riesigen schlapphut ganz in diese alte weise, die man aus mythen und märchen kennt.
sie flocht die menschen mit hinein in ihre geschichten.
ein kleines mädchen mit blonden haaren schlüpfte ihr unter den mantel.
und hinein und hinaus und hinein, wie ein kleines vögelchen flog es, das den geschichten leichtigkeit und lächelnden beifall schenkte.
es hatte das spiel begriffen, während die erwachsenen unsicher blickten, woher denn dieses vögelchen gekommen war.
es war einfach da und so schnell wie es angeflogen kam, war es auch wieder weg.
voller tiefe und einsicht waren die geschichten der alten.
so leicht beschwingt konnten die menschen ihr in ihren gedanken folgen.
sie liebten sie, auch wenn sie hinter vorgehaltener hand fragten, kennst du die schrullige alte mit ihrem schlapphut?

einmal noch…
mit dir im garten sitzen
unterm sonnenschirm
kaffe trinken und reden
und singen ja singen
bis unsere stimmen quietschen
und ins lachen fallen
dich sagen hören
es ist wie im paradies
als wärest du
angekommen dort
wo du immer sein wolltest
irgendwann
nanntest du mich
mein rosadorchen
und nicht mehr
mein kindchen
da wusste ich
dass du in deiner wahrnehmung
einen grossen sprung
gewagt hattest
schwesterlich verbunden bist du
noch immer
in meinem leben
annaelisabeth

herz
ist immer gefragt
in jungen jahren
mit einem
enormen ausschlag
mit der zeit
mässigt sich das pochen
im ganzen körper
breiten sich
die verursacher
im alter dann
besiedeln die blutkanäle
geraten in wallung
bis du dich
wiederfindest
in völlig ermatteten
gegenden

den ton
der vögel vernommen
wie alles neu beginnt
von der natur getäuscht
nehmen wir diese frühlingsrufe
als gutes omen
natürlich
sind nur die tage
im kalender
und die sagen
es ist januar


ein loch
im wolkengedöns
zeigt uns
den grad
der verwandlung an
in seiner eile
für die
die auf
beständigkeit pochen
eine
schockartige erkenntnis
immer anders
immer neu
darin liegt
der ganze reiz

alles so klar
doch nichts zu erkennen
auf- oder abstieg
bevorzugt
der erleuchtete
so aber
auf dem berge der einsicht
wird den einschlägen
eile geboten
fällt es schwerer
sich zu bekennen
ein einziger durchgang

die worte
sie haben keinen rhythmus
mal stürzen sie heraus
mal finden sie
keinen gemeinsamen
nenner
und wenn sie sich zeigen
ernten sie misstrauen
den worten
misstrauen
und den grund nicht wissen
das ist das schlimmste
mein ganzes leben
spracheinwärts
geht den bach hinunter
rosadora

Was von mir bleiben wird
Von mir werden bleiben: Vier Söhne.
(Mein menschliches Alibi.)
Und vielleicht bleibt noch eine schöne
Mir ähnliche Fotografie.
Die zeigt mich, wie ich lache.
Mein lachendes Kindergesicht.
Das Gesicht, das ich weinend mache,
Zeige ich nicht.
Dann werden bleiben: Gedichte.
Vielleicht bleiben zwei oder drei
Etwas länger als andre im Lichte.
Dann ist auch das vorbei.
Merkwürdig: das zu wissen
Und doch wieder aufzustehn.
Und weiter leben zu müssen,
Als würde es ewig gehn.
Eva Strittmatter
aus „Wildbirnenbaum“
Aufbau Verlag 2009