
MUSCHEL AUS EIS…

die natur – die grosse staunenmacherin…
die muschel als gewaltiger geborgenheitstraum – sich vorstellen, ein bad zu nehmen in einer riesenmuschel, sich von kosmischen kräften gestärkt und beborgen fühlen…
die muschel aus eis hält nicht im geringsten davon ab, solches zu empfinden. das gesehene bild schwingt sich auf zum rang eines erlebten bildes. die kraft der einbildung ist die grösste kraft, mit der wir uns umgeben, uns unsere eigenenbilder, unsere eigene welt schaffen können.

das eis gibt hier noch eine besondere inspiration – vielleicht vom ganz heissen ins ganz kalte einzutauchen und so belebt das leben als ein fest zu gestalten.
diese eismuschel hatte einen so grossen sog, eine solche anziehungskraft, dass mir schon an der löwenburg ein ehepaar die stelle beschrieb, die ich unbedingt aufsuchen müsse und später gaben mir noch andere menschen den hinweis.
ein ‚kleines wunder’ gemessen an den grossen vorkommnissen in der natur, und eine kleine völkerwanderung dorthin…
M A N D A R I N . . .

fast wäre ich auf dem glatten schneee in den see gerutscht als ich mich auf die höhe der mandarinente begeben wollte, um sie zu fotografieren. so wunderschön ist sie, so farbenprächtig. ‚er’ müsste ich eigentlich sagen. die farbenpracht ist dem männlichen tier vorbehalten. ganz ohne hektik zieht ‚er’ seine runden auf dem wasserloch zwischen dem eis.
das weibliche ententier sitzt scheu am rand, aber auch in seiner schlichtheit vermag es zu erfreuen.
…DASS ICH BIN…

marga mayer und senta trömel-plötz
‚marga mayer ist tot.
sie starb nach dem verlassen des flugzeugs auf dem rollfeld in santiago de chile am 22. dezember infolge einer lungenembolie.’
bei der nachricht fange ich an zu zittern. ich habe marga vor kurzem bei der tagung mutter sprache in hannover kennengelernt. flüchtig, wie das so ist bei tagungen, wo über 100 menschen sich treffen. ich weiss nicht viel zu sagen. mir schien sie wie ein ruhender pol im gewirr der vielen frauen – auch schien es mir, als sei sie eine frau aus meinem leben. was mich erschüttert ist, dass sie erst 60 jahre alt war – zehn jahre jünger als ich. da gehen die gedanken plötzlich anders, da haben sie schlagartig ein anderes gewicht, da erhält ein gedicht, wie das nachfolgende, das marga vor ihrer ‚abreise’ (welch bedeutungsänderung das wort nun erfährt) an einige frauen ‚gesendet’ hatte, eine jubelnde zustimmung, ruft
‚freue dich, freue dich’
mir zu.
ich gebe es an euch weiter…
rosadora Continue reading
KEINE VERGLEICHE…

die alten und die neuen bilder
nicht miteinander vergleichen
das verbindende
ist auch immer das trennende
VOLLE MONDIN – die erste in diesem jahr…

verschleierte wanderin
durch die zeit
immer gleich dein angesicht
immer anders sehe ich dich
singend gehst du durchs jahr
deinem rhythmus habe ich mich
längst angeschlossen
dein tanz ist beispiellos
verlässlich kraftvoll
hellklingend
und freudevoll
W I N T E R . . .

‚…kürzlich träumte mir, ich flöge über eine runde, zarte eisfläche, die dünn und durchsichtig war wie fensterscheiben und sich auf- und niederbog wie gläserne wellen. unter dem eise wuchsen frühlingsblumen. wie von einem genius gehoben schwebte ich hin und her und war über die ungezwungene bewegung glücklich. in der mitte des sees war eine insel, auf der ein tempel stand, der sich als wirtshaus entpuppte. ich ging hinein, bestellte kaffee und kuchen und ass und trank und rauchte hierauf eine zigarette.
als ich wieder hinausging und die übung fortsetzte, brach der spiegel, und ich sank in die tiefe zu den blumen, die mich freundlich aufnahmen…’

als ich heute auf dem lac über die eisflächen schlitterte, lag ein kleiner junge auf den knien und wischte mit seinen handschuhen das eis blank. ‚was siehst du denn da?’ fragte ich ihn. ‚einen eingefrorenen goldfisch’. er stellte sich mir als ein schmales weidenblättchen dar.
doch hätte ich nicht innegehalten, wären mir auch die ‚frühlingsblumen’ nicht aufgefallen und die sind mir aufgefallen, weil ich zuvor diese textstelle von robert walser gelesen hatte. alles fügt sich zusammen…
ES BEGINNT…

sie hält den blick offen

sie schaut sich drehend nach innen
mir ist der blick oft verstellt
obwohl ich beides tue
im schauen krampfe ich sehen zu wollen
im drehen verliere ich den boden
und dann
wenn der kopf nichts will
und der bauch sich beruhigt
spricht eine stimme aus mir
liegt vor mir
was ist wie es ist
ist in mir eine ruhe
die alles neu sehen kann
dann krampfe ich wieder
dann will ich wieder
dann soll was geschehn
und es beginnt von vorn
danke, helma, für deine verbesserungsvorschläge.
ich habe sie gern berücksichtigt…
rosadora
EIN WINTERMÄRCHEN…

schnee und sonne mögen sich – es muss nur kalt genug sein.

im winter mag ich die sonne ganz besonders. sie ist die einzige, die es schafft mich mich mit ihren wärmenden strahlen hinaus zu locken. der schnee macht aus dem hellen licht blendlicht. für die augen ist es schön und anstrengend gleichermassen. die gegend so verkleidet zu sehen, ist immer wieder ein überraschender anblick. der schnee knirscht unter den schuhen. dem wind halte ich mein gesicht entgegen. ich zwinkere der sonne entgegen. an die kälte habe ich mich längst gewöhnt, ausserdem bin ich pudelwarm angezogen.

der orangerie steht die weisse pracht gut und lässt sie in ihrem gelb strahlen.

die mondin am tag – wer passt auf wen auf?
die rauhnächte sind vorbei, nun beginnt eine neue zeit.
KURVEN AUF DEM EIS…

endlich zugefroren der teich. kinder und erwachsene lockt es gleichermassen, ob mit oder ohne schlittschuhe. es sind eher stehkonvents auf dem eis, als flitzende eisläufer und eisläuferinnen. wer konnte auch ahnen, dass der vorausgesagte ‚milde winter’ ein eiskalter würde. und ausserdem, bei den wenigen gelegenheiten, die es hier gibt, wer hat da schon übung im schlittschuhlaufen. ich meinerseits habe meine schon vor jahren verschenkt und nun werde ich mir für ein paar eiskurven auch keine mehr zulegen.
die sonne lockt die menschen heraus, lachende gesichter, und das mädchen, das vielleicht das erste mal auf dem eis ist, ruft: mama, guck mal, was ich kann und landet einen ‚bauchplätscher’ aufs eis.

als ich kind war, borgte ich mir schlittschuhe, die waren zum anschrauben und wurden zusätzlich mit seil um den fuss festgebunden. eiswiesen waren es. da konnten wir nicht einbrechen und wir stürzten mehr als dass wir gleiteten, und wir fielen hin und standen auf, standen auf und fielen hin und keine mami da, die uns gelobt oder aufgehoben hätte. wir brauchten uns auch nicht zu beweisen. wir hatten einfach nur spass.
heute ist es eisekalt, aber die luft ist wunderbar klar. ich atme tief durch, und ich muss wiedermal an den satz denken – in wilhelmshöhe ist jeder atemzug einen taler wert.