






ein neues buch, ein neues jahr
was werden die tage bringen?
wird’s werden, wie es immer war,
halb scheitern, halb gelingen?
ich möchte leben, bis all dies glüh’n
rückläßt einen leuchtenden funken,
und nicht vergeht, wie die flamm‘ im kamin,
die eben zu asche gesunken.
Theodor Fontane

‚ich möchte leben, bis all dies glüh’n
rückläßt einen leuchtenden funken…’
wie schön ausgedrückt, wie gross das hoffen ins leben. doch zuerst bedarf es des GLÜHENS. manchmal ein bisschen zu wenig, manchmals etwas zu viel. aber hauptsache ist, dass es diesen funken in uns gibt, diesen funken zum leben, der es leuchten lässt und warm macht und hell und die menschen in unserer nähe erwärmt und sie gern um uns sein lässt.
wieder ein jahr – in unserem alter ist das ganz anders empfunden als in jungen jahren, in denen ein enden nicht mitgedacht ist. ‚halb scheitern – halb gelingen’ – so war es und wird es sein. die hoffnung auf ein ‚müheloses’ liegt nicht (mehr) drin. die schmerzen, die pein – von ihnen setzt sich das schöne und gute erst ab. vielleicht nicht mehr gierig sein aufs leben, aber neugierig bleiben, um dem ‚kleinen glück’ zu begegnen, das in jedem tag liegt, etwas träumen, damit das geschehen kann. rose ausländer sagt: ‚der traum hat offene augen’, also, mit etwas zugekniffenen augen dem sehen eine andere dimension entlocken. so ist das grosse nicht mehr zu gross und das kleine nicht zu klein, das schauen relativieren und das hinschauen nicht lassen.
dem NEUEN JAHR eine chance geben und uns. es nicht vorausahnen, denn, so sagte die alte seherin kassandra, ‚das, was wir befürchten, tritt bestimmt ein’. einen freien raum entfalten, in den so manches hinein passt. die möglichkeit der wahl haben wir ja öfter als wir meinen. also, wählen wir.
der letzte tag im alten jahr präsentiert sich aufs vorzüglichste. das wetter beeinflusst unsere stimmung ja nicht unerheblich. so stellen wir es heute an erste stelle. und in dem falle einer wetterverschlechterung nehmen wir etwas anderes aus der vielfalt unseres seins, das uns hochhält, froh sein lässt, heiter auch und dem leben zugeneigt.
das ist es, was ich gerade so denke. morgen wird es etwas anderes sein.
rosadora

blau
blauer himmel
er verspricht alles
er verspricht nichts
blaues vom himmel
wir gewöhnen uns dran
so
wie wir es wollen
so
wie wir es können
das neue
es wird nicht neu
das neue
es wird nur anders

funkelnder tag
der himmel hochgehängt
ins nichtige blau
menschen laufen
wie aufgezogen
nur die bäume
bewahren ihre ruhe

springen
in den himmel
auf die gefahr
abzustürzen

CLARA
ein engel
kam geflogen und
rief mir zu
du kannst
eh ichs verstehe
und begreife
ist in allem
was ich heut beginne
dieser klang
du kannst
du kannst
nein
nicht die welt bewegen
doch
sie lieben
wie sie ist
du kannst
du kannst
die menschen
nicht verändern
doch lieben
kannst du sie
du kannst
du
rosadora g. trümper tuschick

HOHE NACHT DER KLAREN STERNE,
DIE WIE WEITE BRÜCKEN STEH’N
ÜBER EINER WEITEN FERNE
D’RÜBER UNS’RE HERZEN GEH’N
unseren herzen ist die weihnacht am nächsten von allen anderen christlichen festen, auch dann, wenn wir die christliche tradition nicht leben, bedeutet sie uns etwas.
es ist ‚das geborenwerden’, es ist das sich erneuende leben, das uns die zuversicht schenkt, wieder und immer wieder, die zuversicht, dass auch wir neu beginnen können in allem. startblöcke werden uns geschenkt, die uns signalisieren, nun mach mal, es ist (noch) nicht zu spät. das leben immer wieder neu beginnen, es neu sehen, neu gestalten – alles neu, einfach neu. den mut haben, eigene wege zu gehen, manchmal erst spät, nicht ausgetretenen pfaden hinterherwackeln, sonder da gehen, wo noch kein weg ist – meinen eigenen weg finden und eine spur legen.
ich übe das gern im wald, wo ich kreuz und quer laufe und mir damit ein bild mache, wie das in mir drinnen aussehen könnte mit dem eigenen weg. das ist eine schöne und gute erfahrung, immer wieder. und wenn es raschelt und kracht, was mir viel freude bereitet, weiss ich, dass es auch in mir ‚rascheln und krachen’ muss, um einen eigenen weg zu legen.
viele brücken brauchen wir, über die unsere herzen sich wagen zu gehen. unsere herzen wissen um die brücken…
ich nehme die erste strophe des liedes von hans baumann, das ein nationalsozialistisches weihnachtslied war. hier klingt es noch ohne absicht und äussert sich in wunderschönen bildern.
deinen text zum 21. dieses monats habe ich mir herauskopiert, ich kann ihn jetzt mit mir tragen und lesen wo immer ich bin,
deine stärkenden worte weisen mich über die weihnachtstage hinaus, in die rauhen nächte hinein, bis wir „langsam den tanz wieder aufnehmen“.
du schreibst es viel genauer und inniger, und was mir mut macht zum neuen herangehen an den eigenen lebenstanz, ist der hinweis von „langsam, ganz langsam“.
diese besinnlichkeit tut mir augenblicklich sehr wohl, ich will diesen rhythmus versuchen, indem ich zum beispiel eben dazu deinen text wiederholt hervorhole.
du schenkst mir noch eine andere variante: ich kann in deinem tagebuch nachspüren, dann bin ich gleichzeitig mit dir UND allen verbunden, die sich lesend darin einfinden.
jetzt weisst du, wo meine seele auch sein wird heute am 24., an weihnachten, an meinem geburtstag und bis in das beginnen zum neuen jahr.
zur grossen hoffnung, die du beschreibst in deinem wintergedicht, ist natürlich auch das viele persönlich unmittelbare mitgemeint…
sei lieb umfangen
deine rosmarie
WINTERSONNENWENDE

heute ist ein besonderer tag. ohne es im bewusstsein zu haben, so früh am morgen, treibt es mich aus dem bett. erst als ich wach und wacher werde, erinnere ich das datum – 21. dezember – wintersonnenwende.
bis zum 24. dezember, in der nacht, ins der das licht aus der tiefe geboren wird, ist eine grosse stille. nichts regt sich, nichts bewegt sich, nur die natur bereitet sich vor, in der tiefe geschieht die verwandlung. das lebensrad dreht sich, das rad, das niemals stillesteht. wenn auch das symbol des runden in unserem kleinen hirn den anschein gibt, als würden wir uns im kreise drehn, ist dieser lebenskreis doch so gross, dass selbst die grösste von uns zurückgelegte strecke als gerade erscheint. unendlich gross und uns unvorstellbar ist dieses grosse runde, und auch nicht zu erfassen das kleinste runde, das viel kleiner noch ist als ein atom und aus dem alle dinge bestehen. ein lebendiger organismus und voller energie, von der wir leben, in der wir sind.
geschafft! diesen zeitenberg zu erklimmen kommt einem wirklichen bergaufstieg sehr nahe.
an dieser schwelle vom dunkel ins licht geben wir alles ab, geben es zurück in den weltenkessel, geben es hin zu der ‚alten der zeit’, die auch ‚die funkelnde’ genannte wird, die es neu mischt.
in dem moment, am 24. dezember, wo sich das licht zeigt, wo die dunkelheit es neu gebiert, dürfen wir der weisen alten beim rühren helfen und ihren tanz tanzen und ein bisschen erfahren von ihrem geheimnis, das sie nie ganz preis gibt. wir bedienen uns der bilder der mythen, weil das ganze so unvorstellbar für uns ist.
die angesagte ruhe ist auch verdiente ruhe – und dass wir sie einhielten.
in den kommenden tagen der rauhnächte nehmen wir den ‚tanz des lebens’ langsam, ganz langsam wieder auf.
vor dem tanz die ruhe…
dies ist nicht blüte
nicht frucht
dies ist nicht frühling
nicht sommer
nicht herbst
dies ist nur der winter
mit seiner innigsten
grössten wärme
der hoffnung
zum 100sten geburtstag

‚zum andenken an eine seltene frau’. als ich den herabgestürzten grabbogen auf dem jüdischen friedhof in hamburg ohlsdorf fotografierte, wusste ich mit diesem begriff der ‚seltenen frau’ nicht recht etwas anzufangen.
wenn ich das leben und werk gisèle freunds, der künstlerin, fotografin, soziologin, reporterin, kritikerin, u. u. u. betrachte, habe ich eine ahnung, was es sein könnte, eine ‚seltene frau’ gewesen zu sein. ihr leben erklärt mir, was das gewesen sein könnte. gisèle freund sucht ihres gleichen, war einzig, war gegen konventionen und widersprach dem angepassten lebensstil. sie war kritisch mit offenen augen. das war zu ihrer zeit nicht überall gern gesehen und oft nicht geduldet. Continue reading