ÜBER ALLEM DER TANZ…

bahnhof nordseite

»Der Tanz war sehr frenetisch,
rege, rasselnd, klingend,
rollend, verdreht und dauerte
eine lange Zeit«

Ein Essay von Carolyn Christov-Bakargiev

der abriss des bahnhofs nord gleicht zur zeit einem alles durcheinanderwirbelnden tanzes – der platz ist frei und wird es immer mehr bis er sich dann wieder füllt – es sind die bagger rüttel- und brechmaschinen die walzen und lastwagen die sich hier drehen und wenden und den tanz veranstalten – es dauert noch eine weile bis der platz so frei ist dass auch ich darauf tanzen kann -

BAHNHOF_DER TANZ WAR... 17.09es ist kunst sagt das auge – es ist grosse kunst sagt der verstand – es ist mehr als kunst sagt das begreifen – kunst ist kunst bleibt kunst

BAHNHOF_KUNST_ 17.092

DAS STÖHNEN UND ÄCHZEN…

DER VERLADEBAHNHOF VERABSCHIEDET SICHBAHNHOF_wolken_11.09immer sind es die wolken bei denen wir trost suchen – der blick zum himmel – wenn etwas passiert das wir nicht ändern können stammeln wir herum – wo mich gestern noch  gestalten gebilde fast wesen anschauten fällt es mir heute schwer das noch wahrnehmbare in bilder einfliessen zu lassen – alles fliesst saust weg wird eingeebnet oder weggeschafft – platz muss gewonnen werden platz für neues noch nicht erkennbares doch schon gewusstes – fraunhofer wird den platz füllen mit neuen inhalten neuen aufgaben und ich werde neu schauen müssen ob mir das gefällt was ich sehe und ob ich das alte darüber vergessen werde

BAHNHOF 10.09keine gesichter keine beine mehr die geschichten erzählen oder gar märchen – platt und platter wird das gelände – 32000 meter im quadrat – es stöhnt und ächzt und niemand hört es – steine sand und erde mundtot gemacht und dennoch sprachrohr

BAHNHOF_SANDBERG_die gebackenen und zermalten steine wärmen das licht – oder umgekehrt…

s. stadt kassel.de projekte

Ein Teil des Gebietes mit einer Fläche von etwa 32.000 Quadratmetern wurde Ende vergangenen Jahres von der Stadt an die Fraunhofer Gesellschaft verkauft. Diese will dort die bislang auf verschiedene Standorte im Stadtgebiet verteilten Bereiche des Fraunhofer Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) bündeln. Auf den restlichen 28.000 Quadratmetern können sich weitere Firmen mit ähnlicher inhaltlicher Ausrichtung ansiedeln. Dies bietet die Chance ein europäisches Forschungsnetzwerk zu entwickeln, das seinen Sitz in Kassel hat und vom Fraunhofer-Institut IWES gesteuert werden soll. Ziel sei es, Teile eines europäischen Instituts im direkten räumlichen Verbund mit dem IWES zu verorten.

HERAUSRAGEND…

 

HAUPTBAHNHOF NORD – abgerissen

herausragend aus allem was war und ist – besondere gebilde mit einmaligen gebärden – keines gleicht dem anderen – individuen auf zeit – an die luft gezerrt atmen sie – blasen sich auf – zeigen was in ihnen steckt – ich finde sie bezaubernd schön und in ihrem verharren auf zeit faszinieren sie mich – geben mir anlass sie im bild zu verewigen

EMPORRECKEN_P1160852diese haben gesichter – sind erstaunt und verwundert – erschrocken auch – aber auch befreit – die mittlere wischt sich den letzten traum aus den augen – alle halten ihre beine nach links und gekreuzt – sie sind sich einig – wohin die reise gehen wird können sie nicht erahnen – ihrem schicksal ausgeliefert aber für einen moment befreit und in ihre ganz eigene form gezogen – für einen moment gestalten der willkür anderer – doch ohne die hätten sie niemals wieder das licht der welt erblickt – auch sie  – ganz besonders sie – von mir ausgeschaut und verewigtBAHNHOF_SONNTAG_7.09wie ein grosser vogel der die lage überblickt – der sich aufplustert und nach luft ringt sich umblickt um zu verstehen – er nimmt für eine weile gestalt an – die eines vogels in der hoffnung – fortfliegen zu können und in den weiten des himmels zu verschwinden auf eine lange ewigkeitBAHNHOF_SONNTAG_7.091sie recken sich und streben himmelwärts geniessen für eine weile die frische luft – erleben tag und nacht sonne und regen und nebel – sie tanzen rufen sich mut zu probieren die himmelsrichtungen aus ehe sie in einem anderen dasein wieder verschwindenBAHNHOF_SONNTAG_7.092wie ein neues wahrzeichen – mir ist es nicht gelungen – es in einem kunstprojekt welches das erinnern an den bahnhof hält unterzubringen – zumindest war es eine zeitlang konkurrenz für den hohen schornstein der 1964 zu der kurhessischen molkereizentrale gehörte und jetzt auf dem grundstück der firma linss alter für mobilfunkanbieter genutzt wird – der überall und immerwieder auf meinen fotos und filmen auftauchtBAHNHOF_SONNTAG_7.093zwischen den derben brocken mein kleines zartes rotschwänzchen – irgendwie ist es von dem grundstück nicht abzubringen – es begrüsst mich wippt auf und ab in rotschwänzchenmanier – es ist und bleibt sein revier – ich werde es im blick behalten und schaun ob es sich bei fraunhofer wieder einnistetBAHNHOF_SP. NACHMITTAG_4

NOCH NICHTS NEUES – ABER DAS ALTE VERGANGEN…

HAUPTBAHNHOF NORDSEITE ABBRUCH…

ZOLLSCHILD_P1150414da ging es einst zum zollamt – nun ist es weg – das schild klebt noch – mal sehen wie lange noch…

AA HINTER STEINHAUFEN_P1160047das AA zugekippt – schön wärs – überflüssig weil alle arbeit haben…

BAHNHOF ZOLLAMT_WOLKEN_19.081BAHNHOF ZOLLAMT_weg_19.082viele wochen habe ich fast täglich den abbau des güterbahnhofs beobachtet – nun zuletzt noch das haus des zollamtes – schnell ist es umgestossen und zusammengeräumt – die einzelnen materialien fein säuberlich getrennt – das hat meine bewunderung – es ist laut und staubig – keine leichte arbeit - j. arbeitet trotz lungenentzündung weil zu wenig leute da sind und die arbeit gemacht werden muss – pflichtbewusstsein gleich neben leichtsinn – das geht auf die knochen  und ich kann nur den kopf schütteln zu dem was mir dazu alles so einfällt – gleich daneben das AA – nicht unweit wegmann die waffen produzieren – ein krankenhaus in unmittelbarer nähe dazu – und  ringsherum kirchen – die wolken wissen bescheid – sie scheinen das projekt zu begleiten…

BAHNHOF_ZOLLHAUS_ 281BAHNHOF_WOLKEN_ 28ohne die wolken würde ich das sicher nicht aushalten können – sie begleiten das projekt und mich und immer bin ich auf der suche nach eindrucksvollen bildern – wolken sind wie ein sahnehäubchen auf die grobe wirklichkeit

fraunhofer ist verantwortlich dafür dass das neue nicht nur eindrucksvoll sondern auch sinnvoll ist und hoffentlich nicht gänzlich vergessen macht dass hier einmal der verladebahnhof mit vielen arbeitsplätzen der nicht nur umschlagsort für güter sondern auch für menschliche werte war – einige der menschen die hier gearbeitet haben kommen vorbei – sagen das tut weh das alles schwinden zu sehen und denken dabei an ihre eigene vergangenheit die nicht vergangen ist deren sichtmarken nun aber fehlen werden

 

MAL WIEDER MALEN…

eigentlich gepitscht und geklebt und geschnipselt – erstaunlich die verschiedenen ideen  und dass sie nicht aufhören nicht auslaufen nicht ins nichts entschwinden – eigenwillig farbenfroh frischundfrei und umwerfend jedes für sich – so ungezwungen macht kunst freude stimmt heiter lässt staunen

EISENCOLLAGE_P1150589rosadora – eisenwillig – 60 x 120 – auf holzplatte

MALEN BEI HENNING _II_231hermann lässt sie wie marionetten tanzen – rosadora bringt mit dem runden eine verbindung vom bahnhof zum kompostloch – bärbel will heute etwas zartes für ihren lieben mann – und jane hat höhlengedanken nachempfundene

henning fragt ob wir fröhlich sind – er schafft mit seinem rat und hilfestellungen dass alle zufrieden ihr vorgestelltes werk vollbringen – einzig hermann weiss ganz alleine was er will und bringt es prachtvoll zur schau

MALEN BEI HENNING 23_bearbeitet-1

 

WOLKEN ÜBERM BAU…

BAHNHOF_KRALLE UNTER WOLKEN_P1140044BAHNHOF_BURGMAUERN UNTER WOLKEN_P1140230BAHNHOF_WOLEN ZW. MAUERN_P1140236BAHNHPOF_WOLKENSCHORNSTEIN_P1140037BAHNHOF_WOLKENRIESENSCHORNSTEIN_P1140033es ist eine schulung des sehens immer noch etwas finden was das thema sprengt – obwohl WOLKEN ÜBERM BAU eine weitere dimmension beinhalten…

den bildaufbau berücksichtigen – die wolken dorthin rutschen wo sie sich gut ausnehmen das thema verdeutlichen

es gibt sonne wolken und regen und bei meinen täglichen fotorundgängen schaut schon dadurch alles verändert aus – die abrisse – die sortierungen welche die bagger vornehmen – geduld und kräfteverschleiss der arbeiter – vergangenheitstilgung – alles ist in den bildern und filmen festgehalten und zu sehen – vielleicht nicht bis ins detail wie ich es gern hätte denn ich darf nicht auf die baustelle und nicht so dicht heran – ich bleibe dran so oft und gut wie es geht…

 

KOMPOSTLOCH – SONNE UND REGEN WECHSELN…

nur ein einziges bild wird mir geschenkt an diesem tag – ein sonnentagKOMPOST_SONNENTÜMPEL_P1130717mal wieder mache ich einen gang durchs kompostloch – es ist heiss – die sonne erhitzt das rund förmlich – ich kann es nicht lang aushalten – aber ein bild wird mir geschenkt – dieses einzige in dem sich das licht auf dem tümpel niederlässt – immer wieder anders immer wieder neu

KOMPOST REGEN_HÜHNERGERSTE_31am nächsten tag werde ich mit regen beschenkt – mit und ohne schirm fotografiere und filme ich das prächtige grün – es erstaunt mich immer wieder wie natur sich zu erneuen vermag – die hühnerhirse die im herbst völlig mit in den rüttelschüttelvorgang geriet hat sich zwischen restliche erdmassen gerettet und wächst  und blüht mir zur freude

KOMPOST REGEN_SPRINGKRAUT_32auch das indische springkraut hat wege gefunden  aus den durchrüttelten erdresten wieder heraus zu springen – fast sieht es ein bisschen aus wie zur documentazeit – der duft ist abgeschwächt und bienen finden nur selten den weg hierher

KOMPOST REGEN_winden_3die ackerwinde nimmt den platz des klettenlabkrautes ein – begrünt ganze hügel – wie abgesprochen halten sie eine reihenfolge ein – sie sprechen miteinander die pflanzen – geben sich platz untereinander ganz zeitgemäss – die grosse kratzdistel die blühte und nun ihre samen verteilt scheint sich zu verneigen vor dem ihr zugeteilten – der regen beugt sie ein bisschen mit dem nassgewicht das sich in ihren samen versammelt hat

die grünkraft – wie hildegard von bingen es zu nennen pflegte – überwältigt alle und alles – mein grünes kompostloch – es ist ein kamäleon – wechselt die farben je nach jahreszeit…

 

BAHNHOFSIMPRESSIONEN…

immer suche ich die schönen bilder zwischen dem abriss – damit es nicht gar zu weh tut – die wolken versuchen ihr bestes – ich rücke sie dahin wo sie sich gut einfügen

BAHNHOF_RUINE LADESTRASSE_P1130801BAHNHOF_BAGGERSCHAUFEL_P1130938

kraftvoll zeigt sich hier das gerät – es darf ausruhen – oder wird es mit weggeräumt…BAHNHOF_SCHORNSTEINBERG_P1130934_bearbeitet-1der lange schornstein als orientierungshilfe – nichts ist hier wie es einmal war

BAHNHOF_FALKENHAUS_P1130828_bearbeitet-1

noch steht es – das häuschen – das zuletzt brutstätte für falken war – ich nenne es falkenhausBAHNHOF_GANZ VORNE_P1130902_bearbeitet-1

wände bretter türen – sorgfältig sortiert und aufeinandergestapelt

täglich schaue ich nach – fotografiere und filme damit es ein zeugnis gibt von dem was hier einmal war – ein älterer mann der hier einmal bei der bahn gearbeitet hat sagt – das tut weh – das schmerzt – mir geht es ebenso – erinnerung wird gelöscht – da sind wir empfindlich und verletzbar – so sehr dass mir passende worte nicht einfallen wollen

BAHNHOF – ABRISS IN VOLLEM GANGE…

ABRISS VORHER_II_P1130609VOR DEM ABRISS_I_P1130613die beiden oberen fotos zeigen das gestänge über den geleisen die keine mehr sind bevor jan mit seinem zangenbagger alles abräumte

BAHNHOF ABRISSBAGGERTANZ JAN 29hier nun greift er zu knickt und knackt ab mit sagenhaftem feingefühl und sicherheit dass es mir den atem verschlägt – eine geschlagene stunde filme und fotografiere ich in strömendem regen teils mit regenschirm teils ohne was jan da an geschick aufweist – kaum zu glauben – manchmal schien es mir wie ein tanz

dann ist alles weg und fast kann ich es nicht begreifen so sehr hat mich das tun dieses jungen mannes beeindruckt

VOR DEM ABRISS I_P1130735

 

NACH DEM ABRISS_P1130733

und so sieht es nach einer stunde aus – grossartige leistung – bei mir schmerz und wehmut über das verschwunde nichtwiederbringlicheBAHNHOF VORDEREINGANG_291auf der vorderen seite sieht es nun so aus – der blick ist frei bis zum anderen ende – es beginnt wieder stark zu regnen – der regen platscht von dem noch vorhandenn dach – die männer arbeiten weiter – andere nehmen schutz in den abrissruinen

das zerstörerische hat auch schöne bilder die mich wieder und wieder faszinieren