BLAUE HORTENSIE…

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So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden,die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

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Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

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Verwaschnes, wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

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Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke

WIEDERKEHR DER FRÜHLINGSBOTEN …

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kassel, 13 uhr 30

jedes jahr die gleiche szenerie:
die kraniche fliegen über mich und ich freue mich unbeschreiblich. die frühlingsboten sind glücksbringer – sie bringen den frühling zurück. sie bezeugen, dass der lebenskreis nicht unterbochen ist, dass die natur über alle von menschen erbauten hindernisse siegt, wiede rund wieder. der sichere instinkt der kraniche und anderer tiere, der grösser ist als das, was wir erahnen können.
das gibt mir eine so grosse hoffnung, wie kaum etwas auf der welt.

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I M B O L C . . .

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es ist schon früher hell am morgen und länger hell am abend. dass das licht zunimmt, ist deutlich spürbar. die energien regen sich. etwas zu beginnen fällt merkbar leichter.

das lichtfest, welches die kelten als imbolc feierten mit der lichtgöttin brigid, wird auch heute und immer wieder mehr begangen. die christen nennen es mariä-lichtmess und ich frage mich, warum sie denn die alten feste abgewandelt feiern, obwohl sie alles was vor ihnen war als ‚heidnisch’ benennen…

heute gehe ich hinaus und rüttele die bäume wach und scherze mit den samen, die sich schon in der erde regen. dass in diesem jahr besondere vorsicht geboten ist übermütig zu sein, wissen sie wohl selbst. die schneeglöckchen waren im vergangenen jahr längst mit ihren köpfchen im lockenden licht.

dass mehr licht auch immer mehr schatten bedeutet, davon wissen die leichten seelen, die mit depressionen sich plagen, ein lied zu singen. das licht leuchtet auch noch die letzten ecken aus. das, was bedrückt, ist in dieser zeit wahrnehmbarer als in den anderen jahreszeiten.

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die liebenden finden sich.

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die maulwürfe bauen neue wohnungen für ihre nachkommen.

FLÄCHEN NEU FÜLLEN . . .

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‚…wie dich das grosse einatmen
überkommt mit einemmal
mischst du die farben
füllst du die flächen
an nichts dich haltend neu…’

BRIGITTE FUCHS
in DAS BLAUE VOM HIMMEL ODER ICH LEBE JETZT
glendyn verlag – aarau 1993

als lägen unsere tätigkeiten nebeneinander – du gestern, ich heute. dabei sind jahre dazwischen und die aufforderung ‚flächen neu zu füllen’ unabhängig voneinander. 1993 – 2009 – was bedeuten jahre?
alles erfüllt sich zu seiner zeit.

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MUSCHEL AUS EIS…

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die natur – die grosse staunenmacherin…
die muschel als gewaltiger geborgenheitstraum – sich vorstellen, ein bad zu nehmen in einer riesenmuschel, sich von kosmischen kräften gestärkt und beborgen fühlen…
die muschel aus eis hält nicht im geringsten davon ab, solches zu empfinden. das gesehene bild schwingt sich auf zum rang eines erlebten bildes. die kraft der einbildung ist die grösste kraft, mit der wir uns umgeben, uns unsere eigenenbilder, unsere eigene welt schaffen können.

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das eis gibt hier noch eine besondere inspiration – vielleicht vom ganz heissen ins ganz kalte einzutauchen und so belebt das leben als ein fest zu gestalten.

diese eismuschel hatte einen so grossen sog, eine solche anziehungskraft, dass mir schon an der löwenburg ein ehepaar die stelle beschrieb, die ich unbedingt aufsuchen müsse und später gaben mir noch andere menschen den hinweis.
ein ‚kleines wunder’ gemessen an den grossen vorkommnissen in der natur, und eine kleine völkerwanderung dorthin…

M A N D A R I N . . .

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fast wäre ich auf dem glatten schneee in den see gerutscht als ich mich auf die höhe der mandarinente begeben wollte, um sie zu fotografieren. so wunderschön ist sie, so farbenprächtig. ‚er’ müsste ich eigentlich sagen. die farbenpracht ist dem männlichen tier vorbehalten. ganz ohne hektik zieht ‚er’ seine runden auf dem wasserloch zwischen dem eis.

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das weibliche ententier sitzt scheu am rand, aber auch in seiner schlichtheit vermag es zu erfreuen.

W I N T E R . . .

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‚…kürzlich träumte mir, ich flöge über eine runde, zarte eisfläche, die dünn und durchsichtig war wie fensterscheiben und sich auf- und niederbog wie gläserne wellen. unter dem eise wuchsen frühlingsblumen. wie von einem genius gehoben schwebte ich hin und her und war über die ungezwungene bewegung glücklich. in der mitte des sees war eine insel, auf der ein tempel stand, der sich als wirtshaus entpuppte. ich ging hinein, bestellte kaffee und kuchen und ass und trank und rauchte hierauf eine zigarette.
als ich wieder hinausging und die übung fortsetzte, brach der spiegel, und ich sank in die tiefe zu den blumen, die mich freundlich aufnahmen…’

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als ich heute auf dem lac über die eisflächen schlitterte, lag ein kleiner junge auf den knien und wischte mit seinen handschuhen das eis blank. ‚was siehst du denn da?’ fragte ich ihn. ‚einen eingefrorenen goldfisch’. er stellte sich mir als ein schmales weidenblättchen dar.

doch hätte ich nicht innegehalten, wären mir auch die ‚frühlingsblumen’ nicht aufgefallen und die sind mir aufgefallen, weil ich zuvor diese textstelle von robert walser gelesen hatte. alles fügt sich zusammen…

ES BEGINNT…

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sie hält den blick offen

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sie schaut sich drehend nach innen

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mir ist der blick oft verstellt

obwohl ich beides tue
im schauen krampfe ich sehen zu wollen
im drehen verliere ich den boden

und dann
wenn der kopf nichts will
und der bauch sich beruhigt
spricht eine stimme aus mir
liegt vor mir
was ist wie es ist
ist in mir eine ruhe
die alles neu sehen kann

dann krampfe ich wieder
dann will ich wieder
dann soll was geschehn
und es beginnt von vorn

danke, helma, für deine verbesserungsvorschläge.
ich habe sie gern berücksichtigt…
rosadora

EIN WINTERMÄRCHEN…

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schnee und sonne mögen sich – es muss nur kalt genug sein.

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im winter mag ich die sonne ganz besonders. sie ist die einzige, die es schafft mich mich mit ihren wärmenden strahlen hinaus zu locken. der schnee macht aus dem hellen licht blendlicht. für die augen ist es schön und anstrengend gleichermassen. die gegend so verkleidet zu sehen, ist immer wieder ein überraschender anblick. der schnee knirscht unter den schuhen. dem wind halte ich mein gesicht entgegen. ich zwinkere der sonne entgegen. an die kälte habe ich mich längst gewöhnt, ausserdem bin ich pudelwarm angezogen.

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der orangerie steht die weisse pracht gut und lässt sie in ihrem gelb strahlen.

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die mondin am tag – wer passt auf wen auf?
die rauhnächte sind vorbei, nun beginnt eine neue zeit.