
den ton
der vögel vernommen
wie alles neu beginnt
von der natur getäuscht
nehmen wir diese frühlingsrufe
als gutes omen
natürlich
sind nur die tage
im kalender
und die sagen
es ist januar

den ton
der vögel vernommen
wie alles neu beginnt
von der natur getäuscht
nehmen wir diese frühlingsrufe
als gutes omen
natürlich
sind nur die tage
im kalender
und die sagen
es ist januar


ein loch
im wolkengedöns
zeigt uns
den grad
der verwandlung an
in seiner eile
für die
die auf
beständigkeit pochen
eine
schockartige erkenntnis
immer anders
immer neu
darin liegt
der ganze reiz

alles so klar
doch nichts zu erkennen
auf- oder abstieg
bevorzugt
der erleuchtete
so aber
auf dem berge der einsicht
wird den einschlägen
eile geboten
fällt es schwerer
sich zu bekennen
ein einziger durchgang

die worte
sie haben keinen rhythmus
mal stürzen sie heraus
mal finden sie
keinen gemeinsamen
nenner
und wenn sie sich zeigen
ernten sie misstrauen
den worten
misstrauen
und den grund nicht wissen
das ist das schlimmste
mein ganzes leben
spracheinwärts
geht den bach hinunter
rosadora

Was von mir bleiben wird
Von mir werden bleiben: Vier Söhne.
(Mein menschliches Alibi.)
Und vielleicht bleibt noch eine schöne
Mir ähnliche Fotografie.
Die zeigt mich, wie ich lache.
Mein lachendes Kindergesicht.
Das Gesicht, das ich weinend mache,
Zeige ich nicht.
Dann werden bleiben: Gedichte.
Vielleicht bleiben zwei oder drei
Etwas länger als andre im Lichte.
Dann ist auch das vorbei.
Merkwürdig: das zu wissen
Und doch wieder aufzustehn.
Und weiter leben zu müssen,
Als würde es ewig gehn.
Eva Strittmatter
aus „Wildbirnenbaum“
Aufbau Verlag 2009

….
der bäume tod und träne,
der schwarze rabenschrei,
der orgelflug der schwäne,
was es auch immer sei,
das über uns die räume
aufreißt und riesig macht
und fällt in unsre träume
in einer finstren nacht.
ich mach ein lied aus stille.
ich mach ein lied aus licht.
so geh ich in den winter.
und so vergeh ich nicht.
eva strittmatter

8. FEBRUAR 1930 – 04. JANUAR 2011
Wie eine Larve werfe ich
Einmal all meine Zweifel ab.
Dann will ich Ruhm.
Und sei es auch spät
und an meinem toten Grab.
ruhm hat sie geerntet und wird ihr auch noch nach ihrem tod zuteil werden.
aber sicher ist ihr im späteren leben wichtiger gewesen, ihren zweifel abzuwerfen, zu leben damit, dass jede auf sich selbst geworfen ist – bis zuletzt – und sie ganz diese person war, die sie selbst herausgeschält hat mit ihrem schreiben.
„Ich mach ein Lied aus Stille“ (1973)
„Mondschnee liegt auf den Wiesen“ (1975)
„Die eine Rose überwältigt alles“ (1977)
„Zwiegespräch“ (1980)
„Heliotrop“ (1983)
„Unterm wechselnden Licht“ (1990)
„Wildbirnenbaum“ (2009)
der einblick in eine menschliche seele kann nie ganz vollzogen werden. doch dass ihre seele tief war und tiefer als die der meisten menschen, davon sprechen ihre gedichte. sie stiess damit hier und da eine tür auf in den seelen der leserinnen und leser, was die millionenauflagen bezeugen.
in ihren ´briefen aus schulzenhof´ liess sie erkennen, dass ihr das leben neben ihrem bekannten mann nicht nur leicht gefallen ist, zeigt, wie eine symbiose, vom publikum bewundert und gelobt, auch risse haben kann.
über ihre gedichte hinaus wird sie mir noch lange anstoss sein, mich ihrem leben zuzuneigen, nicht zuletzt deshalb, weil ich glaube, aus gelebtem leben lernen zu können.
meine hochachtung
rosadora



das jahr beginnt – das jahr endet.
erst ist es neu, dann ist es alt.
das alte ist vorbei, das neue beginnt.
diese lineare historische zeitidee reisst mir alles auseinander.
zyklische zeit lässt nichts heraus fallen, nichts ist wirklich vorbei.
alles ist in mir und dann liegt es nicht hinter mir, sondern vor mir.
ich kann es anschauen.
das was kommt, ist nicht sichtbar.
in amarete in den anden, bolivien, sehen die menschen die zukunft hinter sich, weil sie diese ja noch nicht sehen können und die vergangenheit liegt vor ihnen. (prof. dr. ina rösing kennt sich da genauer aus).
von was soll ich mich da am ende eines jahres verabschieden, wenn es doch in mir bleibt.
und ein jahr neu beginnen hiesse, es schon gut vor mir sehen zu können, was nicht so ist.
von dingen kann ich lassen, von orten schon eher nicht.
immer wird ein ort mit den menschen in mir gegenwärtig sein, mit dem erlebten, mit dem erlernten auch.
und meine spur kann ich nicht irgendwann abtrennen, wenn es mir nicht mehr passt.
meine spur beginnt mit meiner geburt und endet mit meinem tot und vielleicht darüber hinaus – wer weiss…
vielleicht sind ein paar knoten drin, vielleicht auch erinnere ich mich nicht an die ganze strecke meiner spur, doch sie bleibt teil von mir, vielleicht bin ich auch die spur.

ein neues buch, ein neues jahr
,
was werden die tage bringen?
wird’s werden, wie es immer war,
halb scheitern, halb gelingen?
ich möchte leben, bis all dies glüh’n
rückläßt einen leuchtenden funken,
und nicht vergeht, wie die flamm’ im kamin,
die eben zu asche gesunken.
Theodor Fontane

wie schön ausgedrückt, wie gross das hoffen ins leben.
doch zuerst bedarf es des GLÜHENS.
manchmal ein bisschen zu wenig, manchmals etwas zu viel.
hauptsache ist, dass es diesen funken in uns gibt,
diesen funken zum leben, der es leuchten lässt
und warm macht und hell und die menschen in unserer nähe erwärmt
und sie gern um uns sein lässt.
wieder ein jahr –
in unserem alter ist das ganz anders empfunden als in jungen jahren,
in denen ein enden nicht mitgedacht ist.
‚halb scheitern – halb gelingen’ – so war es und wird es sein.
die hoffnung auf ein ‚müheloses’ liegt nicht (mehr) drin.
die schmerzen, die pein – von ihnen setzt sich das schöne und gute erst ab. vielleicht nicht mehr gierig sein aufs leben, aber neugierig bleiben,
um dem ‚kleinen glück’ zu begegnen, das in jedem tag liegt,
etwas träumen, damit das geschehen kann.
rose ausländer sagt: ‚der traum hat offene augen’,
also, mit etwas zugekniffenen augen dem sehen eine andere dimension entlocken.
so ist das grosse nicht zu gross und das kleine nicht zu klein,
das schauen relativieren und das hinschauen nicht lassen.
dem NEUEN JAHR eine chance geben und uns.
es nicht vorausahnen,
denn, so sagte die alte seherin kassandra,
‚das, was wir befürchten, tritt bestimmt ein’.
einen freien raum entfalten, in den so manches hinein passt.
die möglichkeit der wahl haben wir ja öfter als wir meinen.
also, wählen wir.
der erste tag im neuen jahr präsentiert sich aufs vorzüglichste.
das wetter beeinflusst unsere stimmung ja nicht unerheblich.
so stellen wir es heute an erste stelle.
und in dem falle einer wetterverschlechterung
nehmen wir etwas anderes aus der vielfalt unseres seins, das uns hochhält, froh sein lässt, heiter auch und dem leben zugeneigt.
das ist es, was ich gerade so denke.
morgen wird es etwas anderes sein.
rosadora

…und ich bin dann mal weg…
danke für euren treuen besuch auf meiner seite
und bis bald
rosadora