ENDLOS – UNAUFHÖRLICH X…

DAS ENDE SCHON ZU SEHEN…
pierre huyghe
human und senior

karlsaue
262 nr. 83

komm mit
wir wollen mal sehen
wo das ende bleibt

nun komm
mach schon

länger halt ich das hier nicht aus mit den vielen menschen

wo bleibst du denn

hier oben können wir es vielleicht entdecken

schau mal in die andere richtung

kein ende zu sehen

rein garnichts was darauf hindeuten könnte

die strapazieren unsere geduld all zu sehr

komm wir verschwinden erst mal im grünen

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH VIII…

A B S C H I E D
pierre huyghe


Jede sprossende Pflanze, die mit Düften sich füllt, trägt im Kelche das ganze Weltgeheimnis verhüllt.

aus: weltgeheimnis
Emanuel Geibel

abschied hat einen geruch

das weiss ich seit heute

im erdloch umduftet er mich

macht mich wehmütig

noch ist es feucht

die erde lüftet aus

ich setze mich auf die steinstapel

ich geniesse die stille

in mir breitet es sich aus

dieses verlassenwerden

der wuchs der pflanzen

er hat mich erfreut

auch glücklich sein lassen

doch nun verabschieden sie sich
frühzeitig

die komposterde hat sie

rasch emporgetrieben

zu schnell

das hat sie keinen widerstand

bilden lassen

gegen regen und wind

die blüten hatten nicht genug zeit

sich ordentlich zu entwickeln

kräftig zu werden

der imker sagt

der honig wird ganz wässrig schmecken

nun liegen sie

breit und platt am boden

die springkräuter

verlieren ihre säfte

werden braun und brüchig

bilden neue morbide muster

er kam zu früh

der niedergang

das macht die wehmut

den schmerz im herzen

das leben war zu kurz

anderswo wachsen die springkräuter

noch bis zu beginn des frostes

es wird sich auflösen

es wird sich verwandeln

der boden ist bereitet

die neuen pflänzchen

strecken schon ihre köpfe heraus

kommen und gehen

leben und sterben

immer wieder schenkt uns

das kommen die freude

das gehen die traurigkeit

vielleicht
weil wir wissen

dass das

auch unser weg ist

irgendwann einmal

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH IX…

MORBIDE SCHÖNHEIT
pierre huyghe

fast übersteigt das vergehende das kommende in form und farbe. alle phasen der farbskala durchläuft es, ehe es zu staub zerfällt.
morbide schönheit – so leicht übersehen wir sie, bei den pflanzen wie bei den menschen.
superlative haben die ganze aufmerksamkeit.

erst da, wo wir das ganze sehen, den kreislauf, beginnt das staunen. nur schönheit, nur grösse, nur gewinn hat die aufmerksamkeit nicht lange, das staunen zerfällt in blindheit, in dumpfheit auch.
die stengel der springkräuter zaubern die ganze farbskala und ein jeder in anderer weise. die sonnenstrahlen fallen durch sie hindurch, tauchen die umgebung und mich in schönes licht.

wenn ich auf die trete, die schon am boden liegen und quer über den schleichpfad, geben sie einen ton von sich, nicht schmerzhaft, ehr wie ein klang, ein lied sogar. ich singe es weiter.

die königskerze macht einen wunderbaren bogen und wendet sich über eine andere pflanze. sie scheinen den weg gemeinsam zu gehen. welch tröstliche vorstellung.

auf einem anderen stiel einer springpflanze wirft ein blättchen den umriss eines OM – alles tönt, alles singt.

mein abschiedslied von gestern verstehe ich erst heute, da ich am selben ort stehe. es ist die vorstellung, dass nach ende der dOCUMENTA von eben auf jetzt alles platt gewalzt werden könnte. damit ginge mir der ganze ort verlustig.
ich hoffe, dass es behutsam erfolgt und ich immer wieder hierher kommen kann.

ENDLOS – UNAUFHÖRLICH… VII

PIERRE HUYGHE
untilled

karlsaue
262 nr. 83

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sie hören nicht auf – die gespräche in pierre huyghes kompostierungsanlage. und sie dürfen auch nicht aufhören, da, wo es um die rettung der bienen geht.
die bienen sind die hoffnungsträger in einer gefährdeten gegenwart. ihnen wird die potenz zur veränderung der welt zugemutet. nur hoffnungsfrohes gefasel? das bienensterben sendet apokalyptische signale, die auch literarisch nach einer antwort rufen.

DSC_0171_AUSSCHN.

der mensch hat die bienen kranke gemacht. kann die welt an der biene genesen? sind die irrtümer umkehrbar?
der spanische dichter ANTONIO MACHADO (1875 bis 1939) sagt es in seiner zweiten strophe ´soledades´ (einsamkeiten), in dem er von der heilung ´alter irrtümer´ durch die verwandelnde kraft der bienen spricht, so:

letzte nach als ich schlief
träumte ich – wunderschöne illusion!
dass ich einen bienenstock
im herzen hatte;
und die goldenen bienen
machten aus meinen alten fehlern
weisses wachs und süssen honig.

aus dem fehlen und missglücken könnten also – zumindest im traum, in der phantasie – neues baumaterial und wunderbare nahrung werden, dank der fähigkeit der biene, einen uralten stoff in etwas neues zu verwandeln.

angeregt durch das buch von ralph dutli
DAS LIED VOM HONIG
verlag wallstein

die metapher VERWANDLUNG läuft im kompostloch auf allen ebenen und auf vollen touren. das bild der verwandlung, das die bienen verkörpern, bleibt sehr anspruchsvoll. man muss sich informieren um die kreisläufe zu schliessen. da hilft das buch von ralph dutli sehr und zur genüge.

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nun habe ich auch
einen bienenstock
in meinem herzen
warte auf die verwandlung
in mir um mich

das lied der bienen
löst träume aus
bringt uns zu unserem ursprung
damit wir
neu beginnen können

rosadora

um auf die vielen fragen zu antworten

die bienen werden nachts und bei regen mir dem bienenkasten abgedeckt.
sie werden gefüttert und auch gegen die schädlichen milben behandelt.
nach der d 13 holt der imker sie wieder ab.

SAMEN AUSLEGEN…

AMAR KANWAR
the sovereign forest

ottoneum
208 nr. 92

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´the sovereign forest soll die diskussion über unser verständnis von verbrechen, politik, menschenrechten und ökologie neu beleben und zu kreativen antworten anregen. die gültigkeit von poetischen werken als beweismaterial in enem prozess, der diskurs über sehen, verstehen und mitgefühl, über fragen der gerechtigkeit, souverenität und selbstbestimmung – all das verbindet sich in einer konstellation von bewegt- und standbildern, texten , büchern, flugblättern, alben, musik, objekten, organischen materialien, ereignissen und prozessen.
der hauptfilm mit dem titel THE SCENE erlaubt es den zuschauern eine landschaft zu erleben, kurz bevor sie in für den ankauf durch industrieunternehmen vorgesehene reviere aufgeteilt und daurch ausgelöscht wird.´

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es ist eine aufrüttelnde installation, eine sehr poetische ausserdem.
die ausgelegten bücher aus handgeschöpftem papier, mit aufschriften wie:
the forest of time
the tree with no name
the tree of insurgency
the tree of exile
the tree of the nomade
the tree of hallucinations
the tree of ancestors
the tree of sparrows and tubers
the tree of death

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ich ertaste seite für seite mit meinen händen.
handgeschöpft, das ist so selten und einmalig geworden bei uns.
ich habe es in meiner ausbildung als grafikdesignerin noch erlernt und das, was dabei herauskam, war immer eine grosse überraschung und freude. nun kommt es von so weit her in mein erinnern.

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die verschiedenen reissorten, die wie in einer apotheke in fächern geordnet an der wand hängen, werden in indien noch traditionell angebaut. die samen werden von bauern nur an bauern weitergegeben, die dadurch unabhängig vom internationalen saatguthandel bleiben. damit wird die artenvielfalt in ihrer region erhalten. ich staune über so viel konsequenz und zusammenhalt.

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der film erwirkt durch die langanhaltenden sequenzen eine entschleunigung. geduld und genaueres hinschauen entlockt er mir. durch wenige texteinspielungen erlaubt er das sich einlassen und vertiefte mitdenken.

INNERES AUSSEN – ÄUSSERES INNEN…

AASE TEXMON RYGH
abstrakter naturalismus

ottoneum
212 nr. 172

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die skulpturen scheinen sich verirrt zu haben. sie erinnern an die motiv- und formensprache der 60ger jahre, die zeit der ersten documenta. da ging es noch um form und ästhetik, die heute scheinbar fehlt. das hindert viele documenta besucherInnen an einem verstehen.
es ist wie eine insel der erholung. hier ´soll´ man nichts, schönheit pur. ich gehe drumherum, versuche die figuren miteinander in verbindung zu bringen, vereinzele sie – ein augenspiel – ein sehspiel.

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die beiden figuren in der mitte hocken und scheinen zu grübeln. der mensch ist mittelpunkt in diesem ausgestellten werk, was er in wirklichkeit nicht ist, bei weitem nicht. sich selbst überschätzend wird er als erster herausfallen aus der weltenordnung.

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die langgestreckte teakfrau scheint ausschau zu halten nach möglichkeiten. ich kann mit ihr schauen, ich kann durch sie hindurchschauen. was für ein ausblick. die durch das objektiv unscharf gezeichnete ferne verbaut ihn mir gleich wieder.
die frau und das möbiusband gebärden sich wie handschmeichler. ich stelle fest, das werk von asse texmon rygh hat sich bei mir eingeschmeichelt…

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SOIL-ERG – DIE NEUE WÄHRUNG…

CLAIRE PENTECOST
when qou step inside you see that it is filled with seeds

ottoneum
210 nr. 134

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Claire Pentecost
geboren 1956 in Atlanta/USA; lebt in Chicago

Gerade amerikanische Künstler zeigen auf der documenta wie ökologisch sie denken – Claire Pentecost etwa, die Goldbarren aus Kompost formt. „Bei diesem Projekt geht es um den Wert des Bodens, ich schlage damit eine neue Werteeinheit vor, eine Art neuer Währung, die den Petrodollar ersetzt“, sagt sie in der Sendung ttt der ARD.
Pentecost engagiert sich auch gegen den Handel mit Nahrungsmitteln in den USA. Zuletzt bei den sogenannten „Monsanto-Hearings“, bei denen die von dem Großkonzern verursachten Umweltschäden angeprangert wurden.

Pentecoast verehrt den deutschen Künstler Joseph Beuys. Seine Vorstellung von der sozialen Skulptur und davon, dass man sich mit Kunst der Welt und den Menschen nähert habe sie sehr beeinflusst, sagt sie.

Redaktion: sofo / aba, Bild: © ttt

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nach auffassung von claire pentecost sind künstlerinnen und künstler diejenigen, die sich bereiterklären, in der öffentlichkeit zu lernen und das wissen selbst in der kulturellen sphäre der auseinandersetzung über werte zu befragen.

kompost und bienen – das hat sie mit PIERRE HUYGHE gemeinsam. die kreisläufe verbinden sich. vielleicht gelingt dem einen oder der anderen der gedankliche sprung vom ottoneum, von claire pentecost, zu dem projekt von pierre huyghe in der karlsaue.

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das neue wertesystem, das claire pentecost vorschlägt, lässt eine andere gesellschaftliche orientierung auf grundlage des lebendigen ackerbodens vor.

die scheine der neuen währung begeistern allein schon durch die wunderbare art der zeichnungen.
auch die kompostbarren haben etwas betörendes, wenn die abendsonne den goldenen grund auf dem sie stehen, glänzen lässt und den glanz an die barren abgibt.

eine wunderbare arbeit mit tiefem hintergrund.

ENDLOS, UNAUFHÖRLICH VI…

www.momenta 100.de

PIERRE HUYGHE
das lied vom honig

in zeiten höchster gefährdung der honigbienen erscheint ein büchlein von ralph dutli
DAS LIED VOM HONIG, das mir von grosser bedeutung scheint.

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unser leben ist mit dem der bienen diffizil verbunden. ohne die bienen können wir nicht leben. wenn die bestäubung der meisten pflanzen und bäume nicht mehr stattfindet, können wir nicht ernten. grosse recourcen unserer nahrungskette fallen aus.

die biene bedeutet auch uraltes weltkulturgut, schenkt wirksame heilmittel in vielfältiger form, gibt anlass zu tiefgründigen gedanken und reichen symbolen.
in mythen aus griechenland und ägypten waren sie die heiligen tiere der göttinnen und götter. sie waren die kleinen helferinnen des weltschöpfers. sie beflügelten und beflügeln die fantasie der dichterinnen und dichter. martin opitz nennt die bienen zärtlich die ´honigvögelein´. sie waren die vögel der musen.
in dem büchlein ist ein anhang mit zahlreichen poetischen beispielen.

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pierre huyghes bienenfrau ist eigentlich der höhepunkt in der anlage, wenn nicht, ja wenn ihr die hunde human und senor nicht die schau stehlen würden.
am morgen schläft sie noch und auch die bienen. eine bienenkiste für die nacht verhüllt kopf und bienenstock, bis die kiste abgenommen wird.
die bienen bestäuben die im kompostareal angesiedelten aphrodisierenden pflanzen. das springkraut gibt den bienen nahrung im überfluss. es stellt etwa 40mal so viel Nektar her wie eine vergleichbare heimische Pflanze.
ursprünglich wurde es als zierpflanze aus dem himalaya über england nach europa eingeführt. das ist ca. 170 jahre her. dass es sich so rasant verbreitete lässt die annahme zu, dass die menschen schon zu der zeit, oder im laufe der jahre, herausgefunden haben, dass die pflanze diesen hohen nektargehalt aufweist.

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nun nimmt sie überhand, eine bedrohung für die einheimischen pflanzen in dem sinne, dass bienen und pflanzen eine symbiose eingegangen sind. die biene hat in jahrmillionen hochdifferenzierte sensorische und kognitive fähigkeiten entwickelt. ihre tänze und gesänge sind ordnende und formgebende orientierungshilfen.

in pierre huyghes pflanzengarten existieren planzen, lebendige wesen, bauschutt, belebtes und unbelebtes nebeneinander.
ich beobachte, die verwandlungen, die prozesse, die sich hier abspielen, das kommen und gehen, das leben und das sterben. die verknüpfungen, die ich herstelle, helfen mir mein verstehen zu erweitern, meine sicht auf die dinge zu weiten. alles ist mit allem verbunden.

HITZEFREI…

JESSICA WARBOYS
sea painting. minack
pageant roll

südflügel des kulturbahnhofs

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`Konkrete Landschaften und die Natur selbst bilden meist den Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeiten von Jessica Warboys. Von großer Bedeutung sind auch biografische Geschichten und die Beschäftigung mit dem kollektiven Gedächtnis. Warboys Malereien, Skulpturen und Filme tragen Spuren der unmittelbaren Umgebung und performativer Handlungsanordnungen in sich.
Natürliche Elemente wie Wasser und Licht, Farbpigmente, unterschiedliche Objekte und Bildträger werden dabei zu eigenständigen Akteuren. Die Künstlerin macht sich die physikalischen Eigenschaften der von ihr verwendeten Materialien zunutze und setzt diese künstlerisch ein, um poetische Bilder entstehen zu lassen.`
viel gesagt und nichts erklärt…

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hitzefrei ist keiner der räume. die schwüle macht mich schlapp. das wirkt sich aus auf meine begeisterung. das kann ich auch, flutscht es mir heraus und ich kann es nicht einordnen.
´minack´ spricht mich heute nicht an. vielleicht ein andermal.

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das video, das aus einem grossen hölzernen kubus kommt, flattern mir archaische figuren
entgegen, wechseln alte ritualeplätze mit vielleicht neuen. die landschaft südfrankreich bringt mich gedanklich zu den osterinseln, wo die figuren ausgeprägte schädel haben, die hier fehlen.
das auge an der wand lehnend gibt auch keine erklärung von sich.

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einzig der weisse raum mit den säulen und hohen fenstern begeistert mich. er ist mit den objekten vorzüglich genutzt und gestaltet. bänke, auf denen frau sitzen darf, nicht überall darf man das, eine pause ist wunderbar. fehlt noch die klimaanlage und ein erfrischendes getränk. das wäre kunst in diesen heissen tagen…

NICHT SO WEITERMACHEN…

AND AND AND
kiosk in der karlsaue

anzuerkennen, dass wir nicht einfach so weitermachen können, ist ein anfang…

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AND AND AND ist eine künstler/innen-initiative, die nachdenken, welche plätze kunst und kultur heute einzunehmen imstande sind und welche gruppen und gemeinschaften sie ansprechen oder für sich interessieren können.

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der AND AND AND-kiosk in der karlsaue bietet rastplätze, erfrischungen und stärkungen. von käsebrot bis zu heidelbeeren und möhren, alles frisch und bio, locken viele köstlichkeiten zu einer pause. das angebot wird sichtbar gut angenommen. die banktische sind immer besetzt.
gespräche werden ausgetauscht zwischen menschen, die sich vorher noch nie gesehen haben, bekanntnschaften geschlossen, ein treffpunkt, den man gerne wieder aufsucht. meine buttermilch ist programm.

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so sah es aus, das kunstwerk, als es noch nicht eröffnet war. und ich dachte, so eine schöne, schlichte angelegenheit und formschön obendrein.
das kunstwerk versprach einiges und war dann doch so ganz anders.