ALLERLEI GETIER IM URWALD…

jetzt rundet sich das jahr, mein urwaldjahr. in fast wöchentlichen abständen habe ich meine beobachtungen gemacht. es sind jedesmal neue. immer sieht es anders aus, immer wieder entdecke ich neues. das wird auch nicht enden.
der urwald ist mir zur lebensrettender gewohnheit geworden. die bäume und fantasietiere sind mir vertraut. sie gehören zu meinem leben.

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die riesenschlange hält sich mühsam aufrecht…

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mein kriechtier überrascht mich im grünen überzug…

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diesen knülch hier sah ich noch nie…

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baumengel überschaut alles…

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lahme ente duckt sich und will gestreichelt werden…

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der quack schreit laut, damit ich ihn nicht übersehe…

UNSTERBLICH IST DIE LIEBE…

MEIN NEUES BUCH IST DA – NEUE AUFLAGE

UNSTERBLICH IST DIE LIEBE
jüdischer friedhof kassel

88 Seiten auf fotopapier
paperback 17,90 EURO
ISBN 978-3-8391-8183-6

zu bestellen in jeder buchhandlung
oder bei mir

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jüdische friedhöfe geben anschauliche zeugnisse jüdischer geschichte, sind vergangenheit und zukunft gleichzeitig. israelische glaubengrundsätze, zu denen die unantastbarkeit der totenruhe gehört, gewähren den gräbern und grabmalen ein ewigkeitsrecht.

in die ewigkeit ‚wachsen’ können die jüdischen friedhöfe auf diese weise, sofern ihnen in der konfrontation mit verschiedenen geisteswelten nicht das zerstörerische ansinnen anderer widerfährt – was in vielen jahrhunderten der fall war (nicht nur während der hitlerzeit). die ethnologie sagt uns, dass die kultur eines volkes im verhalten zu seinen toten und dem tod am deutlichsten wird.

diese geschichte schwingt zwischen leben und tod, zwischen den gräbern auch. sie rührt an tiefere schichten, auch wo sie in leichteren tönen schwelgt.

MUT ZU SCHREIBEN…

es gehört viel mut dazu zu schreiben.
zu schreiben, wenn es eigentlich gar nicht schreiben will.
es schreibt, oder es schreibt nicht.
dieses ES, es macht mir klar, wie abhängig ich von ihm bin, wie ich ohne dieses ES den ton nicht treffen kann.
ich kann schreiben, aber es ist wie eine mahlzeit, die ich nicht essen will.
ich zwinge mich.
muss mich zwingen, wenn ich sagen will, ich schreibe.
etwas in mir ist dann nicht mit im spiel.
etwas im text ist so, als würde die tiefe echtheit fehlen.
so aufgesetzt, fällt er leicht in sich zusammen.
lacht mich hämisch an, ach so siehst du das.
es sind zwei, die im clinch liegen, das ES und das ICH.
das eine weiss das andere nicht so recht einzuschätzen.
hörten sie sich gegenseitig einmal zu, kämen sie auf die unterschiedlichkeiten, die sie bei gutem willen tolerieren könnten.
aber da sie sich nicht zuhören, kennen sie einander nicht wirklich.

an einem frühlingsabend, da waren sie beide so besoffen vom linden lüftchen, das sie rüttelte, dass sie zueinander purzelten und gemeinsam riefen: na klar, ja, so.
wie denn anders.
das sehe ich genauso.
sie fielen sich um ihre buchstäblichen hälse und schleuderten die tanzbeine in der luft herum.
die stimmung war locker und das ICH und das ES ebenso.
sie rieben sich aneinander und erzeugten beschwingte tanzweisen.
eine ganze weile ging das so.
beide glaubten, sich geeinigt zu haben und sahen schon einer hoffnungsvolleren gemeinsamen zukunft entgegen.
aber das blasierte ICH, verfiel da schon wieder der grübelei und bedenken trafen es mitten im tanzen.
das ES, mit seiner grossen fähigkeit zu merken, gab dem ICH in grosser enttäuschung einen solchen stoss, dass es den abhang hinunter kullerte.
scher dich zum teufel, mach dass du wegkommst, du arroganter schnösel.
das ES wälzte sich im wiesengrün, trampelte den ganzen lerchensporn nieder und flöste sich eine pulle vergissdiewelt ein. es hörte das ICH gar nicht mehr stönen.
das lag platt darnieder und grollte seinem säuferchen, das es so umgehauen, eingelullt und ausserkopf gebracht hatte.
in dieser nacht wurde kein wörtchen mehr geschrieben.

sie schrieben auch weiterhin und bekämpften sich auf die übelste weise.
das ES verliess sich deutlicher auf seinen bauch und das ICH musste sich damit herumschlagen, dass es zwischen den zeilen die flöhe husten hörte.
als SIE mit ins spiel kam, machten das ES und das ICH eine grosse verbeugung und nahmen sich zusammen wie kleine schulkinder.
SIE war nicht immer gewillt in erscheinung zu treten, und so ging das alte lied wieder los.

es gehört mut dazu zu schreiben…

aus:
IM WORTHAUS WOHNEN (erscheint demnächst)
rosadora g. trümper tuschick

IM WORTHAUS WOHNEN…

im worthaus wohnen…

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mein worthaus birgt die allerschönsten möglichkeiten. es verändert sich in der grösse und substanz durch meine aus neugier geborene intensität.

oft lagere ich im keller. da sind die träume verborgen. ich schwinge mit ihnen in sphären, die sich vor dem tageslicht verstecken. sie säuseln und weben. das bedarf äusserster feinsinnigkeit. sie prassen auch und fegen durch die gänge, während andere schleichen und dumm tun. immer sind sie in bewegung. sie lauern in ecken auf mich.
es gibt träume, in die ich mich fallen lasse mit tiefer sehnsucht, es gibt andere, die springen mich an und ich kann sie still erdulden, oder versuchen abzuwerfen. auch verquere schleichen sich ein, die ich nicht zu der kategorie der träume hinzunehmen möchte.
ich liebe die ganz luftigen, leichten, die sich um mich legen wie schleier und in ein gefühl des wohlseins und der geborgenheit einhüllen. die lassen oft mit sich reden. ich kann ihnen zuraunen, bleibt noch ein bisschen. sie sind auch beeinflussbar und folgen mir auf meinen wortwegen. sie huschen leise und können wortverliebtheiten aufspüren und sogar einfangen. das ist nur ganz wenigen vergönnt. diese wenigen mag ich ganz besonders. sie bewirken tiefes bewegtsein, vor allem in den herzgegenden. das ist dann wie sommer und winter zusammen, wie vogelflug im leichten sonnenwind.

das kellerlager muss auch mal wieder aufgegeben werden. schliesslich hat mein worthaus mehrere stockwerke. das erdhafte muss mit dem luftigen verbunden werden. ohne dies würde es leicht muffeln.
wie das hinabsteigen ein bewusster akt ist, so auch das hinaufsteigen. hier geht es nicht um das sichverlieren, es geht auch nicht um das sichfinden. das sichfinden geht nur im verknüpfen des hinauf und hinab. wie dem herabsteigen ein bisschen wegdämmern nichts schadet, so muss das hinaufsteigen von klarem bewusstsein begleitet werden.
von etage zu etage wird aus dem sanften wind ein heftiger. er bläst dir um die ohren. es wird mir mehr und mehr klar, was geschieht. ich kann auch noch träumen in meinen wortetagen. dieser traum muss mit offenen augen geträumt werden. anfangs sind es noch einige träume, die ich miteinander verbinde. je höher ich steige, desto weniger gelingt mir das. dünner wird das wortgebälk meines worthauses, durchsichtig auch. mit sich mehrender transparenz erhalte ich zutreffende sicherheit. ein einziges wort ist der keim deines traumes. diese einsicht haut mich fast um und ich muss sie erst einmal verdauen.

ich lege es darauf an das wort zu entziffern. bei aller klarheit und durchsichtigkeit lässt es sich nicht ohne weiteres benennen. ich erkenne, dass ich auch die letzte stufe meines gebäudes noch erklimmen muss, so wackelig es da oben auch ist und wage es. ich kann es fassen, mein erträumtes wort. ich halte mich an ihm. es übertrifft alle meine erwartungen. mein wort und ich – wir fliegen. ich schliesse die augen, bereit mich tragen zu lassen.

ALLERLIEBSTE ELFENSCHLEIER…

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DSC_4454Im Herbst

Der schöne Sommer ging von hinnen,
der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
so manches feines Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
mit kunstgeübten Hinterbein
ganz allerliebste Elfenschleier
als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
dem Winde sie zum leichten Spiel,
die ziehen sanft dahin und schweben
ans unbewusst bestimmte Ziel.

Sie ziehen in das Wunderländchen,
wo Liebe scheu im Anbeginn
und leis verknüpft ein zartes Bändchen
den Schäfer mit der Schäferin.

(Wilhelm Busch)

VON DER SONNE DURCHSTRAHLT…

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wie leben bäume mit dem wechselnden licht des tages –
mit der sonne, die sie durchstrahlt,
mit dem wind, der sie durchstreift,
mit dem regen, der ihr laub glänzend erfrischt
oder mit dem sternenhimmel?
mit den vögeln, die von ihnen zum himmel aufsteigen,
mit vielerlei getier zwischen wurzeln,
stamm und zweigen?
still, festgewurzelt in der erde
und doch ständig wachsend in bewegung,
mit allen elementen in verbindung,
kräfte empfangend aus erde und wasser,
von sonne und mond, winden und lüften,
der kälte wie der wärme ausgesetzt.

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kein anderes lebewesen spiegelt den kreislauf des jahres wie sie:
im steigen ihrer kräfte, im schwellen ihrer knospen,
in ihrem zarten frühlingsgrün und himmlischen blühen,
in ihrem überfluss und flammenden herbstlaub,
ehe sie ihr leben ganz in sich zurückziehen.
und in der grossen winterruhe, die sie überkommt,
bereiten sie den neuen frühling vor.

gerda gollwitzer

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dann
tragen die lüfte
planetendunst
durch den morgen.
von einem anderen gestirn
niederfallen silbertropfen.
man atmet
den wechsel
der jahreszeit,
von der feuchte zum wind,
vom wind zu den wurzeln.
träume speichernd,
wirkt unter der erd
abgründiges, dumpfes
zusammen
kauert die erdkraft sich,
der gürtel
der fruchtbarkeit
schliesst
seinen ring.

pablo neruda