IM HOHEN LIED DER BÄUME…

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ganz neu, diese gegend,
ganz neu, mein blick,
ganz neu das gefühl zwischen so viel leben, soviel sterben,
beschienen von einer zärtlichen herbstsonne.
die lieder der farben,
sie beginnen im wind zu säuseln, zu singen gar.
farbsinfonie – welch wunderbare töne.
ich beginne zu schweben,
falle ins steppengras,
brombeerzangen klammern.
sonne wirft lange schatten,
in die ich mich stelle,
um gegen das licht
schauen zu können.

die blicke gleiten,
rutschen auf baumschwingen,
machen halt an markantem,
finden sich ein im hohen lied der bäume.

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GELBE STROPHEN…

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gelbe strophen

im regen losgelaufen
und festgestellt,
wie alles intensiver duftet,
die verhaltenen farben
auch ihren reiz haben,
der entschluss belohnt wird.

und wenn sich später die sonne zeigt,
wenn ein herbsttag so zuende geht,
wird einem ganz froh ums herz
und man wagt zu denken,
dass es ein erfüllter tag war.
die sonne im bunten laub,
zieht in bann.
ich wende mich noch einmal um,
lasse den tag vorbeiziehen
wie einen film, den ich mir wünschen,
aber nicht selber aussuchen konnte.

das kleine glück
in gelben strophen

ROT WIE… WEISS WIE… KOHL AUF DEM FELDE…

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keine kohlfelder in diesem jahr in unserer gegend. ich hatte gehofft, wieder felder zu finden – zu fotozwecken selbstverständlich.
diese fotos sind zwei jahre alt.
wie blumig die gebärden –
beschützende, traurige, himmelhochjauchzend sie sind.
mich anrühren lassen von der gebärdenfreudigkeit der kohlköpfe.
gummistiefel sind schon angebracht, wenn man sich ihnen nähern will.
und neugier, damit aus der assoziation kohl ein ungewöhnliches bild wird.

vielleicht finde ich noch ein feld.
ich werde durchs land fahren und die augen auf tun.

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MEIN HAAR WIRD GRAU…

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mein haar wird grau
angesichts
dass die blätter fallen und
angesichts
dass mein haar wird grau
sehe ich
dass wir sterben müssen
mitten im leben
begegnet es uns
lassen müssen wir
ganz leicht werden
noch in dieser zeit
damit einst
unsere seele steigen kann
sich hindurchschlängeln kann
auf den sternenbahnen
auf unserer reise
zur grossen mutter
der zeit
zur zeitlosen moira
die schicksal gibt
und schicksal nimmt
ganz wie ich will

rosadora

WAS IST DAS LEBEN…

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was ist das leben…

das leben ist eine mohrrübe – weiter nichts, antwortete anton tschechov auf die frage von olga, was das leben sei.

wenn ein schriftsteller und arzt diese frage nicht beantworten kann, wieso sollte ich mir dann den kopf zerbrechen und formulierungen finden, die alle nicht stimmen. wenn ichs trotzdem versuche, kommt so etwas heraus wie: das leben ist das, was du daraus machst – oder, das leben ist alles und nichts – das leben ist verheissungsvoll und nichtig, jenachdem. das leben, um im bilde von tschechov zu bleiben, ist eine gurke.

manchmal ist es wie eine grosse pfütze – du spiegelst dich darin, du springst darüber oder fällst hinein. du musst auf sie aufpassen, auf die pfütze, damit sie nicht austrocknet und verschwindet. mit der welt und dem leben wird es sich ebenso verhalten – eines tages sind sie einfach verschwunden…

ist der traum wirklichkeit
oder die wirklichkeit traum
was
wenn nichts wäre
was
wenn das nichts alles ist
meine traumwirklichkeit
füllt das nichts
im wirklichkeitstraum
fällt es heraus
nichts ist alles
alles ist nichts
relativ
die betrachtensweise
aus dem nichts kommen wir
in das nichts gehen wir
und wo sind wir jetzt

rosadora

DER SEEROSENGARTEN…

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den seerosengarten so in ruhe vorzufinden, bedarf einer grossen inneren umstellung.
vor ein paar wochen noch leuchteten mir die seerosen in ihrer ganzen schönheit entgegen.
nun wollte ich die herbstfärbung einfangen mit meiner kamera und meinen sinnen.
das war nicht so einfach. es ist eine gut umsorgte und aufgeräumte anlage. der neue rasenschnitt in leichten schwingungen sagte mir, dass das in liebevoller weise geschieht.

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ein herbstlicher wind erzeugte das klappern der pappelblätter. hier und da fiel ein blatt in einen der teiche, fast unauffällig wegen der ähnlichen färbung.
die seerosenblätter lagen fast alle flach auf dem wasser – die unordentlichen und in fäulnis übergehenden waren wohl gerade weggeräumt worden. aber gerade sie sind es, die das vergehen der pflanzen zeigen und das stirb und werde anschaulich machen.

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das sehen wird zur anstrengung, wenn nicht augenfällig ist, was zu einem bild taugt. es dauerte einige zeit bis ich mich eingesehen hatte und das, was ich sah, für ein motiv als tauglich befinden konnte.

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immer wieder setzte ich mich auf eine der steinbänke, um meine augen und meinen rücken auszuruhen. hin und wieder kam auch die sonne zaghaft hervor. als sie sich dann gänzlich zeigte, war ich mit meiner energie am ende.
es wird noch ein nächstesmal geben und schauen, wie die seerosen den winter überdauern.

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fotos aufgenommen im
SEEROSENGARTEN BOLLERHEY
rothwesten

WALTER BENJAMIN…

walter benjamin
zum 70. todestag

vor 70 jahren starb in port bou der philosoph walter benjamin. um der auslieferung an die deutschen zu umgehen, nahm er sich möglicherweise durch morphin das leben. ´Es gibt Spekulationen über die Ermordung Benjamins, welche von einem aufgezwungenen Selbstmord bis zur Tötung durch Agenten Stalins reichen´. (sein suizid ist die mündliche überlieferung eines abschiedsbriefes).
ein gedenkstein zur erinnerung an walter benjamin befindet sich auf dem friedhof von port bou. 1990 – 94 errichtete der israelische künstler dani karavan eine begehbare landschaftsskulptur ´passages´ zum gedenken an walter benjamin.

bekannt, neben den ausgewählten schriften ´angelus novus´, ist der engel gleichen namens von paul klee. eine grosse bedeutsamkeit hat er nicht nur in walter benjamins leben erlangt. seine zuschreibungen erhalten flügel und übernehmen den teil, den der engel, der seine flügel nicht schliessen kann, nicht mehr leistet.

er ist nicht nur ein ´engel der geschichte´, sondern hat längst selbst seine eigene geschichte. von klee flog er zu benjamin, (benjamin kaufte ihn 1921 in münchen), streifte scholem und adorno.
als benjamin 1933 das deutsche reich verlassen musste, verlor er seinen engel. 1935 konnte eine frau (vielleicht hannah arendt) ihm das bild in sein pariser domizil hinüberretten.

heute befindet sich das bild im israel-museum in jerusalem.

mich flog er an, als er auf der d12 im centralen treppenaufgang hing.
der text von walter benjamin ist – so scheint mir – aktueller denn je. was er da heute sieht, ist eine einzige KATASTROPHE, und der STURM, den wir fortschritt nennen, treibt uns unaufhaltsam in die zukunft.

Walter Benjamin
´Es gibt ein Bild von Paul Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf erstarrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt.
Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann.
Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.´