GERTRUDE STEIN…

‚also, wenn wir schreiben, schreiben wir; und die dinge die wir wissen fliessen unseren arm hinunter und werden auf dem papier sichtbar. noch kurz bevor wir sie schreiben, wussten wir eigentlich gar nicht, dass wir sie wissen; wenn sie in unserem kopf als wörter geformt sind, dann ist das ganz falsch und sie werden wie tot herauskommen; aber wenn wir bis zum augenblick des schreibens nicht wussten, dass wir sie wissen, dann kommen sie mit schockartiger überraschung zu uns.‘

diese gewissheit, wenn ich doch nur auf sie vertrauen könnte. oft mache ich die gleichen erfahrungen, dass ‚mich etwas schreibt’, dass wir das, was wir wissen, nicht erst in worte fassen können, ehe wir sie schreiben. der denkprozess wäre ein doppelter, ein bereinigter, sozusagen, nicht echt, nicht fliessend. ich mache die erfahrung, wie die sätze dann stolpern, wie sie um die ecke denken, wie sie sich zieren vielleicht, oder aufspielen, etwas besonderes ausdrücken wollen, ohne dass sie es erreichen.

nun schrieb gertrude stein, eine sehr eigenwillige und wagemutige schreiberin, mit dem stift oder füllhalter. da fliesst es auf eine besondere art und weise und das gefühl des fliessens wird durch die tinte sichtbar. die wörter fliessen vom kopf den arm hinunter durch die hand und den füller aufs papier ohne unterbrechung, es sei denn, die gedanken im kopf sind nicht konzentriert beieinander.

ich schreibe gern in den pc. da kann ich die wörter schneller herauslassen als beim schreiben mit der hand. die gedanken sind ja schnell, schnell wie blitze – blitzgedanken sozusagen. da muss ich schnell hinterher, sonst überlagern sie sich, verwickeln sich miteinander und ich kann sie nicht mehr entwirren. dass sie mit ‚schockartiger überraschung’ zu mir kommen ist höchst selten. aber manchmal wundere ich mich schon, wie sich das angesammelte wortgewitter entlädt. wie ein bunter regenbogen steigen dann die sätze vor mir auf. farbenprächtig, in vielen farben glitzernd, und manchmal leuchtet auch eines zwischendrin – wie ein stern, der das ganze erhellt, der mir den weg weist. dann eile ich ihm hinterher, bis er nicht mehr zu sehen ist und auch mein wortwettern sich beruhigt.
jetzt flunkert die sonne mir was vor und wäre auch fähig, mich zu inspirieren. aber ich kann ja nicht allen gleichzeitig hinterher.

‚…FORMT WILDER STROM DER ZEIT EIN LÄCHELN RUND…‘ (K. W.)

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vom zeitstrom werden wir weggeschwemmt. schneller trägt er uns davon, als wir dachten. verletzender gebährdet er sich, als wir es wünschten. überrumpelnder ist seine wucht, als wir es uns in unseren köpfen hätten ausmalen können.
der zeitstrom reisst alle mit.

den strom als bild für die zeit zu benutzen, ist ein gefährliches bild. ströme haben etwas mit wuchtigem dahineilen, mit gefahr und überschwemmungen gemeinsames. wir können ihn mit menschenkraft nicht aufhalten, nicht kontrollieren und schon gar nicht in den griff bekommen. Continue reading

… SCHÖNE, SCHEUE SCHÖPFERSTUNDE…

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foto helena sarantidis

Nach einem völlig verregneten wochenende dann dies:
Ich sitze bei meinem kaffee, etwas wolkenverhangen beginnt der neue tag, die uhren sind auf ‚winterzeit’ umgestellt – nur meine nicht, da ist es schon acht uhr, statt sieben. Der zeitrhythmus ist mir eingeprägt, er lässt sich nicht einfach um eine stunde ‚verschieben’. Langsam nur werde ich ihn bezircen können.

Also, ich sitze schon eine weile beim kaffee, als – fast unerwartet, doch sehnlichst erhofft – die sonne aufgeht. Genau mir gegenüber. Nach einer sehr schlechten diagnose der ärzt/innen bei einer 15 jahre jüngeren bekannten erhebt sich in mir fast jubel darüber, der sonne zu begegnen und das am vorletzten tag im oktober. In mir singt es: ’ jeden morgen geht die sonne auf…’ und ich singe das lied leise für mich, lausche den worten – etwas sorgfältiger als sonst, kann ihnen nach, auch wenn mir ‚normalerweise’ die worte etwas zu pompös od. kitschig vorkommen. Den tränen nahe empfinde ich etwas wie ‚demut’ – ein heute kaum verwendetes wort und es zu erklären gelingt so gut wie nicht; nur die situation vermag es zu füllen, hat den mut dazu.

Das ‚wolkentor’ durchbrechen – wie es der sonne gelingt… Unser tor in den neuen tag aufzustossen ist sehr abhängig von sonne und wolken und weissen schleiern. Sie umschmeicheln uns, legen sich drückend auf uns oder schliessen uns völlig ab von der welt. Wir können uns oft dagegenstellen, aber nicht wirklich. Der rhythmus, in dem wir schwingen, macht uns schwindelig, wenn wir uns dauerhaft gegen etwas stellen, was uns geborgen umschliesst, ein teil von uns ist.
Nun ist auch noch ein strahlend blauer himmel über mir, wo es nach dem wetterbericht doch eigentlich regnen sollte.
Ich will den tag für mich als einen besonderen erleben…

Hermann Claudius

Jeden Morgen geht die Sonne auf
In der Wälder wundersamer Runde.
Und die schöne, scheue Schöpferstunde,
Jeden Morgen nimmt sie ihren Lauf.

Jeden Morgen aus dem Wiesengrund
Heben weiße Schleier sich ins Licht,
Uns der Sonne Morgengang zu künden,
Ehe sie das Wolkentor durchbricht.

SO BLAU DAS BLAU…

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insel mainau

der heutige tag, der 26. oktober 2006, er wird mir unvergesslich bleiben.
25 grad wärme, wie im hochsommer. es ist der wärmste tag im oktober seit temperaturen gemessen werden. und so blau der himmel, so blau…
nur die schatten sind kühler als im sommer, sie sind auch länger. das macht das fotografieren um einiges schwieriger.

zum glück sind neben dem fotografieren so viele andere eindrücke geblieben. zum erstaunen: neben dem azurblauer himmel, mittagessen und draussensitzen in der so angenehm wärmenden sonne; sattes grün, wie im späten frühling nur; Continue reading

H E R B S T S I N F O N I E . . .

INSEL MAINAU – 22. oktober 2006

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diesen blick wünsche ich mir aus meinem zimmer, so verwunschen, so zauberhaft, so warm und erheiternd.

Die letzten oktobertage waren ein geschenk – sonnig und mich erwärmend und herauslockend. Gleich an zwei aufeinanderfolgenden tagen spielte ich ‚frederik’ – farben sammelnd für kältere tage.
In die rosenbeete zog es mich mit dem fotoapparat. Der spielte verrückt oder vielleicht war ich es auch in meiner euphorie. Dem morbiden auf der spur, das für herbst steht und das vergängliche. Continue reading

ELFRIEDE JELINEK…

ELFRIEDE JELINEK wird 60 –
ihre österreichische kollegin CHRISTINE NÖSTLINGER wird 70

während elfriede j. häufig gelobt, aber unglaublich vielmal mehr beschimpft und niedergemacht wird, erntet christine n. lob um lob ohne tadel, weil sie ‚den nerv der zeit’ trifft.

‚den nerv der zeit’ triftt elfriede j. ebenso, aber jeweils in einer skrupellos kritischen, unerhört anstrengenden art und weise, dass sich jede/r gleich gemeint fühlt, obwohl kaum jemand etwas recht versteht. Continue reading