
vieles hab ich im leben gesammelt:
worte, bilder, disteln und steine,
muscheln, hölzer und samenkapseln,
scherben, bitternis und schweigen.
eines hätt ich so gern geborgen:
die verkommene güte des menschen.
christine busta
aus: salzgärten
1975

vieles hab ich im leben gesammelt:
worte, bilder, disteln und steine,
muscheln, hölzer und samenkapseln,
scherben, bitternis und schweigen.
eines hätt ich so gern geborgen:
die verkommene güte des menschen.
christine busta
aus: salzgärten
1975
wer sie einmal wahrgenommen hat, vergisst sie nicht. in ihrer vielfarbigkeit, ihren satten, warmen farben leuchtet sie in den spätsommer hinein, leuchtet in den tag, wälzt sich in mein herz.
als einzelstaude habe ich sie fast übersehen. erst durch die vielen sorten im ALTEN BOTANISCHEN GARTEN in GÖTTINGEN wurde ich auf sie aufmerksam. sie trugen auch geheimnisvolle namen neben CANNA. ich hab sie mir leider nicht notiert. canna ist arg trocken und weckt eher asoziationen zu eisenrohren als zur wunderschönen pflanze der canna.
immer mal wieder kam die sonne. viele menschen hatte der kräutergarten angelockt. später dann wurde ich noch pitschepatschenass.
unter den sonnenschirmen des café botanik wartete ich den regen ab bei kakao und kuche. war aber nicht. als ich schon auf der heimfahrt war, kam die sonne wieder heraus.








Alles schlummerte. Die Luft, warm und duftgeschwängert, war regungslos;
ab und zu durchflog sie ein Zittern, wie das Zittern des Wassers, das vom Fall eines Zweiges berührt wird.
Man fühlte ein Sehnen, eine Art Durst in dieser warmen Luft.
Ich beugte mich über den Zaun: vor mir streckte ein wilder roter Mohn aus dichtem Gras seinen schlanken Stengel hervor:
ein großer runder Tropfen nächtlichen Taus glänzte in dunklem Schimmer auf dem Grund der geöffneten Krone.
Alles umher war wie in sich selbst versunken;
alles schien hingestreckt, unbeweglich und erwartungsvoll den Blick nach oben gerichtet zu haben.
Worauf harrte diese blaue, träumende Nacht?…
Turgenjew, Iwan (1818-1883)
und die auf dem jüdischen friedhof kassel
israelische glaubengrundsätze, zu denen die unantastbarkeit der totenruhe gehört, gewähren den gräbern und grabmalen ein ewigkeitsrecht. in die ewigkeit ‚wachsen’ können die jüdischen friedhöfe auf diese weise.
DIE GRÄBER AM 25. APRIL 2010





dass das auf dem kasseler jüdischen friedhof nicht der fall ist, musste ich gestern schmerzlich in augenschein nehmen.
gräber, die auf idyllische weise mit efeu umrankt waren, sind nun kahl, der boden umgegraben und gras eingesät. es hat mir das herz umgedreht – diese ordnungsliebenden und verordnungswilligen menschen.
von unantastbarkeit und ewigkeitsrecht nichts zu spüren. wer dies beschliesst und verordnet toleriert die gepflogenheit der juden nicht, nimmt die verfolgung auf über den tod hinaus.
die ausführenden können nichts dafür. aber unwissenheit und gehorsam ist schon immer das übel in der welt gewesen und wird es immer sein.
DIE GRÄBER AM 31. AUGUST 2010




und dieses wegreissen des gewachsenen ist nicht das einzige. da sind zwei grabstätten hergerichtet worden, in schwarzem marmor, so glänzend gold beschriftet, dass es mir übel wird. auf diesem friedhof wird schon seit vielen jahren niemand mehr beigesetzt. dafür gibt es den neuen friedhof seit 1932.


endlich unantastbarkeit wünsche ich mir für diese toten, die für mich lebendiges zeugnis ablegen.



sonnenrose
so aufrecht so gerade
so zerbrechlich wie glas
fängst du die sonne
in deinem blütenkranz
dein langsames kommen
dein schnelles gehn
erhellst du den sommer
an seinem höchsten punkt
sagst dem regen
nicht zu lange
sagst der nacht
ach geh vorbei
sonnenrose
reine sommefreude
rosadora









Wolken seh ich abendwärts
Ganz in reinste Glut getaucht,
Wolken ganz in Licht zerhaucht,
Die so schwül gedunkelt hatten.
Ja! mir sagt mein ahnend Herz:
Einst noch werden, ob auch spät,
Wann die Sonne niedergeht,
Mir verklärt der Seele Schatten.
Ludwig Uhland, 1787-1862







jede jahreszeit ist wie ein verschwindend kleiner punkt.
kaum gekommen, ist sie schon wieder entschwunden.
jede alljährlich wiederkehrende erscheinung
ist wie eine erinnerung, wie ein stichwort.
ein jahr besteht aus einer reihe von gefühlen und gedanken,
die ihre sprache in der natur finden.
jetzt bin ich eis,
jetzt bin ich sauerampfer.
henry d. thoreau

…und ich selber mittendrin…
das ist eine neue erfahrung, in einem maisfeld, nicht, dass ich sonst nicht irgendwo mittendrin stecke.
was willst du denn mit maisfotos?
das weiss ich noch nicht. vieles erschliesst sich mir erst durch mein neugieriges tun.
mais zu fotografieren ist nicht einfach. pflanze an pflanze und so dicht beieinander.
aber ich passe in die lücken. geschick und vorsicht sind erforderlich, vorsicht, die pflanzen nicht zu verletzen oder gar umzutreten. ich zucke schon zusammen, wenn ein blatt mit einem hörbaren knack einen knick bekommt. jedesmal entschuldige ich mich, wenigstens das.
die spitzen der maiskolben, die ausschaun wie haarschöpfe, nehmen sich so verschieden aus wie menschliche frisuren. sie sehen bei regen anders aus, und eigentlich am schönsten, als bei sonnenschein.
die maisköpfchen stehlen allem anderen die schau. ich brauche lange, bis ich sie wirklich wahrnehme. es ist sehr anstrengend, das wesen einer pflanze zu erkennen, wenn überhaupt. ganz mais werden – das ist das geheimnis.
noch vor dem sehen kommt vielleicht das riechen. während ich schreibe, umgibt mich der geruch des maisfeldes, dieses ganz bestimmten feldes. ob andere ebenso riechen weiss ich nicht. durch den dünger hindurch muss ich das maisspezifische erkennen. etwas herbes vermischt sich mit süsslichem und zwar bei regen intensiver als bei sonnenschein.
und dann ist da ein windchen. das spielt mit den blättern, macht ein rauhes geräusch, dass ich zuerst schaue, ob noch jemand im feld ist. ausser einem mäuschen ist da nichts. ich bin nicht ängstlich, aber aufmerksam. da ist auch noch der mähdrescher. ich sehe ihn nicht durch die hohe maiswand, aber immer mal wieder kommt er verdächtig nahe. es ist noch keine maiserntezeit, er gehört zur wahrnehmung des maisfeldes und sein drumherum.
das schauen und das andere schauen.
etwas sehen und etwas anders sehen.
es ist eine grosse anstrengung für die augen und für die sinne.
es erschöpft mich.
nach einer guten stunde sehe ich erst spezieller und später garnichts mehr.
ich gehe morgen wieder hier her, oder übermorgen und verfolge den weg des maises.
wenn er dann abgeerntet ist, habe ich ja noch die erinnerungen und die bilder.
es sind die überlegung zur maisgöttin, zu den mayas, denen der mais eines der wichtigstens nahrungsmittel war.
und die frage, was wird heute bei uns mit dem mais gemacht. im speiseplan nimmt er keine grosse rolle ein. es geht darum, einen treibstoff herzustellen. und da kollidiert das wichtigste mit dem unwichtigen.
für mich ist mais noch ein drittes.
maisbilder nähren meine seele.
sie zeigen mir die verbundenheit mit allem.
ich bin dann ein teil von dem mais,
die maisbildgöttin…








DAS NEUE BUCH IST DA….
fotoband 15 x 21 cm

zwischen himmel und erde
das wasser
zwischen erblühen und verblühen
die entfaltete schönheit
der wasserrose
zwischen schauen und rückschau
die erinnerung
zwischen blicken und erschauen
das tiefe berührtsein
zwischen blütenblättern und staubgefässen
der erzitternde mondscheinduft
zwischen blattgrün und rosenklang
zwei frösche
im reich ihrer glückseligkeit
76 seiten
13,90 euro
ISBN:
9783842306738
BodD Nr.:
729098
zu bestellen:
im buchhandel
bei bod
bei mir




3. august 2010
ein sonnenblumen-allerleikräuter-feld war es, das mir völlig unvermutet in mein blickfeld sprang, vielfarbig sich ausbreitend. halt doch mal an, rief ich. mirko stoppte und fuhr das auto links ran auf einen feldweg.
ich war auf der suche nach heilpflanzen, die ich fotografieren wollte für ein buchprojekt. das feld begeisterte mich mit seiner vielfalt an pflanzen und alle zwischen sonnenblumen, von denen erst wenige ihre blütenpracht entfaltet hatten.
am rande des ackers waren genug blumen und blüten. ich war ganz erregt ob des reichen fundes. am frühen morgen noch hatte es geregnet, das machte einen besonders starken duft der erde und der pflanzen. tief atmete ich ihn ein, tief, damit ich mich später noch erinnern konnte, pflückte das ein und andere blättchen ab, zerrieb es zwischen meinen fingern und schnupperte daran. eines war darunter, das kannte ich nicht. es roch sehr stark, aber für mich undefinierbar. es hatte schon samenbällchen gebildet. von denen tat ich einige in meine hosentasche. die fünf schien symbol zu sein. um den stengel fünf stengelchen im kreis, auf den stengelchen jeweils 5 kugelige samen.
die sonnenblumen schauten nach osten und um sie fotografieren zu können, musste ich ins feld steigen durch die hohen kräuter und disteln. ich zögerte nicht, obwohl ich schon bei den ersten schritten nass bis an meinen bauchnabel war. nun machte es ja nichts mehr tiefer hinein zu waten. zwischen den einzelnen sonnenblumen war jeweils ein grösserer abstand, so dass ich durch das halbe feld musste, um ein paar sonnenblumenfotos zu bekommen. die sind ergiebig als bild und erfreuen. einige bekam ich zusammen. dazwischen malven, dunkelrot blühend und auffallend schön, zwischen kamille und dill und phazelien, disteln, knöterich und boretsch und eben diesem stark riechenden 50 bis 60 cm hohen gewächs, das ich mal als anis bezeichne und bei ausgereiften samen bestimmt seinen wirklichen duft preisgibt.
eigentlich wären das genug motive gewesen, aber da war noch das maisfeld. von aussen sprang mich ein maisköpfchen an, und noch eines und noch eines. so geriet ich irgendwie zwischen die hohen maispflanzen und liess mich locken von den zahlreichen formen und windungen der blätter, den kleinen und grösseren maiskolben so langhaarig. der regen hinterliess tropfen an und auf den blättern. das war ein grosser anreiz. sie hätten mich an tränen erinnern können, an sorgenvoll durchwachte nächte. aber mir erschienen sie eher als freudentränen, wie durstlöschende labsal.
mirko war einer spinne im netz hinterher und wartete darauf, dass sie sich ihm zuwendete, damit er sie von vorn fotografieren konnte. den gefallen tat sie ihm nicht. drumherum gehen war nicht. sie sass kopfunter und ihr netz in einem graben, so dass es eine andere seite nicht gab.
für diesmal wars genug. wir wollten ja zum edersee. vom regen liessen wir uns nicht abhalten.
die ederseegeschichte will ich hier nicht erzählen, nur so viel: auf schloss waldeck wollten wir gut und genussvoll essen und wurden enttäuscht….
NS.
die undefinierbare pflanze war übrigens
KORIANDER