ICH BIN KUNST…

ROSADORA G. TRÜMPER TUSCHICK
kulturbahnhof
326 nr. 1313

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es ist eine kunst in unaufgeräumten pflanzenwucherplätzen so etwas wie ein bild zu entdecken. ich bin auf der suche, es findet mich – das bild. es ist ein blick ins ungemütliche. doch dann leuchtet etwas auf, sagt, nimm mich. ich nähere mich ihm, vielleicht bin ich auch schon zu nah, wähle einen passenden ausschnitt für diesen schreihals und drücke meinen auslöser. gut gewählt. eine gelungene kreation nach rosadoraart. art wird daraus erst, wenn eine andere/r in dem bild etwas sieht, das nur sie/er sieht.

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das ist überhaupt das wichtigste, um etwas kunst zu nennen, dass ein bild, ein objekt, aus verschiedenen blickwinkeln angesehen, in verschiedenste richtungen gedeutet werden kann. das machwerk des künstlers ist sein ding.
in eine volle absicht gedrängt ist es nicht mehr seines, es geht in die welt und soll etwas und ich soll dann auch etwas damit anfangen können. das ist ziemlich schwierig und oft nicht nachzuvollziehen. ich kann mir einen eigenen schubs geben aufgrund der anregung und es in eine richtung wenden, die dann aber auch ganz falsch sein kann. das ethält kunst auch – dass sie falsch oder gar nicht verstanden wird. oft verstehe ich dinge nicht gleich, aber später, nachdem eine weile, oder gar jahre, vergangen sind, leuchtet mir etwas auf zu dem thema. das ist dann ein ahaerlebnis und sagt mir, dass ich geduld haben muss mit mir und der kunst.

der kunstbegriff hat sich enorm verändert, von der schönen kunst zur verändernden kunst.
sie will die welt verändern, ein mitspracherecht haben. dazu braucht es eine grosse anzahl von künstlerinnen und künstlern, über die ganze welt verteilt.
dass viele sich hier in kassel einfinden, müsste uns eine ehre sein, denn sie machen für 100 tage unsere stadt zum kunstmittelpunkt.

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ich will mit meiner kunst den menschen das sehen, das genaue hinsehen, vermitteln. das lässt sich auf allen gebieten einsetzen und ist grundlage für weltwahrnehmung.

ich sehe kunst
ich höre kunst
ich fühle kunst
ich rieche kunst
ich erfinde kunst
ich bin kunst
mit allen meinen sinnen

MENSCHLICHE UND ANDERE WESEN…

DONNA HARAWAY
WORDLY HOUSE

KARLSAUE
318 NR. 187

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das schwanenhäuschen ist mächtig durchgelüftet worden. ich kenne es über jahre schon und finde seine lage durch alle jahreszeiten hindurch in immer veränderter gestalt einzigartig.
nun hat es einen zugang über eine kleine brücke für menschen. es birgt keine tiere, sondern menschenmachwerk in spezieller, sehr spezieller form. ein archiv mit vielen büchern, computern mit kopfhörern, an denen man herumscollen kann – je nach belieben. das hauptaugenmerk des archivs liegt auf der wahrnehmung von leben, dem in-der-welt-sein und dem zusammenleben zwischen menschlichen und anderen lebewesen. es soll verbindungen zwischen allen lebewesen untersuchen und vielleicht zu ihrer umgestaltung anregen.

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es ist zu schwül und heiss in dem kleinen dunklen raum. schnell habe ich das empfinden, ich muss hier wieder raus.
bei meiner fotoumschau kann ich noch den erwähnten karpfen einfangen – in echt. ich lasse ihn durch meine bilder schwimmen. das gibt dem ganzen etwas lebendiges. das stimmengewirr kommt aus den lautsprechern.
die schattenspiele des lichtes und die spiegelungen auf dem wasser faszinieren mich.

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draussen fühlen sich schwäne und enten angezogen und zeigen keine scheu vor den menschen.
ein schnuckeliges häuschen ist es geworden. ich würde gerne den waschbären konkurrenz machen und hier nach der d 13 einziehen und es zu meiner schreibstube ernennen.

ich kenne das schwanenhäuschen schon über jahre…
so sah es aus…

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KOSTBARKEIT UND FLÜCHTIGKEIT…

ANNA BOGHIGUIAN
UNFINISHED SYMPHONY

fridericianum
48 nr. 31

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anna boghiguian glaubt, dass das seelenleben der menschen durch das gefüge der städte geprägt ist, dass das selbst von den mauern der kulturellen konstrukte bestimmt wird, die die städte füllen. ausserhalb dieser mauern ist man ein freier mensch.

annas geschichten erzählen geschichten, die persönliches und politisches vermischen und zwischen vergangenheit, gegenwart und der mythologischen zeit wechseln, um die ´faktizität´ zu dekonstruieren und sie in poesie zu verwandeln.

aus dem begleitbuch

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voller leben, voller symbolik, voller geschichtlicher niedertracht in übersprudelnder farbpracht sind ihre bilder, aber auch voller poesie ohne die kein leben ist.
die farbigkeit lockt, zieht mich an und dann falle ich drauf rein und hinein und bin selbst mit in dem farbtopf und ich weiss nicht, wie ich da wieder heraus kommen soll.

auf einem der bilder lese ich ´settled´, ein begriff für den es, aus dem zusammenhang gerissen, unglaublich viele übersetzungsmöglichkeiten gibt – festgelegt, entschieden, besiedelt, abgemacht, erledigt, festgesetzt, beständig, ruhig, sesshaft, niedergelassen, eingeschwungen, topp…
ich entscheide mich für eingeschwungen, wage, im bild eine schlange mit hörner zu erblicken und nun versuche ich mir meine eigene poesie zurechtzulegen, erkenne auch darin die kostbarkeit der flüchtigkeit.

anna lebt in dieser welt, den begriff weltbürgerin findet sie problematisch, darin kann ich mit ihr voll übereinstimmen.

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DA WAR DIE SCHRIFT…

FABIO MAURI
fridericianum
48 nr. 31

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„Fußmatten-Ausschnitte“ (2009)
die dinge sind ganz einfach. sie liegen am boden, ich kann sie betreten, ich kann sie auch anfassen, zum gestalterischen prinzip in meinen bildern machen, aber verstehen, was sie sollen, kann ich nicht. es ist schwierig, die in die grossen fussmatten geschnittenen sätze zu entziffern. ein italienisches ehepaar kommt mir zur hilfe. die frau kann mir den text ins englische übersetzen. es entstehen immer gestenreiche und freudvolle gespräche, wenn man versucht, mit allen sinnen inhalt und verständnis zu vermitteln, wo die sprache der anderen nicht verstanden wird..
immerhin kommt ein gegenseitiges fotografieren vor dem bild, was ja keines ist, THE END, zustande. austauschen von visitenkarten, ich schicke die bilder…

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„Schermo – The End“ (1970)
die bilder an den wänden zu fabio mauris werk, der 2009 in rom mit 83 jahren gestorben ist, die nichts zeigen, doch viel abverlangen.
ich mag diese LEERSTELLEN, wo immer sie auftauchen. ich kann sie füllen, hier mit schattenspielerei, an anderer stelle fange ich ein männerportrait ein – es gibt viele möglichkeiten. es erfordert zeit, genaues hinsehen und wahrnehmen und etwas glück. das licht muss mitspielen, meine fantasie auch.
eines der aus weissen leinwänden bestehenden bildern enthält die matapher THE END. vom ende des raumes bis ende des tages oder ende der ausstellung hin bis zum ende dieser tage… es ist nicht nur ein wort. es holt dich ab, wo immer du dich auch grad befindest.
der raum ist angenehm frei, die leut fliegen hindurch, halten sich nicht lange auf. ich verbringe einige zeit darin, spiele mit dem licht, den farben und den formen.
die leerstellen an den wänden, die schrift am boden – sie werden mich noch eine weile beschäftigen, bis mir von irgendwoher eine deutung zugetragen wird.

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TEAPARTY…

ROSEMARIE TROCKEL
tea party p a v i l l o n
karlsaue 312 nr. 176

im tea party p a v i l l o n von rosemarie trockel findet die party nicht statt. wo aber dann?

begrüsst werde ich mit einem mich als erstes konfrontierenden plakat mit ´greetings´ von wickelbraten und schweinerippen.
so geradlinig wie die form des hauses, die mich sehr begeistert, ist die botschaft nicht. das ist offensichtlich absicht, denn auch im begleitbuch befindet sich kein hinweis auf dieses objekt.

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auf der dX waren es schweine, die man sehen und riechen konnte.
hier ist vom tea keine spur. wenigstens ein leichter teaduft könnte die räumlichkeit durchziehen und mich umschmeicheln, um die fantasien freizusetzen…

eine frau zum tisch dekradiert,
die flugversuche eines ikarus,
die uns bald überwältigende flut von steropur.
nichts scheint den kerl in hockhaltung zu irritieren. umgeben von masken fühlt er sich doppelt sicher.
gipsabdrücke, vielleicht ein bein…

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an der anderen wand noch ein kerl mit krawatte und sonnenbrille ohne ausstrahlung.
oumou sy, die senegalesische modedesignerin sagte kürzlich, die europäischen männer seien die konservativsten und unbelehrbarsten, mit ihren stricken um den hals. nur schweine und sklaven würden (noch) an stricken geführt…
den blick sichert er sich mit einer duklen sonnebrille. zu viel sehen ist gewagt…
zwei frauen belächeln ihn, oder sind sie erfreut.

auch ein anderer lässig auf einer bank lümmelnder typ wird hinterfragt und belächelt…

zum nächsten treff bitte den tee mitbringen.

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DER PREIS DER LIEBE…

ETEL ADNAN
documentahalle
180 nr. 3

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„Sie vermisst den Mount Tamalpais hinter ihrem Haus in Sausalito. Dreißig Jahre lang hat sie den Berg immer wieder gemalt, doch vor zwei Jahren hat sie ihre nomadische Existenz aufgegeben und den Tamalpais verlassen.“

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ihr tun geht aus ihrer tiefen verbundenheit mit dem, was sie umgibt, was sie erlebt, hervor.
sich mit etwas zu verbinden, in etwas zu versenken, hat das starke ansinnen, zu begreifen, für diesen moment des tuns eins zu sein mit der welt.
sie liebt die offene ausdrucksform
wenn sie schreibt, konstruiert sie nicht
es fällt ihr zu
es fällt aus ihr heraus
das beinhaltet höchste identifikation
aufrichtigkeit und ehrlichkeit
sie orientiert sich nicht an sprachlich orientierter kultur

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ein bild ist wie ein gedicht
kurz knapp deutlich
formale reduktion
in die man alles ersinnen kann
je strenger ein gemälde abstrahiert ist
desto mehr enthält es
je mehr kann man hineingeben

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niemand verlangt von dir
ein engel der angst
oder gar des todes zu sein
wir wollen nur
deine haut wäre so glatt
wie die see
an einem nachmittag im oktober
in beirut
libanon
zwischen zwei bürgerkriegen

etel adnan

ZERBRECHLICH ALLEMAL…

THEA DJORDJADZE
ohne titel

karlsaue
250 nr. 50

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eine installation, die nur mit eingabe der künstlerin thea djordjadze, die aus georgien stammt, wo liegt das doch noch mal, das erzählt, was sie soll. gegenwart, vergangenheit und zukunft – verletzlichkeit, veränderbarkeit, verkommenheit, ver…

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es geht ganz leicht. ich mache mein eigenes ding. ein grosser, leerer raum kommt mir sehr entgegen. die schatten der dinge, die spiegelungen und meine farbausschnitte schaffen mein werk.

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ich schaue von allen seiten, in alle richtungen, auf die sich verändernden verbindungen, die die gegenstände unter- und miteinander haben.
ich kanns nicht ausdehnen wie ich will. im für die kunst entlehnten gewächshaus ist es unerträglich heiss. mir wird schwindelig – ende der vorstellung. einer dicken vespe muss es ebenso ergangen sein. sie liegt tot in einem der kästen.
mit der hitze wird alles leichte schwer, wird zur qual.

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angrenzend ans gewächshaus ein wunderbarer blumen und pflanzengarten. a., der ein stipendium für chicago hat und grafik design und visuelle kommunikation studieren will, wendet ein, der gehört nicht zur documenta. ich höre es und sage, für mich schon.
ich erinnere also: gewächshaus mit garten…

WAS ZÄHLT IST DAS MENSCHLICHE…

ANNA MARIA MAIOLINO
here & there

karlsaue
278 nr. 107

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das kunstwerk ist eine erschütterung des bewusstseins

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mein gebiet ist die fantasie
ich präsentiere das leben aus den augen meiner wünsche
ohne datum
aus dem nichts
wo alles beginnt

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was zählt ist das menschliche

ruhe!
befahlen sie
die erwachsenen
es war riskant die wahrheit zu sagen

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tagtäglich übe ich mich in der vertraulichkeit der wörter
kombiniere sie
mit der bestrebung gedichte zu erschaffen

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vorsicht mit der gegenwart
als letzten trost
ich bin nicht ich
ich möchte nicht mehr ich sein
fühle mich im gegensatz dazu gesund
ich kann nicht sprechen

ICH BIN ICH

I

anna maria maiolino

UNDENKBAR…

MARIA MARTINS
o impossivel

NEUE GALERIE
162 NR. 110

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man kommt nicht an ihr vorbei, der raum hat drei durchgänge, maria martins. sie ist eine der wenigen künstlerinnen, die bereits gestorben sind und hier gezeigt werden.
ziemlich windige gestalten tauchen da auf, sie scheinen vom durchzug belebt zu werden.
menschliche, tierische und pflanzliche gebilde, so wie sie CCB im gleichklang genannt und beachtet wissen will, der traditionellen mythologie des amazonasgebietes entlehnt.

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o possivel – undenkbar – scheinen mir die beiden menschlichen wesen wirklich zu sein. sie können zusammen nicht kommen, obwohl etwas auch erkennen lässt, dass sie das gerne versuchen möchten.

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das fischskelettähnliche gebilde mit flügeln und füssen scheint entfliehen zu wollen, hebt fast ab, weiss, was es will.
ich bin erinnert an hans arp, der auf der ersten, zweiten und dritten dokumenta zu sehen war, doch den formalismus der damaligen plastiken hat maria martins überwunden.

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es ist eine schöne geste, die werke der maria martins auf der 13. documenta zu zeigen.
aber die zeit ist vorbei. eine schöne erinnerung…

VON ANGESICHT ZU ANGESICHT…

ZANELE MUHOLI
faces and phases

NEUE GALERIE
164 NR. 124

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erst sind da einmal die ernst und fragend mich durchdringend anschauenden gesichter.
da sind auch die frauen, die sich mit grossem interesse dem videobeitrag anschauen und über kopfhörer anhören.
die portraits sind mit einer konsequenz aufgenommen, welche die eindringlichkeit und das durchdringen durch den mir zugewanden blick verstärken und vertiefen. ich blicke zurück, ich blicke, als stünden diese menschen mir gegenüber und ich kann sie doch nicht erreichen. es ist eine distanz zwischen uns und gleichzeitig sind wir uns sehr nahe. ich schaue, ob sich mir über den blick etwas erschliesst und komme wieder – einmal, zweimal, dreimal, komme wieder und schaue erneut, schaue, schaue, schaue…

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ich versuche, mir den begriff des „queeren“ zu erschliessen und lese:
… „Queer“ will allen Formen von Begehren vorurteils- und wertfrei gegenübertreten, seien es Hetero-, Homo- oder Bisexualitäten, seien es Monogamie oder Polyamorie, seien es Kuschelsex, Bondage, Fistfuck oder Asexualität. Wichtig dabei ist allein die Blickrichtung auf Fragen, wie: Wer bestimmt, was wertvolle, gute, richtige Sexualität ist? Wessen Privilegien werden durch eine solche normative Setzung gestärkt? Wer wird von der Norm ausgeschlossen?“

http://paranoidparadise.de